Broadway-Feeling in Fulda: „Der Medicus“ feierte Premiere

Broadway-Feeling in Fulda: „Der Medicus“ feierte Premiere

Ein Publikum, das immer wieder „Bravo“ ruft und Glücksschreie ausstößt, ein Ensemble, das gar nicht aufhören will zu spielen, und ein Abend, der so reich an Gänsehaut-Momenten, ekstatischer Freude und atemberaubenden Choreografien ist, das man glaubte, am Broadway zu sein und nicht im Schlosstheater: Beim Fuldaer Musicalsommer wurde nach der „Päpstin“ mit dem „Medicus“ auch die zweite Premiere frenetisch gefeiert.

Ein Text von Bernd Loskant

Bereits im vierten Jahr wird das Musical nun auf der Bühne des Schlosstheaters aufgeführt, und wer es noch nicht gesehen hat, sollte in den nächsten Wochen die Gelegenheit nutzen – im nächsten Jahr wird es wegen des neuen “Robin-Hood”-Musicals aus der Feder von Dennis Martin und Chris de Burgh keine Wiederaufnahme geben.

Samstagabend, kurz nach halb acht. Die Stimmung ist überschäumend, wie auch Spotlight-Produzent Peter Scholz registriert. „So viel Applaus schon vor der Aufführung, das ist neu“, ruft er den Gästen zu. Dann verweist er darauf, dass der „Medicus“, der vor 1000 Jahren spielt, viele aktuelle Bezüge habe. Denn es geht auch um das Verhältnis von Christentum, Judentum und Islam und letztlich um die friedliche Koexistenz der Kulturen.

Ein Ensemble, das kaum zu stoppen ist

Nicht umsonst wurde das Buch von Noah Gordon vor einiger Zeit zu den beliebtesten Büchern aller Zeiten gewählt. Die Geschichte des jungen Christen Rob Cole, der von England aus ins ferne Isfahan in Persien reist, um sich dort von einem der besten Ärzte seiner Zeit ausbilden zu lassen, fasziniert in seiner Buchform, als Film – und nicht minder in der Musical-Fassung.

Choreografisch ist das Musical zweifellos das aufwändigste der bisherigen Spotlight-Produktionen. Das Ensemble der Tänzer ist kaum zu stoppen, legt auch nach Ende der Aufführung noch einmal die besten Nummern aufs Parkett – und selbst bei der Premierenparty sind die Jungs und Mädels nicht müde und wirbeln über den Dancefloor im Foyer des Schlosstheaters. Auch schauspielerisch steigt das Niveau von Spielzeit zu Spielzeit. Viele der Darsteller aus den vergangenen Jahren erkennt das Publikum wieder, und besonders heraus sticht in diesem Jahr Christian Schöne. Der Typ, der 2012 im Borat-Anzug bei DSDS nicht nur positive Schlagzeilen machte, ist unglaublich gereift und gehört inzwischen zur ersten Garde der deutschen Musical-Darsteller. Gerade noch als Anastasius bei der „Päpstin“ auf der Bühne, ist er als Schah Karim der heimliche Star im „Medicus“, wie der immer wiederkehrende Szenenapplaus für den Künstler zeigt.

Doch es sind nicht nur die Profis wie „Medicus“ Sascha Kurth oder Johanna Zett (seine große Liebe Mary Cullen), die begeistern. Das gesamte Ensemble wirkt extrem gut eingespielt – und auch die Lokalmatadoren Jörg Alt und Torsten Paul müssen sich hinter den professionellen Darstellern nicht verstecken. Das gilt im Übrigen auch für die Kids, die den jungen Rob Cole und seine Schwestern spielen: Colin Cäsar sowie Lucy und Romy Babilon.

Bis zum 4. August hast du noch die Chance

Wer den „Medicus“ schon mal gesehen hat, wird sich übrigens bei der neuen Fassung nicht langweilen. Wieder wurde an Details der Show gefeilt und getüftelt, so dass es auch für „Wiederholungstäter“ immer wieder Überraschungsmomente gibt.

Bis zum 4. August wird der „Medicus“ im Schlosstheater aufgeführt. Tickets für die Vorstellungen, die noch nicht ausverkauft sind, gibt es unter anderem bei den Geschäftsstellen der Fuldaer Zeitung.

