“Drogensucht ist eine Krankheit” – Internationaler Gedenktag an Tote auch in Fulda

“Drogensucht ist eine Krankheit” – Internationaler Gedenktag an Tote auch in Fulda

Es ist Samstag, du bist mit deinen Leuten feiern. Es werden kleine Pillen verteilt. “Einmal geht schon”, denkst du dir. Und so geht das jedes Wochenende, irgendwann brauchst du täglich deine Dosis. Schirmst dich ab, lässt dich von deinen angeblichen Freunden zu weiteren Drogen anfixen. Und langsam merkst du, es geht nicht mehr ohne. Manche Menschen schaffen den Absprung, manche aber nicht. Einige sterben gar. Derer wurde am 21. Juli den internationalen Gedenktag für verstorbenen Drogengebraucher auf dem Bahnhofsplatz gedacht.

600.000 Menschen weisen laut dem Gesundheitsministerium einen problematischen Konsum von illegalen Drogen auf. Auch in Fulda gibt es Betroffene. Doch hier scheint das Thema immer noch ein Tabu zu sein: „Noch immer herrscht Unwissen und Ablehnung“, erklärt Simone Schafnitzel, Leiterin der Selbsthilfegruppe Connection. „Ablehnung führt den Menschen noch weiter in einen Sumpf aus dem er am Ende nicht mehr rauskommt. Drogensucht ist eine Krankheit, die sich niemand aussucht. Die Prohibition von Drogen verstärkt die Problematik“, erklärt Schafnitzel. Zusammen mit der Aidshilfe Fulda möchte die Ärztliche Suchthilfe deshalb Aufklären und Menschen die Angst nehmen. Vor allem über Präventionsmöglichkeiten, ärztliche Betreuung und Substitution für Drogengebraucher.

Sie selbst leitet seit sieben Jahren die Selbsthilfe Gruppe. „Wöchentlich kommen 10 bis 15 Teilnehmer zu den Treffen. Wir haben uns absichtlich nicht auf eine Droge spezialisiert. Bei uns ist jeder willkommen. Durch das Selbsthilfebüro gibt es schon viele Angebote aber je mehr Anlaufstellen für Betroffene, desto besser. Heute wollen wir anlässlich des Gedenktags für verstorbene Drogengebraucher die Passanten erreichen,“ erklärte sie am Sonntag. An einem Infostand konnten Angehörige von Verstorbenen Gedenkkarten beschriften oder symbolisch Umrisse eines Menschen auf den Vorplatz malen.

Neben den Selbsthilfegruppen können sich Betroffenen auch an die AIDS-Hilfe Fulda oder an die Ärztliche Suchthilfe wenden. „Leider gibt es auch hier immer noch Berührungsängste gegenüber HIV-Patienten“, sagt Willi Rack, Mitbegründer der Aidshilfe Fulda. „Ein wichtiges Ziel ist daher die Aufklärung und vor allem die Prävention.“ Safer Use ist hier das Stichwort. Nicht nur bei der Verhütung, sondern vor allem bei der Verwendung von Nadeln.

Besonders im Fokus der Aktion stand jedoch die Substitution. Fast 80.000 Menschen werden in Deutschland substituiert. Das bedeutet, sie nehmen unter ärztlicher Aufsicht anstatt illegaler Drogen Substitutionsmedikamente. Dazu gehören beispielsweise Methadon oder Polamidon . „In Fulda befinden sich 150 Patienten in Substitutionsbehandlung“, erklärt Michael von Kürten, Ärztlicher Leiter der Suchthilfe in Fulda. „Die Substitution ist ein Weg, dass Abhängige ambulant behandelt werden können. Für den heutigen Tag das Motto „Gesundheit gibt es nicht zum Nulltarif“ gewählt. Eine erfolgreiche Substitution ist nur mit einer kostendeckenden Finanzierung möglich. Momentan reichen die Zuschüsse für Fulda nur für 105 Patienten, daher müssen wir leider von unseren Klienten fünf Euro für die Behandlung nehmen. Das ist für einige Betroffenen schon viel Geld“, erklärt von Kürten. Mit der Substitution wird für viele Patienten der Weg in ein geregeltes Leben wieder möglich. Die Zahl derer, die den Sprung in ein cleanes Leben schaffen, liege jedoch nur bei ein- bis zwei Prozent. Bis jetzt sei von Kürten in Fulda der einzige Arzt, der die Substitutionspatienten behandelt. Grundsätzlich dürfte jeder Hausarzt bis zu zehn Patienten substituieren.

