19 Schüler sitzen gespannt vor mir. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, haben alle einen langen Fluchtweg hinter sich gebracht, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Das ist jetzt fast zwei Jahre her. Inzwischen haben die meisten von ihnen ihren Hauptschulabschluss in der Tasche und suchen eine Ausbildung oder starten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter durch.
Wie geht Integration? Diese Frage stellen wir uns seit 2015 die erste Flüchtlingswelle in Deutschland ankam und Städte und Kommunen vor große Herausforderungen stellte. Auch die Schulen, denn sie mussten plötzlich mit Kindern und Jugendlichen umgehen, die Schreckliches erlebt haben, gar nicht oder kaum die deutsche Sprache verstanden, geschweige denn sprechen konnten, aber dringend einen geregelten Schulalltag und Freunde brauchten, um zu verarbeiten, um anzukommen.
Viele der Jugendlichen über 16 finden einen solchen Platz in der Region an der Richard-Müller-Schule. Über Integrationsklassen erhalten die jungen Neuankömmlinge Sprach- und Kulturkurse, werden sprichwörtlich an die Hand genommen und auf den Weg zum Schulabschluss gebracht. Wie genau das aussieht, haben wir in einer der Schulausgaben berichtet.
Die 19 Schüler, die mich heute in ihren Kreis eingeladen haben, sind auf diesem Weg schon sehr weit. Alle 19 sprechen ein weit besseres Deutsch als manch anderer nach acht Jahren Schulzeit Englisch. Und sie sind hochmotiviert, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Dass die Sprache dafür unerlässlich ist, wissen sie und pauken hart dafür.
„Das Lernen hier macht richtig Spaß, und alle Leute hier unterstützen uns“, erzählt Malaz Al Dassoqi (18) aus Damaskus. Den Schülern gehe es gut an der RiMS, Probleme gebe es eigentlich nicht. In Fulda, sagen mir alle, fühlen sie sich gut aufgehoben. Jawad Ahmad Dauadzai (18) aus Afghanistan hat schon ganz anderes in Deutschland erlebt, erzählt er. „Als ich 2015 ankam, habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Ich war in Heidenau, dort war Nazis gegen Flüchtlinge.“ Er habe gesehen, wie Hass gegen Fremde aussieht. Sein Onkel habe ihn dann nach Hessen geholt. Hier fühle er sich sicher.
„Man merkt, dass es hier schon lange Ausländer gibt. Die Leute sind eigentlich sehr offen“, sagt Zidan Tami aus Syrien. Zidan ist mit seiner Familie nach Fulda gekommen, hatte in Syrien vor der Flucht fast das Abi in der Tasche und wollte Informatik studieren. Doch seine Zeugnisse gingen verloren, weshalb der 19-Jährige hier bei Null angefangen hat. Jetzt hat er den Hauptschulabschluss in der Tasche. Bis zum Studium will er sich in den nächsten Jahren voran arbeiten.
Denn die Schulzeit ist irgendwann vorbei und aus den Flüchtlingen, die hier aufgenommen wurden, sollen Arbeits-, sollen die Fachkräfte von morgen werden. Und jetzt müssen sie die nächste Hürde nehmen. Mit dem Hauptschulabschluss in der Tasche startet für einen großen Teil der Schüler vor mir der Weg ins Berufsleben. Während des vergangenen Jahres haben sie mit Unterstützung der RiMS Praktika gemacht, sich in Unternehmen vorgestellt, Bewerbungen geschrieben. Einige von ihnen haben bereits einen Vertrag in der Tasche. Wie Heidar Parves Khan (17) aus Afghanistan. Industriekaufmann möchte er werden, bei der Firma Reform erhält er ab Sommer die Chance dazu. Der Weg zum Realschulabschluss stand Parves nicht offen, erklärt Fraya Ruppel, Sozialpädagogin im Projekt Intea. Sie betreut die Schüler bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Seit Afghanistan als sicheres Herkunftsland eingestuft wurde, erhalten auch die Schüler Ablehnungsbescheide auf ihre Asylanträge und werden aufgefordert, Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. „Viele unserer afghanischen Jungs könnten aber weiter zur Schule gehen, sie könnten viel mehr als den Hauptschulabschluss erreichen. Es sichert sie aber einfach nicht.“ Und das kann Träume zerstören, wie im Fall von Jawad Ahmad. Er möchte Journalist werden, ist sprachlich sogar so fit, dass seine Bewerbung für den Jugendmedienworkshop der Jugendpresse Deutschland ihm eine Einladung nach Berlin zum Bundestag einbrachte. Trotzdem wird er sich jetzt, statt das Abi anzustreben und seinen Traumberuf zu studieren, nach einer Ausbildung umschauen müssen.
In den nächsten Tagen stellen wir dir ein paar der Jugendlichen und ihre Geschichten, Ziele, Wünsche vor.
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