“Fulda hätte ausgerockt”: Djane für kulturelle Freiräume

“Fulda hätte ausgerockt”: Djane für kulturelle Freiräume

Diesen einen Satz, wir hören ihn immer wieder, gerade von jungen Leuten: “Fulda hat zwar viel zu bieten – aber…” Dieses Aber meint vor allem fehlende Subkultur und kaum Entfaltungsmöglichkeiten für die verschiedenen Szenen, es meint das Sterben zahlreicher Locations in den vergangenen Jahren wie Klangkeller, Café Panama oder die Sonne.

Für die aktuelle Sommerausgabe haben die move36-Redakteure Sascha und Daniel möglichst viele Kulturschaffende und Szenekundige gefragt, ob Fulda bald im Einheitsbrei ertrinkt – und: wessen Initiative eigentlich gefragt ist, dass es wieder mehr Nischenkultur gibt? Ein umfassender, streitbarer Blick auf Fuldas Szenen mit so vielen Stimmen, dass du in den kommenden Wochen online bei uns noch mehr Meinungen und Interviews zum Thema liest. 

Verena Schulenberg ist Djane und organisiert die Kulturwoche Genießen unterm Apfelbaum mit.

Heute: Verena Schulenberg (43) engagiert sich ehrenamtlich beim Jugendhilfeverein Youropa sowie in der Nähbar und dem Kleidertauschladen in der L14zwo. Zudem ist sie Djane beim Musikkollektiv Zirkeltraining und organisiert die Kulturwoche Genießen unterm Apfelbaum im Umweltzentrum (im oberen Bild zu sehen) mit. Um in der Stadt wieder mehr kulturelle Freiräume zu etablieren, hat sie einen interessanten Vorschlag: eine/n “Subkultur-Botschafter/in”

Was verstehst du unter Subkultur?

Subkultur ist für mich eine Kultur jenseits der großen Institutionen oder des großen kommerziellen Erfolges – eine Kultur, die ein urbanes Lebensgefühl weckt und lebt, das Menschen zusammenbringt und so durch Begegnung und Spannung zur Identifikation mit der Heimatstadt beiträgt.

Und wie ist es um die Subkultur in Fulda und Umgebung bestellt? Was geht, und was fehlt?

Generell werden viele Veranstaltungen, die junge Leute ansprechen, die sich Jugendliche und Studenten leisten können, von Privatpersonen und Initiativen organisiert. Diese opfern ihre Freizeit für das Image der Stadt – ohne dieses Engagement hätte Fulda längst “ausgerockt”. Zum Beispiel die Kulturwoche Genießen unterm Apfelbaum oder die Partys vom International Soundclash. Es fehlen aber Orte für Soziokultur, wo Musikveranstaltungen und Partys stattfinden können. In Kneipen und Bars kann man schließlich nicht tanzen.

Wer ist vor allem gefragt, hier Initiative zu ergreifen?

Meiner Meinung nach braucht es eine stärkere Vernetzung der Szene, einen Zusammenschluss der Fuldaer Kulturschaffenden, zum Beispiel in einer IG Subkultur (Anm. d. Red. Interessengemeinschaft Subkultur), die in Dialog gehen sollte mit der Stadt Fulda. Nicht nur meckern, sondern machen. Veranstaltungen wie das Genießen unterm Apfelbaum zeigen: Engagement wird von der Stadt unterstützt. Klar, da ist noch viel Luft nach oben. Aber ich bin mir sicher, es finden sich Lösungen, wenn man miteinander spricht. Auch die Studenten der Hochschule, die inzwischen über zehn Prozent der Fuldaer Bevölkerung ausmachen, sind gefragt sich zu engagieren.

Du siehst also auch die Jugend selbst in der Verantwortung, sich Angebote zu schaffen. Was aber kann man an der Stadt kritisieren?