 

 

Selbsthilfebüro Osthessen: Neuer Leiter im Gespräch

Selbsthilfebüro Osthessen: Neuer Leiter im Gespräch

Selbsthilfegruppen in den Regionen Fulda, Vogelsberg und Hersfeld-Rotenburg mit Rat und Tat zur Seite zu stehen – das ist die Aufgabe von Michael Möller. Seit dem 1. März ist er neuer Leiter des Selbsthilfebüros Osthessen, das seinen Sitz in Fulda hat.

Ein Text von Hanna Wiehe

Selbsthilfegruppe – bei diesem Stichwort denken sicher viele Menschen an ältere Herr-schaften, die in einem grauen Raum im Stuhlkreis sitzen und über ihre Probleme sprechen. „Doch diese Gruppen sind wirklich vielfältig“, betont Michael Möller. Er muss es wissen – den Kontakt zu den Gruppen zu halten und ihnen Unterstützung anzubieten, gehört zu den Aufga-ben des 35-Jährigen, der in Petersberg wohnt. „Es gibt reine Gesprächsgruppen, in denen die aktuelle Situation der Betroffenen im Mittelpunkt steht. Viele andere Gruppen sind über ihre Treffen hinaus aktiv, fahren zu Tagungen, organisieren Vorträge, gemeinsame Feste und es bilden sich lange Freundschaften“, sagt Möller. Das Selbsthilfebüro sei dabei das Bindeglied zwischen den Gruppen und dem, was Möller als das „Hilfesystem“ bezeichnet – dazu gehören Ärzte und Krankenhäuser. „Wir vermitteln Ansprech-partner in Kliniken und sozialen Organisationen“, erklärt Möller.

Wolle jemand eine Selbsthilfegruppe gründen, helfe man bei der Organisation. Sucht jemand eine Gruppe zu einem bestimmten Thema, versuche man, zu vermitteln. „Im Raum Fulda betreuen wir derzeit etwa 110 Gruppen, im Vogelsberg und im Landkreis Hersfeld-Rotenburg je-weils etwa 25“, berichtet der zweifache Vater und ergänzt: „Es gibt Themen, zu denen ich mir eine Gruppe wünschen würde, weil es Bedarf gibt – aber es muss auch jemanden geben, der diese Gruppe organisiert.“ Derzeit gebe es vermehrt Anfragen zu den Themen Essstörungen und Schmerzerfahrung. „Den größten Zulauf verzeichnen Gruppen zu psychischen Problematiken“, sagt er.

Leiden in den Griff bekommen

Wie es ist, sich in einer Selbsthilfegruppe zu engagieren, weiß Michael Möller aus eigener Erfahrung: „Ich hatte vor ziemlich genau zehn Jahren eine Lebensmittelunverträglichkeit. Da habe ich mir überlegt, Hilfe in einer Selbsthilfegruppe zu suchen“, berichtet der gebürtige Fuldaer. Die nächsten seien in Kassel und Frankfurt gewesen. „Ich habe aber gelesen, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung an einer Allergie oder Unverträglichkeit leidet und dachte mir deshalb, dass es auch hier in der Region einen Bedarf geben muss.“ Um eine Selbsthilfegruppe zu gründen, nahm er Kontakt zum Selbsthilfebüro auf und gründete mit dessen Hilfe eine Gruppe, die er bis zum Jahr 2015 leitete. Er organisierte Treffen und lud zu Vorträgen – und lernte: „Es gibt so viel Unwissen. Manche Menschen liefen seit 30 Jahren von Arzt zu Arzt, um die Ursache ihres Leidens zu finden. Dank einer Selbsthilfegruppe wurden sie dazu angeregt, zu einem bestimmten Spezialisten zu gehen und bekamen so ihr Leiden in den Griff.“ Auch wenn mit der Zeit die Nachfrage für seine eigene Gruppe nachließ: „Trotzdem blieb ich der Selbsthilfe und dem Träger, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, verbunden“, berichtet er. Und als die Stelle des Leiters frei wurde, bewarb er sich darauf. „Zuvor hatte ich im kaufmännischen Bereich gearbeitet und BWL studiert“, berichtet der35-Jährige. Doch dank seiner Tätigkeit in der Selbsthilfegruppe wurde ihm klar: „Das soziale Engagement liegt mir, das ist es, was ich machen möchte.“

