Wer kennt das nicht: Freundschaft, Liebe, Konkurrenz und Eifersucht. In kaum einer anderen Beziehung liegen Liebe und Hass so nah beieinander wie unter Geschwistern. So wie man sich streitet, so verträgt man sich, so wie man sich verletzt, verzeiht man einander. Ist Streit immer schlimm?

Ein Text von Sanja Winhold 

Wenn ich an meine 17-jährige Schwester Verena denke, verspüre ich oft Sehnsucht. Ich denke gerne an die Zeit von früher zurück. Es sind die Momente, die man für selbstverständliche hält, die das Zusammenleben so toll machten. Das morgendliche Treffen im Bad, die Gespräche vor dem Schlafengehen, bei denen keine von uns müde werden wollte. Die wolkigsten Tage bei Kälte und Regenwetter gehörten zu den Schönsten. Spiel des Lebens war unser Klassiker. Heute leben wir das Brettspiel ohne Brett.

Wie gesund ein Schwestern-Fight sein kann

Doch wie alle Geschwister stritten wir natürlich. Machtkämpfe waren das Thema Nummer eins. Wir beide wollten das Sagen haben. Und wir haben wir uns nicht gerade sittlich verhalten. Haaren ziehen, petzen, manchmal sogar beißen – was Schwestern eben so machen. Das waren Kräfte, die gemessen werden mussten – als hätte man zwei wild gewordene Löwen nach einem Jahrzehnt aus einem Käfig befreit. Doch sind solche Attacken immer schlecht? Was sagen Experten dazu?

Pädagogin und Bloggerin, Stefanie Wenzlick aus München sagt, dass Streit unter Geschwistern gesund sei, solange der Streit nicht eskaliere. Kinder lernen im Streit, wie man Konflikte löst und Kompromisse findet. Die Geschwister würden auf diese Weise nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Gegenüber dadurch besser kennenlernen. Auch wie sie eigene Grenzen ziehen und die der anderen respektieren, wird ihnen im Zoff klar. Zudem lernen sie dabei, sich in den anderen hineinzuversetzen, ihre eigenen Gefühle zu zeigen und die eigene Meinung zu vertreten, ohne den anderen zu verletzen. Man verstehe dadurch, dass nicht alle Menschen gleich sind. Durch Streit lerne man am besten, damit umzugehen.

Trotz Streit ein Herz und eine Seele

Stefanie Wenzlick nennt Gründe, wieso gerade Geschwister mehr streiten als Freunde. Ein Spielkamerad könne den Streit jederzeit beenden, indem er einfach weggeht. Der Druck, eine Lösung für den Konflikt zu finden, sei hier schwächer. Schließlich lebe man mit seinem Kontrahenten nicht unter einem Dach. Unter Geschwistern müsse eine Lösung her, damit man wieder zusammenhalten und friedlich miteinander leben könne. Doch wie stellt man das an?

Meine Schwester und ich hatten ein altbewährtes Verhaltensmuster, nachdem bei uns die Fetzen geflogen waren. Wir gingen uns erst mal aus dem Weg, jeder in sein Zimmer, jeder in sein Schneckenhaus, um sich richtig auszukotzen. Wenn sich das Gewitter wieder gelegt hatte, konnten wir wieder miteinander reden, als sei nichts gewesen. Im Grunde genommen war klar, dass wir uns früher oder später versöhnen. Innige Umarmungen von ihr machten es eigentlich schon wieder gut, außerdem kann ich auf sie nicht lange sauer sein. Und das ist heute noch so.

Lass sie streiten – und sich vertragen

Also – falls du kleine Geschwister oder schon Kiddies hast, lege nicht jeden Zoff auf die Goldwaage. Das Kräftemessen ist ganz normal und gut für die soziale Entwicklung. Lass sie ihren Zwist selbst beilegen. Das müssen sie lernen. Und falls es mal heftiger war und eine Versöhnung für den Moment undenkbar erscheint, reicht vielleicht ein kleiner Stupser, dass einer auf den anderen zugeht. Sie zu zwingen, sich zu vertragen, sollte wenn überhaupt das letzte Mittel sein.

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