Es braucht einen strukturellen Identitäts- und Imagewandel, der zulässt, dass es mehr soziokulturelle Angebote gibt, der zulässt, dass leerstehende Räume kreativ genutzt werden können. Es gibt in Fulda Kulturorte, die nicht jeden Tag genutzt werden, wie zum Beispiel den Kulturkeller. Diese sollten Bands oder DJ-Kollektive sowie andere Kulturschaffenden gegen geringe Nutzungsgebühren zur Verfügung gestellt werden. Man könnte zudem eine/n „Subkultur-Botschafter/in“ installieren, der/die als Vermittler/in für ein besseres Zusammenspiel von Stadt und Szene sorgt. Hier könnte man eine kontinuierliche Arbeitsgruppe etablieren, die schaut, welche Räume nutzbar sind, oder beispielsweise bei Konflikten mit Anwohnern wegen der Lautstärke Lösungen findet. Sie sollte dafür sorgen, dass die freien Szenen, die Jugendkulturen wieder mehr Platz in der Stadtentwicklung bekommen.

Zum Schluss ein paar offene Worte: Was wünschst du dir für Fulda?

Ich wünsche mir, dass die Stadt versteht, dass zur Lebensqualität und Lebendigkeit einer wachsenden und sich verändernden Stadt auch gehört, dass Künstlerinnen und Künstler jenseits der großen Institutionen oder des großen kommerziellen Erfolges nicht verdrängt werden, dass alternative Klubkultur – fern ab von S-Club und Musikpark – auch ihren Platz bekommt. Dort, wo Stadt oder städtische Beteiligungsgesellschaften Gebiete entwickeln, sollte der freien Szene sowie der Sub- und Jugendkultur wieder systematisch ein angemessener Stellenwert eingeräumt werden, ohne am gleichen Standort Wohnbebauung oder das zigste Hotel in Fulda zu planen. Das kann ich sonst echt nicht ernst nehmen.

Das Cover der aktuellen Ausgabe, Titelthema: Verschwindet in Fulda die Subkultur? 

#81, Magazin, Subkultur, Szene, move36

Awesome Shit: Mit Teil drei hat “Stranger Things” endgültig Kultstatus

Awesome Shit: Mit Teil drei hat “Stranger Things” endgültig Kultstatus

Kennst du schon ..? Jede Woche kommen neue Alben, Bücher, Serien, Filme, Gadgets – generell neuer Kram auf den Markt, den wir unbedingt konsumieren müssen. Wie könnte es diese Woche anders sein: Die dritte Staffel von “Stranger Things” ist heißer, finsterer Scheiß. Achtung: Keine Spoiler-Gefahr!

Schon in der zweiten Staffel haben die Ideengeber von “Stranger Things” und Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer noch einen draufgesetzt. Nun, in der dritten Staffel, ist die Kindheit der vier Protagonisten Mike, Dustin, Lucas und Will endgültig vorbei. Mike knutscht zum Leidwesen von Sheriff Hopper ununterbrochen mit Elfi, Dustin war über den Sommer in einem Wissenschaftscamp und findet bei seiner Rückkehr eine bröckelnde Gruppe vor, Lucas neckt sich mit Skateboarderin Max, und der traumatisierte Will hängt in der Vergangenheit fest, als es für das Quartett nichts anderes gab, als im Keller Fantasyspiele zu zelebrieren.

Die Duffer-Brüder gehen neue Wege, behalten aber den 80er-Charme der Mysteryserie bei. Es wird brutaler, es wird fieser, und es steht immer mehr auf dem Spiel. Natürlich passieren wieder allerhand seltsame Dinge: ein kurzer, großflächiger Stromausfall in der Keinstadt Hawkins, Kühlschrank-Magneten funktionieren bei Joyce, Mikes Mutter, nicht mehr, Ratten drehen durch und zerplatzen – und irgendwann auch Menschen. Zudem zerstört ein neues Einkaufszentrum die Idylle und nötigt Einzelhändler, ihre Läden dichtzumachen. Der neu auftretende, schmierige Bürgermeister, der sich Protestierenden ausgesetzt sieht, hat den Bau befeuert. Ging hier alles mit rechten Dingen zu? Oder hat er Geschäfte mit dubiosen Leuten gemacht? Gar mit den Russen? Und was befindet sich unter dem Einkaufszentrum? Die Kalter-Krieg-Hysterie wird hier wunderbar ironisch umgesetzt.