Geflüchteten Selbsthilfe näher bringen

Und er tut viel dafür: Er bildet sich weiter, studiert Soziale Arbeit. Vier Jahre lang leitete er das Geburtshaus und das Familienzentrum in Fulda. Seit vier Monaten ist er Leiter des Selbsthilfebüros mit zwei Mitarbeitern. Seither erlebt er viel: „Ich bin unterwegs und erlebe Neues. Es wird nicht langweilig“, berichtet Möller. Doch er merkt auch, dass sich die Selbsthilfe weiterentwickeln muss: „Früher waren viele Erkrankungen noch voneinander getrennt – jemand hatte beispielsweise Krebs oder Parkinson. Heute werden Krankheitsbilder und die Situationen der Patienten zunehmend komplexer, besonders bei psychischen Erkrankungen. Darauf muss sich die Gesellschaft einstellen.“ Zwei Arbeitsbereiche beschäftigen das Selbsthilfebüro derzeit: zum einen die junge Selbsthilfe. Auch jüngere Menschen sollen ermuntert werden, sich in einer Gruppe zu engagieren. „Zum anderen beschäftigt uns seit etwa drei Jahren das Thema Migration sehr“, sagt Möller und fügt an: „Die Menschen, die zu uns geflüchtet sind, kennen das Prinzip der Selbsthilfe teilweise nicht.“ Dies wolle er ändern – doch das brauche Zeit.

Talk & Walk – Gemeinsame Suche nach Geocaches

Talk & Walk – Gemeinsame Suche nach Geocaches

Die Selbsthilfe hat Nachwuchsprobleme. Viele Menschen trauen sich nicht, eine Gruppe mit Gleichgesinnten zu besuchen. Sie haben Angst vor Stigmatisierung, oft ein negatives Bild im Kopf. Um dem entgegenzuwirken und gerade auch jungen Menschen zu zeigen, dass Selbsthilfe eine super Sache ist, organisierte der Paritätische Gesamtverband zusammen mit den Landesverbänden eine deutschlandweite Aktionswoche. Unter dem Motto „Wir hilft“ starteten vom 18. bis 26. Mai Initiativen. Der Aktionstag „Talk & Walk“ brachte dir die Selbsthilfe näher.

Was beschäftigt dich gerade? Vielleicht eine anstehende Klausur, die Angst zu versagen oder Probleme in der Familie? Beim „Talk & Walk“ kamen junge Erwachsene miteinander ins Gespräch, unterstützen sich gegenseitig und haben etwas über die Selbsthilfe vor Ort erfahren. Gemeinsam mit anderen jungen Menschen aus der Region konntest du die Auen auf der Suche nach den versteckten Geocaches erkunden.

Geocaching-Wanderung in den Fulda-Auen

move36 hat Karoline Engler interviewt und das Team auf der Suche nach den Geocaches in den Fulda-Auen begleitet. Weitere Veranstaltungen und Informationen findest du auf www.paritaet-selbsthilfe.org/standorte/osthessen/

“Talk & Walk”: Die Geocaching-Wanderung der jungen Selbsthilfe

“Talk & Walk”: Die Geocaching-Wanderung der jungen Selbsthilfe

Die Selbsthilfe hat Nachwuchsprobleme. Viele Menschen trauen sich nicht, eine Gruppe mit Gleichgesinnten zu besuchen. Sie haben Angst vor Stigmatisierung, oft ein negatives Bild im Kopf. Um dem entgegenzuwirken und gerade auch jungen Menschen zu zeigen, dass Selbsthilfe eine super Sache ist, organisiert der Paritätische Gesamtverband zusammen mit den Landesverbänden eine deutschlandweite Aktionswoche. Unter dem Motto „Wir hilft“ starten vom 18. bis 26. Mai Initiativen. In Fulda bringt dir der „Talk & Walk“ die Selbsthilfe näher.

Was beschäftigt dich gerade? Viel- leicht eine anstehende Klausur, die Angst zu versagen oder Probleme in der Familie? Beim „Talk & Walk“ kommen junge Erwachsene miteinander ins Gespräch, unterstützen sich gegenseitig und erfahren etwas über die Selbsthilfe vor Ort. „Wir planen eine Geocaching-Wanderung in den Fulda-Auen“, erklärt Karoline Engler vom Selbsthilfebüro Osthessen.

