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Wie erschreckend aktuell ein über 100 Jahre alter Roman über einen Unrechtsstaat sein kann, zeigen in diesem Jahr die Bad Hersfelder Festspiele. Die Freilichtspiele in der Stiftsruine wurden mit dem Kafka-Klassiker „Der Prozess“ eröffnet.

Ein Text von Bernd Loskant

In der Türkei wird der deutsche Journalist Deniz Yücel 2017 verhaftet und ein Jahr eingesperrt – ohne dass es eine Anklageschrift gibt und er erfährt, was ihm überhaupt vorgeworfen wird; in Nordkorea wird der US-Student Otto Warmbier 2017 zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, weil er ein Plakat gestohlen haben soll – er stirbt unter ungeklärten Umständen; offenbar im Auftrag des Regimes wird 2018 der saudische Journalist Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat seines Heimatlandes ermordet, weil er das Königshaus kritisierte und Reformen forderte. Drei Fälle, die in einem Rechtsstaat undenkbar sind, oder etwa nicht?

Auch in Staaten der europäischen Union wird das Grundrecht auf Meinungsfreiheit mit Füßen getreten, werden Menschen drangsaliert, die ihrer Regierung kritisch gegenüberstehen – wenn auch nicht so krass wie in Nordkorea. Der Intendant der Hersfelder Festspiele, Joern Hinkel, sagte bei der Eröffnung: „Ich beobachte mit Sorge, was derzeit in der Welt passiert. Etwa, wie manche  europäische Nachbarn Systeme jenseits der Rechtsstaatlichkeit installieren. Wie Lehrer, Journalisten und Politiker verschwinden oder mundtot gemacht werden. Das passiert nicht nur in Schurkenstaaten, sondern in unserer Nachbarschaft.“

Aktueller denn je

Das Thema hat Franz Kafka bereits vor mehr als 100 Jahren in seinem Roman „Der Prozess“ verarbeitet. Da er selbst nicht zufrieden war mit seinem Werk und es als künstlerisch misslungene Arbeit bezeichnete, schrieb er es gar nicht zu Ende. Erst nach seinem Tod wurden die Seiten entdeckt und veröffentlicht. Heute ist es für viele Schüler schwere Kost, die man im Deutschunterricht zwangsweise verdauen muss. Doch was in der Schule nervt, ist auf der Bühne der Stiftsruine dank der modernen Inszenierung von Joern Hinkel ein fesselndes, hoch aktuelles und  aufrüttelndes Stück Theater. Es zeigt, was sich aus einer unbedachten Äußerung im Netz, aus einer ungerechtfertigten Beschuldigung oder Denunziation entwickeln kann.

Am Anfang sieht alles nur nach einem Alptraum aus: Josef K., ein junger, drahtiger Banker, kommt eines Abends nach Hause und legt sich ins Bett. Am nächsten Morgen – es ist auch noch sein 30. Geburtstag – wird er überrascht von Kriminalbeamten, die ihn festnehmen und seine Wohnung auf den Kopf stellen. Offenbar hat ihn jemand verleumdet – so, wie heute in den Sozialen Netzwerken schnell Unwahrheiten über Personen verbreitet werden.

Packende Szenen, wenig zu lachen

Im Falle von Josef K. hat das fatale Folgen: Der Beschuldigte wird von seinem Arbeitgeber bis zur Klärung beurlaubt, verliert seine Verlobte und sucht den Bund mit einem windigen Journalisten, der gegen die, die ihn anklagen, etwas in der Hand haben, letztlich mit dem Fall aber nur Geld verdienen will. Was er überhaupt verbrochen haben soll, sagt ihm keiner und bleibt letztlich auch im Dunkeln – sein Fall steht exemplarisch für viele Vorwürfe, die die Justiz-Maschinerie und die Gesellschaft, die ihrerseits schnell mit Vorverurteilungen ist, in Gang setzen können. Jeder kann plötzlich Josef K. werden.

Zu lachen gibt es wenig in diesem Stück, dafür erlebt das Publikum – am Eröffnungsabend waren rund 1300 in der Stiftsruine – drastische Szenen, die nachdenklich machen. So zerschlägt Josef K., exzellent gespielt von Ronny Miersch, in seiner Verzweiflung über seinen aussichtslosen Kampf gegen die Justiz Möbelstücke auf dem Flügel in seiner Wohnung. „Fräulein Montag“, eine gealterte Sängerin, die ebenfalls von der Justiz verfolgt wird, ohne zu wissen warum, jagt sich in ihrer aussichtslosen Situation eine Kugel in den Kopf. Monumental wirkt manche Szene und immer auf der Höhe der Zeit: So glaubt man, bei einer Nachtclub-Szene, was Stimmung und Musik angeht, eine Reminiszenz an die Serie „Babylon Berlin“ zu erkennen.

Die renommierten Schauspieler überzeugten

Eine Reihe renommierte Schauspieler hat der Intendant nach Bad Hersfeld geholt: Neben Ronny Miersch, der kürzlich erst in einem Kölner „Tatort“ zu sehen war, auch die Hollywood-erfahrene Marianne Sägebrecht oder Dieter Laser, Thorsten Nindel und die zuletzt immer  wieder in der Boulevardpresse mit gesundheitlichen Problemen Schlagzeilen machende Ingrid Steeger.

Im Original endet Kafkas Roman tragisch: Josef K. fügt sich irgendwann seinem Schicksal und wird hingerichtet. Der Journalist Deniz Yücel, der bei der Eröffnung in Bad Hersfeld die Festrede hielt, sagte dazu: „Josef, das nehme ich dir wirklich übel.“ Glücklich dürfte er dagegen über die Fassung von Joern Hinkel sein. Die Botschaft, die von Bad Hersfeld ausgeht, lautet: Gib niemals auf! Es lohnt sich, Widerstand zu leisten – auch wenn im Unrechtsstaat auf der Hersfelder Bühne eine Justitia-Statue mit dem Spruch „In dubio pro reo“ („Im Zweifel für den Angeklagten“) zugehängt wurde.

Karten für „Der Prozess“ und die anderen Stücke der Hersfelder Festspiele, die noch bis zum 1. September dauern, gibt es auf bad-hersfelder-festspiele.de. Auf dem Programm stehen in diesem Jahr:

„Der Prozess“
„Funny Girl“
„Shakespeare in Love“
„Hair“
„Emil und die Detektive“
„A Long Way Down“[/vc_column_text][vc_gallery interval=”3″ images=”141952,141946,141948,141947,141951,141949,141954,141950″ img_size=”full”]

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