Eine grandiose Serie, die sich selbst nicht so ernst nimmt

Jedenfalls taucht das tentakelartige, dunkle Wesen aus der anderen Dimension wieder auf – oder war der “Mind Flayer”, wie es genannt wird, nie weg? Das Tor ist wieder offen, und es ist nun in der Welt der Menschen, die dem intelligenten Parasit als Wirte dienen, um sich zu nähren, um größer, um unbesiegbar zu werden. Doch das wird es nur, wenn es Elfi erwischt. Und es jagt sie. Ein wenig schade ist dabei nur, dass die Macher sich hier nicht mal ansatzweise eine wissenschaftliche Erklärung für die andere Dimension haben einfallen lassen. Woher kommt sie? Wie sind die Wesen, wie die Atmosphäre dort beschaffen? Wie sind die Dimensionen verbunden? Klar, alles Mystery, alles Fantasy. Doch ein bisschen Hintergrund kann man von so einer hochgestochenen Serie schon erwarten. Außerdem würde man gerne wieder etwas mehr aus der anderen Dimension sehen, darauf wird leider weitestgehend verzichtet.

Wie schon in den vorherigen Staffeln schaffen es die Duffer-Brüder aber, eine intensive, tempogeladene Dramaturgie aufzubauen, deren Erzählstränge am Ende in einem phänomenalen Showdown zusammenkommen. Gänsehaut pur. Doch die so charmant-witzigen Schlagabtausche bleiben dabei nicht auf der Strecke, die Dialoge samt Musik sind einfach durchdacht und unterhaltsam. Weil sich die Serie selbst nicht so ernst nimmt, kann man sie nur mögen. Oder wie sonst kommt man auf so eine nerdig-verrückte Idee, dass in einer hochdramatischen Szene Dustin auf einmal mit seiner Flamme aus dem Wissenschaftscamp über Funk lautstark das Lied „Neverending Story“ aus dem Film „Die unendliche Gesichte“ (1984) singt?

Stempel: Kultstatus

Auch die Charaktere entwickeln sich weiter, das Schauspiel bleibt weiterhin großartig. So auch das gesamte Setting der Serie. Das Ende der Staffel rührt wahrhaftig zu Tränen – und Vorsicht: Nicht zu früh ausschalten! Nach einem kurzen Abspann kommt der obligatorische Cliffhanger für die voraussichtlich letzte Staffel.

Mit dem Mix aus 80er-Chic, Mysteryhorror und nerdigen Teenagern, die zu sau coolen Helden werden, haben die Duffer-Brüder eine Serie geschaffen, die spätestens jetzt Kultstatus erlangt hat.separator style=”dashed” border_width=”2″]

Unsere Rezension zur zweiten Staffel:

Düsterer, spannender und heißer: die zweite Staffel “Stranger Things”

 

Ein Alptraum zur Eröffnung der Hersfelder Festspiele

Ein Alptraum zur Eröffnung der Hersfelder Festspiele

 

Wie erschreckend aktuell ein über 100 Jahre alter Roman über einen Unrechtsstaat sein kann, zeigen in diesem Jahr die Bad Hersfelder Festspiele. Die Freilichtspiele in der Stiftsruine wurden mit dem Kafka-Klassiker „Der Prozess“ eröffnet.

Ein Text von Bernd Loskant

In der Türkei wird der deutsche Journalist Deniz Yücel 2017 verhaftet und ein Jahr eingesperrt – ohne dass es eine Anklageschrift gibt und er erfährt, was ihm überhaupt vorgeworfen wird; in Nordkorea wird der US-Student Otto Warmbier 2017 zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, weil er ein Plakat gestohlen haben soll – er stirbt unter ungeklärten Umständen; offenbar im Auftrag des Regimes wird 2018 der saudische Journalist Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat seines Heimatlandes ermordet, weil er das Königshaus kritisierte und Reformen forderte. Drei Fälle, die in einem Rechtsstaat undenkbar sind, oder etwa nicht?