Gemeinsam mit anderen jungen Menschen aus der Region erkundest du die Auen auf der Suche nach den versteckten Geocaches. „Dafür stellt uns die Stadt GPS-Geräte zur Verfügung.“ Wer stattdessen lieber sein Smartphone nutzen möchte, kann auch das tun. Karo empfiehlt die Apps „Cgeo“ für Android und „GCTools“ für iOS. Los geht‘s am 18. Mai um 14.15 Uhr beim DRK in der St.-Laurentius-Straße 4. „Wer möchte, kann den Tag um 18 Uhr im Cinestar gemeinsam mit uns aus- klingen lassen.“ Dort kannst du dir die Depressions-Doku „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ anschauen.

 

Kerstin Will siegt bei den 1. Hessischen Winterspielen der Special Olympics

Kerstin Will siegt bei den 1. Hessischen Winterspielen der Special Olympics

Sie hat richtig abgeräumt. Bei den 1. Hessischen Winterspielen der Special Olympics holte Kerstin Will zweimal Gold im Ski Alpin. Trainiert hat sie im Vorfeld gerade einmal einen Tag lang.

Es war ein Novum. Anfang Februar organisierten die Special Olympics Hessen die 1. Hessischen Winterspiele für Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung. Aus Schneemangel fanden die aber nicht in Hessen, sondern im österreichischen Kaunertal statt. In drei Disziplinen – Ski Alpin, Langlauf und Schneeschuhlauf – traten 70 Athleten gegeneinander an. Auch Kerstin Will aus Fulda, Mitarbeiterin im antons meet & eat, ging an den Start. Positiv in Erinnerung blieb ihr, “nicht als beeinträchtigt abgestempelt worden zu sein. Man sah uns gesunden Sportlern gegenüber als gleichwertig an.”

Vor der Meisterschaft trainierten Kerstin, die auch Athletensprecherin ist, und ihr Team einen Tag lang auf der Wasserkuppe. “Ich fahre Ski Alpin. Weil ich im Rollstuhl sitze, bin ich mit einem Mono-Ski angetreten”, berichtet die 37-Jährige. Zusammen mit einem Begleiter fuhr sie die Piste bergab. “Im Notfall hätte er mich abbremsen können.”

Mit dem Mono-Ski aufs Treppchen

Dieses Training hat sich für Kerstin ausgezahlt. “Ich habe zweimal Gold geholt. Ich war so glücklich und habe mich sehr gefreut. Denn mit zwei Medaillen habe ich gar nicht gerechnet.” Freizeit blieben ihr und ihrem Team kaum. Trainings und Wettkämpfe wechselten sich ab. “An einem Tag aber konnten wir nicht auf den Gletscher. Der war gesperrt. Die Chance nutzten wir, um uns auch die anderen Wettkämpfe anzuschauen.”

Die Winterspiele sollen künftig, angepasst an den Rhythmus der Nationalen Winterspiele, alle vier Jahre stattfinden. Kerstin hat sich den Winter 2023 schon mal im Kalender markiert.

Ein sicherer, vertraulicher Raum – Diese Fuldaer Pädagogen helfen jungen Opfern sexualisierter Gewalt

Ein sicherer, vertraulicher Raum – Diese Fuldaer Pädagogen helfen jungen Opfern sexualisierter Gewalt

Hast du schon mal von sexueller Gewalt in deinem Umfeld gehört? Es wäre jedenfalls nicht abwegig. Auch ich habe bereits mehrere Fälle in meinem Umfeld mitbekommen – dabei einer, der über mehrere Jahre ging und mich persönlich ebenso entsetzt wie wütend gemacht hat. Gerade betroffene Kinder und Jugendliche brauchen hier Hilfe, die auf Vertrauen und Respekt basiert. Die Pädagogen von pro familia und dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) sprechen hier aus Erfahrung. Was sie erzählen, ist wichtig – und es muss öfter erzählt werden.

Erst kürzlich erzählte mir eine Arbeitskollegin von einem krassen Fall: Eine Mitmieterin habe ihr im Bus erzählt, sie sei auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung. Ihre beiden kleinen Jungen, damals acht und zehn Jahren alt, seien von einem Mann monatelang vergewaltigt worden. Meiner Kollegin stand die Erschütterung an diesem Morgen ins Gesicht geschrieben – mir ging es nicht anders, nachdem sie es erzählt hatte. Die “Fuldaer Zeitung” berichtete über den Fall.

