Ideen und Konzepte liegen auf dem Tisch, doch noch immer sehen Schulen aus wie während der Zeit der Industrialisierung. Das kritisierte Prof. Frank Thissen auf dem Medientag 2019 am Domgymnasium in Fulda. Der E-Learning-Experte lieferte einige Beispiele dazu, wie das Lernen im 21. Jahrhundert aussehen könnte.

Das 21. Jahrhundert ist bereits knapp zwei Jahrzehnte alt. Wie Schüler in diesem Jahrhundert lernen sollen, damit sie für künftige Herausforderungen gewappnet sind, ist aber noch immer nicht klar. Zumindest verfolgen Schulen in Deutschland nicht flächendeckend Lernansätze, die den krassen Veränderungen, die die Digitalisierung gebracht hat und noch bringen wird, gerecht werden. Dabei gibt es reichlich Ideen und Konzepte.

Am Dienstag hat sich die Rabanus-Maurus-Schule in Fulda diesen Herausforderungen gewidmet. Auf dem Medientag 2019, den unter anderem Oberstudienrat Dieter Umlauf von der Freiherr-vom-Stein-Schule mit dem Medienteam des Domgymnasiums vorbereitet hat, besuchten etwa 100 Lehrer Workshops zum Thema Digitalisierung. Es ging unter anderem um das Erstellen von Lernvideos, Programmieren im Grundschulalter und den Einsatz von 3D-Szenarien im Unterricht. Außerdem hat die OB//CC, ein Tochterunternehmen des Verlags Parzeller, seine E-Learning-Software „classroom“ vorgestellt.

“Wissen nicht, was kommt, aber was man braucht”

Vor Beginn der Workshops hielt Prof. Dr. Frank Thissen einen Vortrag mit dem Titel „Lernen im 21. Jahrhundert“. Thissen ist Experte für das Thema E-Learning und lehr an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist der Auffassung, dass heutige Schulkonzept nicht mehr zeitgemäß ist. „Unsere Schule kommt aus dem Industriezeitalter“, sagte Thissen im Domgymnasium. „Die Welt ist damals recht einheitlich gewesen. In der Produktion ging es um Standardisierung.“ Deshalb seien auch die Schulen und das Wissen standardisiert worden. Das habe sich aber geändert.

Der Grund laut Thissen: die Digitalisierung. „Durch die Digitalisierung wird alles schneller“, sagt Thissen. „Die Künstliche Intelligenz ‚Deep Mind‘ hat sich innerhalb von drei Tagen das komplexe Spiel ‚Go‘ so gut selbst beigebracht, dass es die Meister dieses Spiels geschlagen hat.“ Zudem sei die Menge der verfügbaren Daten explodiert, und diese Entwicklung befinde sich noch nicht am Ende. Das alles führt laut Thissen dazu, dass die Welt immer komplexer und unübersichtlicher wird. „Die Schulen müssen unsere Kinder auf Berufe vorbereiten, die es heute noch nicht gibt“, sagt er. „Wir wissen nicht, was kommt, aber wir wissen, was man für diese Welt braucht.“

Der Professor meint damit die so genannten „21st Century Skills“. Dazu zählen Kreativität, Problemlösungskompetenz, Kommunikationskompetenz sowie soziale und interkulturelle Kompetenz. „Es wird nicht mehr darum gehen, auf Halde zu lernen“, sagt Thissen. „Vieles aus Lehrebüchern ist längst veraltet.“ Der E-Leraning-Experte warnt jedoch davor, einfach nur iPad-Klassen einzuführen oder Smartboards anzuschaffen. „Das Aufgabenblatt auf Papier durch eines auf einem Tablet zu ersetzen, bietet keinen Mehrwert.“

move36: Partner für Lernen im 21. Jahrhundert

Thissen schwebt vor, dass Schüler von reinen Lehrmedienkonsumenten zu Produzenten werden. „Das aktiviert Menschen“, sagt er. „Schüler können zum Beispiel zu bestimmten Themen multimediale Bücher erstellen. Sie recherchieren, führen Interviews und produzieren Medien. Wenn das Ergebnis dann auch noch veröffentlich wird, sorgt das für Ernsthaftigkeit.“ Wichtig sei bei allem die intrinsische Motivation, sagt der Professor.“ Die Schüler müssten von sich aus motiviert sein, nicht durch Angst oder das Streben nach guten Noten. Das gelinge, wenn die Aufgabe einen echten Sinn, Zweck oder Nutzen für die Allgemeinheit hätten.

Die Redaktion von move36, die unter dem Dach der OB//CC sitzt, bemüht sich ihrerseits, einen Beitrag zum Lernen im 21. Jahrhundert zu leisten. Viele Schulen nutzen das gedruckte Magazin im Unterricht, weil es – anders als die meisten Bücher – aktuelle Themen behandelt. Außerdem hat die Online-Redaktion von move36 zuletzt mit der Geschichts-AG der Wigbertschule in Hünfeld kooperiert. Gemeinsam mit den Schülern erstellte die Redaktion einen multimedialen Beitrag über einen Ausflug zur Gedenkstätte Point Alpha. Die Schüler haben Infos und Eindrücke gesammelt sowie Fotos und Videos aufgenommen. Das Resultat zeigt, wohin die Reise des Lernens im Kreis Fulda gehen kann.

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