Auch in Staaten der europäischen Union wird das Grundrecht auf Meinungsfreiheit mit Füßen getreten, werden Menschen drangsaliert, die ihrer Regierung kritisch gegenüberstehen – wenn auch nicht so krass wie in Nordkorea. Der Intendant der Hersfelder Festspiele, Joern Hinkel, sagte bei der Eröffnung: „Ich beobachte mit Sorge, was derzeit in der Welt passiert. Etwa, wie manche  europäische Nachbarn Systeme jenseits der Rechtsstaatlichkeit installieren. Wie Lehrer, Journalisten und Politiker verschwinden oder mundtot gemacht werden. Das passiert nicht nur in Schurkenstaaten, sondern in unserer Nachbarschaft.“

Aktueller denn je

Das Thema hat Franz Kafka bereits vor mehr als 100 Jahren in seinem Roman „Der Prozess“ verarbeitet. Da er selbst nicht zufrieden war mit seinem Werk und es als künstlerisch misslungene Arbeit bezeichnete, schrieb er es gar nicht zu Ende. Erst nach seinem Tod wurden die Seiten entdeckt und veröffentlicht. Heute ist es für viele Schüler schwere Kost, die man im Deutschunterricht zwangsweise verdauen muss. Doch was in der Schule nervt, ist auf der Bühne der Stiftsruine dank der modernen Inszenierung von Joern Hinkel ein fesselndes, hoch aktuelles und  aufrüttelndes Stück Theater. Es zeigt, was sich aus einer unbedachten Äußerung im Netz, aus einer ungerechtfertigten Beschuldigung oder Denunziation entwickeln kann.

Am Anfang sieht alles nur nach einem Alptraum aus: Josef K., ein junger, drahtiger Banker, kommt eines Abends nach Hause und legt sich ins Bett. Am nächsten Morgen – es ist auch noch sein 30. Geburtstag – wird er überrascht von Kriminalbeamten, die ihn festnehmen und seine Wohnung auf den Kopf stellen. Offenbar hat ihn jemand verleumdet – so, wie heute in den Sozialen Netzwerken schnell Unwahrheiten über Personen verbreitet werden.

Packende Szenen, wenig zu lachen

Im Falle von Josef K. hat das fatale Folgen: Der Beschuldigte wird von seinem Arbeitgeber bis zur Klärung beurlaubt, verliert seine Verlobte und sucht den Bund mit einem windigen Journalisten, der gegen die, die ihn anklagen, etwas in der Hand haben, letztlich mit dem Fall aber nur Geld verdienen will. Was er überhaupt verbrochen haben soll, sagt ihm keiner und bleibt letztlich auch im Dunkeln – sein Fall steht exemplarisch für viele Vorwürfe, die die Justiz-Maschinerie und die Gesellschaft, die ihrerseits schnell mit Vorverurteilungen ist, in Gang setzen können. Jeder kann plötzlich Josef K. werden.

Zu lachen gibt es wenig in diesem Stück, dafür erlebt das Publikum – am Eröffnungsabend waren rund 1300 in der Stiftsruine – drastische Szenen, die nachdenklich machen. So zerschlägt Josef K., exzellent gespielt von Ronny Miersch, in seiner Verzweiflung über seinen aussichtslosen Kampf gegen die Justiz Möbelstücke auf dem Flügel in seiner Wohnung. „Fräulein Montag“, eine gealterte Sängerin, die ebenfalls von der Justiz verfolgt wird, ohne zu wissen warum, jagt sich in ihrer aussichtslosen Situation eine Kugel in den Kopf. Monumental wirkt manche Szene und immer auf der Höhe der Zeit: So glaubt man, bei einer Nachtclub-Szene, was Stimmung und Musik angeht, eine Reminiszenz an die Serie „Babylon Berlin“ zu erkennen.

Die renommierten Schauspieler überzeugten

Eine Reihe renommierte Schauspieler hat der Intendant nach Bad Hersfeld geholt: Neben Ronny Miersch, der kürzlich erst in einem Kölner „Tatort“ zu sehen war, auch die Hollywood-erfahrene Marianne Sägebrecht oder Dieter Laser, Thorsten Nindel und die zuletzt immer  wieder in der Boulevardpresse mit gesundheitlichen Problemen Schlagzeilen machende Ingrid Steeger.

Im Original endet Kafkas Roman tragisch: Josef K. fügt sich irgendwann seinem Schicksal und wird hingerichtet. Der Journalist Deniz Yücel, der bei der Eröffnung in Bad Hersfeld die Festrede hielt, sagte dazu: „Josef, das nehme ich dir wirklich übel.“ Glücklich dürfte er dagegen über die Fassung von Joern Hinkel sein. Die Botschaft, die von Bad Hersfeld ausgeht, lautet: Gib niemals auf! Es lohnt sich, Widerstand zu leisten – auch wenn im Unrechtsstaat auf der Hersfelder Bühne eine Justitia-Statue mit dem Spruch „In dubio pro reo“ („Im Zweifel für den Angeklagten“) zugehängt wurde.