Der Mann war mit den Eltern befreundet und stand auch den Kindern sehr nahe. So ist es meistens: Die Täter kommen aus dem direkten Umfeld. Ähnlich war es in dem Anfang des Jahres bekannt gewordenen Fall auf dem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde. Dort sollen drei Männer über zehn Jahre Kinder missbraucht und das gefilmt haben. Der Haupttäter habe sich im Umfeld des Campingplatzes sehr um die Kinder bemüht, so die Polizei. Zeitweise hatte er gar ein eigenes Pferd. “Die Kinder haben offenbar eine Bezugsperson in dem mutmaßlichen Täter gesehen”, sagte ein Kriminalkommissar. Torsten Wiegand, Sexualpädagoge bei pro familia in Fulda, erläutert: “Opfer werden ja oft von den Tätern regelrecht umgarnt, sodass es ihnen schwerfällt, was zu sagen.” column width=”1/2″]Doch “sexualisierte Gewalt heißt nicht gleich Vergewaltigung, das ist die letzte Stufe”, stellt Robin Pitts klar, ebenfalls Sexualpädagogin bei pro familia in Fulda. Gemeinsam mit dem Sozialdienst katholischer Frauen hat der Verband in Fulda 2016 eine Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche geschaffen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Wann fangen Übergriffe an?

Es klingt banal und erst mal völlig harmlos, “aber das ist unser typisches Beispiel, das wir Kindern mitgeben, um sie zu sensibilisieren” , so Robin. “Nämlich auch der Schlabberkuss von Oma ist eine Form von Übergriff, wenn das Kind in einem Alter ist, wo es das nicht mehr möchte, sich aber nicht traut, etwas zu sagen. Wir würden das Kind hier ganz klar bestärken, etwas dagegen zu sagen.” Denn: Natürlich haben auch Kinder das Recht, über ihren Körper zu bestimmen.

“Es kommt in allen Schichten vor”

“Unsere Aufgabe ist es, Kinder und Jugendliche zu informieren und zu ermutigen, mit jemandem zu sprechen, wenn etwas komisch ist, wenn ihre Grenzen verletzt werden”, sagt Alexandrina Prodan vom SkF. “Wenn Kinder aufgeklärt sind, spüren sie sehr gut, wenn ein Verhalten eine Grenze überschreitet.”

Im Gespräch merke ich, dass Robin, Alexandrina und Torsten ungern von konkreten Fällen erzählen möchten – zunächst schlicht aufgrund ihrer Schweigepflicht. Ich möchte natürlich keine Namen hören, doch auch anonym sind sie zögerlich. “Weil das eben so unterschiedlich passiert, im familiären Umfeld wie auch im öffentlichen Raum; sexuelle Übergriffe finden nicht nur durch Erwachsene, sondern auch unter Gleichaltrigen statt”, erklärt Alexandrina. Die Pädagogen wollen nicht, dass wir in Schubladen denken und meinen, ein Umfeld wie ein etwas in die Jahre gekommener Campingplatz wie aus dem oben genannten Fall sei typisch. “Es kommt durchweg in allen Schichten vor”, betont Alexandrina. Auch das Einfamilienhaus am Stadtrand, die Innenstadtwohnung oder der Schulhof sind typische Tatorte.column width=”1/2″]

Bei Robin, Torsten und Alexandrina findest du Hilfe

Zahlen zu sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen

Man muss hier zwischen erfassten Fällen und Schätzungen unterscheiden. Offiziell gibt es jedes Jahr 14.000 Fälle in Deutschland.

Doch man geht davon aus, dass nur etwa jeder 15. bis 20. zur Anzeige kommt, wovon wiederum nur jeder fünfte Fall vor Gericht verhandelt wird – das ist nur ein Prozent aller Fälle. Die Schätzungen gehen hier also von bis zu 300.000 Fällen pro Jahr aus.

