Für jeden bedeutet Onlinedating etwas anderes: die große Liebe, zwanglose Schäferstündchen, tausende qualvolle Dates … Fakt ist, dass diese Apps nicht mehr aus unserem Liebesleben wegzudenken sind. Aber können wir deshalb unsere Liebe nur noch im Internet finden? Ich fände das sehr schade.

Ein Text von Lorena Zapke

Ich nutze Tinder nun seit eineinhalb Monaten, und bis jetzt ist noch nichts Ordentliches dabei rausgekommen. Viele Freunde und Bekannte sagten mir, dass das ganz normal sei, es dauere eben so wie im „echten Leben“. Das mag sein, aber im „echten Leben“ sortiere ich nicht aus tausenden Kandidaten die “besten” aus. Pro Tag hatte ich mehrere Matches, da sollte man doch meinen, dass da mal einer dabei ist. Aber weit gefehlt. Stattdessen schreibe ich mit einer Menge Typen, die mich mittlerweile fast alle nur langweilen. Chatten finde ich ohnehin anstrengend, aber Tinder stellt mein empfindliches Nervensystem besonders hart auf die Probe. Ich habe 24 offene Chats, und in allen führe ich quasi dasselbe Gespräch. Was ich beruflich mache, was meine Hobbys sind usw. Natürlich ist es schwer, den Anfang eines Gespräches zu finden. Aber in Tinder scheinen alle das Leben des Gesprächspartners auf einer Checkliste abzuhaken.

Tinder – ein Schubladensystem

Tatsächlich kann man Tinder gut mit einem Schubladensystem vergleichen, das nach gut und schlecht aussortiert. Entspricht man dem Typ des beurteilenden Menschen, darf man eine Schublade weiter.

Schublade 1: Aussehen. Wer das nicht übersteht, wird „weggeswiped“.

Das ist zweifelsohne der schlimmste Teil der Aussortierung. Denn die Typen, die man sich dabei herausfischt, sind nicht unbedingt immer die nettesten beziehungsweise passendsten. Als ich auf reisen war, habe ich zwei Typen kennengelernt, die nicht schlecht aussahen, aber so gar nicht mein Typ gewesen wären. Hätte ich ein Bild von ihnen auf Tinder gesehen, hätte ich es wohl weggewischt. Aber so verbrachten wir mehrere Wochen fast jeden Tag miteinander und gingen oft feiern. Ich glaube, ich habe selten so viel gelacht wie mit ihnen. Ab und zu haben wir auch mal über ernstere Themen gesprochen und ihre Weltanschauung war einfach atemberaubend. Ich hätte sie am liebsten gleich beide geheiratet, Polygamie ich komme! Auch meine Cousine, mit der ich sieben Monate gereist bin, beteuerte immer wieder, dass sie charakterlich eine 20 von 10 sind. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dass ich diese Menschen niemals kennengelernt hätte, nur wegen eines Bildes, das ich weggewischt hätte, könnte ich weinen. Aber um zu erkennen, hinter welchem Bild ein solcher Typ steckt, müsste ich mit jedem zweiten in Kontakt treten. Da kämen locker mal 1000 Chats zusammen. Klingt sehr anstrengend.

Schublade 2: Beziehung oder etwas Lockeres?

Die meisten Singles sind da streng und haben sich schon genau überlegt, worauf sie ausschließlich aus sind. Deshalb wird diese Frage auch gleich am Anfang gestellt. Stimmt dieser Punkt nicht überein, wird die Konversation sofort abgebrochen, alles andere hätte ja auch keinen Sinn – oder?

Und last but not least Schublade 3: Das formelle Grundpaket muss stimmen.

Hat sie ein zeitaufwendiges Hobby? Da bleibt nicht mehr viel für den Geliebten übrig. Hat er keinen guten Beruf? Das ist ihr zu perspektivlos. Das hat nichts mehr mit Chemie und Spontanität zu tun. Hier zäumt man das Pferd von hinten auf. Erst prüft man alle kleinen Dinge, und dann kann es zum Rest kommen. Lernt man einen Menschen face to face kennen, legen einem solche Dinge keine Steine in den Weg, weil man den Menschen an sich, seine Ausstrahlung, seinen Charakter gern hat.

Gründe, warum Onlinedating nicht für jeden funktioniert

Natürlich waren Aussehen, Hobby und Beruf schon immer wichtige Fragen beim Daten, aber bei den vielen möglichen Kandidaten werden sie zu einem Ausschlusskriterium. Irgendwann wird man so wählerisch, dass am Ende niemand mehr übrig bleibt. Durch die Art, wie wir die Menschen hinter den Profilen aussortieren, jagt man „Mr. Right“ hinterher wie einer begrenzten Ware in einem Kaufhaus. Keiner ist gut genug, es könnte ja immer jemand “besseres” kommen. Dabei sollte das Endergebnis doch eigentlich Liebe oder Spaß sein, oder?

Die einzige Möglichkeit dem entgegenzuwirken, ist, sich einfach mal zu treffen. Irgendwann habe ich einige Typen gefragt, wie lange sie brauchen, bis sie ein Mädchen nach einer Verabredung fragen. Und die meisten antworteten, dass es ein paar Tage bis Wochen dauern könnte, wenn es überhaupt passt und sie das Mädchen sympathisch finden. Liebe Männer, bis ihr euch dazu entschlossen habt, mit mir auszugehen, wohne ich schon lange nicht mehr hier!

Weniger Fassaden und Missverständnisse

Vermutlich ist es auch die Angst davor, was da jetzt nach so langer Zeit des Schreibens rauskommt. Deshalb ist es, denke ich, immer noch am besten einen Menschen zufällig kennenzulernen. Dann hast du ihn nicht vorher mit tausend anderen verglichen und dir jede Menge Erwartungen gemacht. Ihr redet direkt miteinander und die Körpersprache sagt dabei oft mehr, als jedes eurer Worte. Ist er wirklich interessiert? Finde ich ihn überhaupt sympathisch so wie er sich gibt? Jeder kann selbst bei einem kurzen Gespräch abschätzen, ob man mehr möchte oder nicht. Es gibt weniger Fassaden und Missverständnisse, und dein Gegenüber antwortet dir sofort, während er oder sie beim Schreiben länger überlegen kann.

Natürlich begegnet man nicht ständig „Mr. Right“. Dann wäre er auch nichts Besonderes. Dennoch ist es mir lieber, ihm zu begegnen, als ein Foto von ihm in einer App nach rechts oben zu wischen. Für mich wird weiterhin die nächste Bar oder der nächste Club die beste Dating-App bleiben, auch wenn Onlinedating für den ein oder anderen eine tolle Ergänzung oder Chance bietet.

Für das kommenden move36-Magazin hat Redakteurin Josephin Dating-Apps mal genauer unter die Lupe genommen und berichtet zudem davon, wie sich ihre eigene Einstellung gegenüber Tinder & Co. gewandelt, nachdem sie Erfahrungen gesammelt hatte.

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