Karten für „Der Prozess“ und die anderen Stücke der Hersfelder Festspiele, die noch bis zum 1. September dauern, gibt es auf bad-hersfelder-festspiele.de. Auf dem Programm stehen in diesem Jahr:

„Der Prozess“
„Funny Girl“
„Shakespeare in Love“
„Hair“
„Emil und die Detektive“
„A Long Way Down“gallery interval=”3″ images=”141952,141946,141948,141947,141951,141949,141954,141950″ img_size=”full”]

“Spiel mich – so klingt Fulda”: Bunte Klavieraktion in der Innenstadt

“Spiel mich – so klingt Fulda”: Bunte Klavieraktion in der Innenstadt

Drei Klaviere, drei Standorte in der Fuldaer Innenstadt – und hoffentlich viele Menschen, die auf den Instrumenten spielen werden: Das ist die Idee von „Spiel mich – so klingt Fulda“. Gestern wurde das Projekt vorgestellt.

Ein Text von Hanna Wiehe

„Musik verbindet“ – darauf setzen die Organisatoren von Stadt und City Marketing Fulda. Denn wenn ab dem 1. August drei Klaviere am Buttermarkt, in der Karlstraße und am Bahnhof stehen, sollten natürlich auch möglichst viele Menschen darauf spielen. „Wir hoffen auf tolle, vielleicht auch spontane Momente in der Stadt“, erklärte Edi Leib vom City Marketing. Ihre Fotos und Videos können die Pianisten dann im Internet unter #spielmichfulda teilen.

Die Idee zu diesem Kunstprojekt, das inzwischen in mehr als 50 Städten weltweit umgesetzt worden ist, stammt von dem Briten Luke Jerram. Der stellte erstmals im Jahr 2008 Pianos in Birmingham auf – mehr als 1700 Klaviere folgten überall auf der Welt.

Musik verbindet – immer und überall

Nun ist auch Fulda dabei. Die Klaviere sind täglich in der Zeit zwischen 11 und 20 Uhr frei zugänglich zum Bespielen. „Klavierpaten kümmern sich um die Instrumente“, sagte Leib. Gespendet hat zwei der Instrumente das Musikhaus Mollenhauer. „Ich war von der Aktion sofort begeistert“, sagte Geschäftsführer Manfred Wiegand. Das dritte Instrument wurde von einer Musikpianistin aus Düsseldorf gespendet – zwei Mitarbeiter der Spedition Zufall brachten das Klavier an einem Samstag nach Fulda.

Auch die Sparkasse Fulda unterstützt das Projekt: Richard Hartwig, Mitglied im Vorstandsstab, erinnerte sich an ein Video vom Taksim-Platz in Istanbul und an einen Pianisten, der nur mit seiner Musik die Stimmung unter Demonstranten und Polizisten bei den Protesten 2013 veränderte. Auch für die Fuldaer Innenstadt hoffen die Organisatoren auf die Musik als verbindendes Element: „Musik ist etwas, das unglaublich viele Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenführt“, sagte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) gestern. Die Aktion sei ein schönes Beispiel dafür, dass es nicht immer die großen Events seien, die Atmosphäre verbreiteten.

Nach der Aktion kommt ein Klavier ins Antons

Damit die Klaviere nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch für die Augen sind, hatte das City Marketing im März einen Wettbewerb zur Gestaltung der Pianos ausgelobt. 20 Entwürfe waren eingegangen. Eine Jury, in der unter anderem Musicalproduzent Peter Scholz saß, wählte die drei besten aus: Die Klaviergestalter sind Christiane Hartmann mit Schülerinnen ihres Kindermalkurses, Auszubildende der Stadt Fulda und die Künzellerin Ulrike Siuda mit ihrer Familie.