Laut einer Statistik der Bundesregierung sind die Täter zu mehr als 90 Prozent dem Kind bekannt, zu zwei Dritteln gehören sie der Familie oder dem nahen Umfeld an.Robin geht von einer sehr hohen Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus. Jedoch “war in Deutschland tatsächlich erst 2016 die Speak-Studie eine der ersten umfangreichen Erhebungen, die sexualisierte Gewalt unter gleichaltrigen Jugendlichen zum Thema machte”, ergänzt Alexandrina. Die Studie zeige, dass sexualisierte Gewalt häufig in der Schule vorkommt. Über die Hälfte der Mädchen (55 Prozent) und 40 Prozent der Jungen haben bereits Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gehabt. Die Anonymität durch das Internet erleichtere zudem Belästigungen und Übergriffe, so die Studie.

Wie baut man Vertrauen wieder auf?

Seit Anfang 2016 gibt es das Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche, anfangs brauchte es etwas Zeit, bis das Angebot bekannt wurde. “Inzwischen hat sich unsere Arbeit jedoch herumgesprochen und wir haben deshalb viele Anfragen”, so Torsten. “Die Betroffenen bekommen zeitnah einen Termin.” Vor allem Kinder melden sich eher selten direkt, Jugendliche trauen sich da schon mehr. Das Gros der Anfragen komme aber aus dem Umfeld – also Familie, Schule, Freunde oder vom Jugendamt, so die drei Pädagogen.

“Unsere Beratung ist niedrigschwellig, damit Jugendliche möglichst geringe Hemmungen haben, zu uns zu kommen. Damit sie merken: Das ist ein gesicherter Raum, wo nichts nach außen dringt”, betont Torsten.

Schweigepflicht ist oberstes Gebot

“Doch natürlich ist es für sie super seltsam, zu fremden Leuten in eine Beratungsstelle zu gehen und zu wissen, worüber man jetzt sprechen soll”, schließt Robin an und fährt fort: “Was ich dann als erstes mache, je nach Alter: Ich spiele erst mal was mit ihnen. Sie sind dann meist perplex, weil sie denken, sie müssten sofort über ihre Probleme reden. Aber wir müssen uns ja erst mal kennenlernen. Um Vertrauen zu Erwachsenen wieder aufzubauen, ist hier Ehrlichkeit und Respekt gegenüber dem Kind enorm wichtig.” Einige Kinder kämen heute, nachdem sie einige Zeit bei Robin waren, freudestrahlend die Treppe rauf.

Neuste Studien weisen darauf hin, dass betroffene Kinder nicht zwangsläufig traumatisiert sind. Doch was ist, wenn die Pädagogen von schwerwiegenden Fällen hören, von Gewalt und Vergewaltigung? Müssen sie dann nicht umgehend eingreifen? “Bei einer akuten Kindeswohlgefährdung würden wir Schritte einleiten, zum Beispiel den Fall beim Jugendamt oder Polizei melden, jedoch immer in Absprache mit den Betroffenen”, sagt Robin. “Denn wir unterliegen der Schweigepflicht – auch gegenüber den Eltern.”

Augen offen halten!

Wiegen die psychischen Schäden zudem schwer, würden sie Betroffene an Stellen wie Psychologen oder Kliniken vermitteln – auch das natürlich nur in Absprache mit dem Kind oder Jugendlichen. Therapien im eigentlichen Sinne bieten pro familia oder der SkF nicht an.

Leider sind gerade die Unschuldigsten, die Schutzbedürftigsten unserer Gesellschaft für Täter die leichtesten Opfer; der Schaden wiegt hier am schwersten und längsten. Und nicht selten werden Opfer später auch zu Tätern. Daher gilt: Augen offen halten und reden, reden, reden, wenn dir etwas auffällt. Ob mit Nahestehenden, Pädagogen oder der Polizei – Hauptsache, es kommt zur Sprache.

Pädagogin Robin hat aber am Schluss des Gesprächs trotzdem einen kleinen Lichtblick parat: “Ich glaube nicht, dass es insgesamt mehr geworden ist. Sondern ich glaube, und das ist etwas sehr Positives, dass immer mehr Menschen darüber sprechen und Hilfe suchen.”

Die drei Pädagogen (v. l.): Robin Pitts und Torsten Wiegand von pro familia sowie Alexandrina Prodan vom SkF

Mail: robin.pitts@profamilia.de

Nummer: 0661 480 4969 11

Mail: torsten.wiegand@profamilia.de

Nummer: 0661 480 4969 12

Mail: prodan@skf-fulda.de

Nummer: 0661 8394 40
Mobil: 0151 20 550 893


Hier geht’s zu unserem Ticker, als die katholische Kirche kürzlich in Fulda ihre Missbrauchs-Studie vorgestellt hat.