Wie aktiv und gefährlich ist die Neonazi-Szene Deutschlands? Verfallen ihr immer mehr Jugendliche? Gestern Abend wurde im Kino35 die Dokumentation „Blut muss fließen - Undercover unter Nazis“ von 2012 gezeigt - neun Jahre hat sich ein Journalist unter dem Pseudonym Thomas Kuban in die Rechtsrock-Szene eingeschleust, Vertrauen gewonnen und mit versteckter Kamera gefilmt. Aus Sicherheitsgründen bleibt er bis heute anonym.

Der Titel „Blut muss fließen“ spielt auf den Refrain des Lieds „Blut“ an - einer antisemitischen Variante des „Heckerlieds“ (Das Heckerlied ist ein Revolutionslied der Badischen Revolution von 1848/1849). 2012 gewann der Film auf der Berlinale den 2. Preis des Alternativen Medienpreises. Wir haben den Regisseur Peter Ohlendorf gefragt, wie er die rechtsextreme Gefahr einschätzt und ob die Szene auch in Osthessen aktiv ist.

Regisseur Peter Ohlendorf hat den Film "Blut muss fließen - undercover unter Nazis" gedreht.

Warum hast du diesen Film gemacht?

Das Thema beschäftigt mich privat wie beruflich schon sehr lange. Ich gehöre zur Generation, deren Väter noch im Krieg waren, und ich habe schon damals gerochen, dass sie nicht viel davon erzählen und die Zeit in der Wehrmacht häufig schöngeredet wird. Das hat mich politisiert. Ich bin ein glühender Verfechter von Weltoffenheit und Demokratie – da lag es nahe, diesen Film zu machen.

Warst du von Anfang an bei der Recherche von Thomas dabei?

Nein, ich habe ihn kennengelernt, als er schon vier Jahre mit versteckter Kamera in der Szene unterwegs war. Ich fand das irre und meinte zu ihm: Das schreit nach einem Dokumentarfilm. Wir haben beide versucht, das mit den öffentlich-rechtlichen Sendern umzusetzen. Leider war das Interesse an seinem Undercover-Material bis auf ein paar kleinere Beiträge wie im Politmagazin „Panorama“ nicht besonders groß. Selbst meine Kontakte durch meine jahrelange Arbeit bei den öffentlich-rechtlichen Sendern reichten nicht, dass jemand aufsprang. Wir mussten die Doku dann selbst finanzieren.

Warum war das Interesse nicht da? Kratzt die Öffentlichkeit nach wie vor nur an der Oberfläche in Sachen Rechtsterrorismus?

Naja, seit dem Bekanntwerden vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) sind Medien, Sicherheitsbehörden und Politik hier schon hellhöriger, aber ich bezweifle, dass das ausreicht. Der Film zeigt, wie wenig Interesse auch die Medien an dem Thema vor der Selbstenttarnung des NSU hatten. Sehr stark ist der islamistische Terror im Fokus, aber man muss mit aller Deutlichkeit sagen: Der Nazi-Terror ist der Terror Nummer 1 in Deutschland, nicht der islamistische.

Hat Thomas auch in Osthessen gedreht? Gibt’s hier eine Rechtsrock-Szene?

In Osthessen hat er nicht gedreht, aber in Kirtorf bei Alsfeld. Dort war lange Zeit eine sehr aktive und etablierte Rechtsrock-Szene, die Nazis von weit her angelockt hat. Nur durch die Bilder von Thomas konnte die Szene zerschlagen werden.

Waren hier viele Jugendliche dabei?

Diese Konzerte sind ja auch vor allem dazu da, die Jugend zu rekrutieren und zu radikalisieren. Das begann in Kirtorf mit Feiern auf einer Wiese zum Geburtstag von Hitler. Die Jugendlichen müssen erst mal keineswegs überzeugte Rechtsradikale sein. Das Verbotene, Verruchte wirkt ja allein schon anziehend auf Jugendliche. Wenn es zudem kein anderes, kulturelles Angebot gibt, wie das gerade auf dem platten Land immer wieder der Fall ist, können Nazis ziemlich leicht junge Menschen erreichen.

Der Film ist nun fünf Jahre alt – wie hat sich die Szene seitdem entwickelt?

Leider ist sie kein bisschen schwächer geworden – im Gegenteil: Sie lässt inzwischen richtig die Muskeln spielen, Beispiel Themar. Hier haben diesen Sommer 6000 Nazis ein öffentliches Open Air Konzert mit Nazibands besuchen können. Das ist höchst alarmierend. Neben den Behörden ist hier aber auch die Zivilgesellschaft gefordert.

Wie gefährlich ist diese Konzertszene?

Die Szene orientiert sich terroristisch, ist also sehr gefährlich. Das dramatischste Beispiel ist der NSU. Außerdem vernetzt sie sich europaweit immer effektiver.

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