In den Räumen des Kinder- und Jugendclubs Münsterfeld werden die Instrumente nun gestaltet. Drei Schülerinnen dürfen darüber hinaus die aus Sperrholz ausgesägte Silhouette einer Sängerin gestalten, die neben einem Klavier auf- gestellt wird. Was mit den Klavieren nach der Aktion, die vier Wochen dauern soll, passiert, ist noch nicht ganz klar. „Eines wird im ,antons‘ in Fulda aufgestellt“, berichtete Edi Leib. Ein Mitarbeiter engagiert sich als Klavierpate und hat sich gewünscht, eines der Instrumente dort zu haben. Gestern bereits wurden Organisatoren und Pressevertreter eingestimmt: Neben Peter Scholz und Richard Hartwig setzte sich unter anderem auch der OB ans Klavier.

Premiere der „Päpstin“ mündet in Party im Schlosstheater

Premiere der „Päpstin“ mündet in Party im Schlosstheater

So fett wie am Freitagabend wurde noch nie ein Musical in Fulda gefeiert: Rund um die Premiere der „Päpstin“, mit der der Musicalsommer eröffnet wurde, gab es im Schlosstheater eine Megaparty. Bereits einige Minuten nach eins, zweieinhalb Stunden nach Ende der Vorstellung,  hieß es an den Theken: „Wein ist leider aus!“ Dabei hatten sich die Mambo Kingx gerade erst richtig schön warm gespielt. Sie sorgten dann auch dafür, dass bis in die frühen Morgenstunden im Foyer des Theaters getanzt wurde – was in den Heiligen Hallen extrem selten vorkommt.

Ein Text von Bernd Loskant

Laune auf die Party hatte natürlich einmal mehr die Vorstellung der „Päpstin“ gemacht. Gibt’s eigentlich noch etwas zu sagen über ein Musical, das in diesem Jahr in die siebte Spielzeit geht und schon 300 Mal in Fulda aufgeführt wurde? Oh ja, gibt es. Denn langweilig wird es auch diesmal nicht, selbst wenn man das Stück schon fünfmal gesehen hat und die meisten Songs inzwischen nicht nur mitsummen, sondern auch mitsingen kann. Das Team um Komponist Dennis Martin verändert die Geschichte der Johanna, die zur Päpstin wird, regelmäßig in Details, schafft neue Bühnenbilder und rüstet technisch auf, so dass das Stück immer und immer wieder sehenswert ist. Im Ensemble sind in diesem Jahr einige neue Gesichter zu sehen, insbesondere Isabel Trinkaus sticht hervor, die die kurzfristig krank gewordene Sabrina Weckerlin als „Päpstin Johanna“ toll ersetzt. Bei den männlichen Darstellern ein Highlight: Mark Seibert, der den Marktgrafen Gerold spielt, der schließlich Johannas große Liebe wird.

Ein Stück welches immer und immer wieder sehenswert ist

Die Story spielt im finsteren Mittelalter – in einer Zeit, in der Menschen noch an germanische Götter glaubten, in der die Kirche immer mehr Macht an sich riss, in der es normal war, dass Päpste und Kardinäle ein ausschweifendes Liebesleben führten, und in der Frauen nichts wert waren. Zentrales Thema der „Päpstin“ ist die Gleichberechtigung. Um überhaupt eine Chance in der Welt zu haben, muss sich Johanna als Johannes ausgeben. Sie macht Karriere als Kirchengelehrter und Arzt, dass sie dann auch noch zum Papst gewählt wird (was sie in große Schwierigkeiten bringt), hätte sie natürlich nicht im Träume gedacht. Erzählt wird der berühmte Roman von Donna W. Cross mit all den Elementen, die Musical-Fans lieben: starke Bühnenbilder, mitreißende Songs, fetzige Tänze. 

Nun also ist Fulda wieder für die nächsten zehn Wochen Musicalstadt, die Fans aus dem ganzen Land anzieht. „Die Päpstin“ wird bis zum 6. Juli aufgeführt, anschließend vom 13. Juli bis 14. August „Der Medicus“. Großes Finale ist dann vom 22. bis 28. August mit dem „Bonifatius“-Musical, mit dem der Erfolg der spotlight-Musicals vor vielen Jahren begann. Zum Stadtjubiläum gibt es eine Neuinszenierung mit Orchester auf dem Domplatz.  

Tickets für die Vorstellungen, die noch nicht ausverkauft sind, gibt es unter anderem bei den Geschäftsstellen der Fuldaer Zeitung.

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