Digitales Lernen an deutschen Schulen? Bis heute ist es damit nicht weit her. Die OBCC, die auch move36 herausgibt, möchte das ändern. Am Donnerstag stellte Dieter Umlauf, Lehrer an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda, auf der Messe Learntec die App Classroom des Unternehmens vor. In Kürze möchte die Hochschule der Medien in Stuttgart die Software testen.

Die Lebenswirklichkeit deutscher Schüler ist längst digital. Unterhaltung, Informationen und Kommunikation finden in großen Teilen online statt. Das wichtigste Gerät dabei ist das Smartphone.

Dennoch reißen die meisten Schulen ihre Schüler noch immer aus dieser Wirklichkeit heraus. Statt Lehrinhalte in diesem gewohnten Umfeld mit gewohnten Hilfsmitteln zu vermitteln, greifen sie auf seit Jahrzehnten kaum veränderte Lehrmittel zurück – Bücher. Und die wenigen Tabletklassen müssen sich mit PDFs abmühen – auch nichts groß anderes.

OBCC Classroom auf Learntec vorgestellt

Dieter Umlauf (Freiherr-vom-Stein-Schule) stellte auf der Learntec in Karlsruhe die App OBCC Classroom vor. (Foto: Joscha Reinheimer)

Die OBCC GmbH aus Fulda hat in Abstimmungen mit örtlichen Schulen eine Anwendung entwickelt, die der Lebenswirklichkeit heutiger Schüler gerecht wird: OBCC Classroom. Am Donnerstag, 1. Februar, stellte Dieter Umlauf, Oberstudienrat an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda und dort Deutsch-, Englisch- sowie Informatiklehrer, die Anwendung auf der Learntec in Karlsruhe vor.

Umlauf, dessen Schüler seit einigen Monaten mit Classroom lernen, sagte auf der Learntech: “Mit dem Flow-Editor der App erstellen meine Schüler multimediale ‘Bücher’. Sie erzeugen Texte, reichern sie mit selbst produzierten Fotos und Videos an. Die Schüler erzeugen so zusammen und dezentral ein tolles Produkt. Das kann keine andere Lernsoftware, die ich kenne.”

Lebenswirklichkeit junger Deutscher

Tägliche Nutzung verschiedener Medien in Minuten (14- bis 29-Jährige)

Internet (187)
Fernsehen (144)
Hörfunk (137)
CD/MC/LP/MP3 (51)
Bücher (22)
Tageszeitung (9)
Video/DVD (9)
Zeitschriften (1)
  • nahezu 100 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen das Smartphone täglich oder mehrmals die Woche; Bücher nicht einmal jeder Zweite (Quelle: JIM-Studie 2017)
  • bei 14- bis 29-Jährigen ist das Internet bzgl. der Beschaffung von Informationen und Denkanstößen, der Möglichkeit, bei einem Thema mitreden zu können, und der Nützlichkeit im Alltag mit Abstand das Medium Nummer 1 (Quelle: Massenkommunikation2015: Mediennutzung im Intermediavergleich)

Damit liefert Classroom das, was Prof. Frank Thissen fordert, wenn es um digitales Lernen geht. Thissen lehrt an der Hochschule der Medien in Stuttgart. E-Learning, Mobile Learning und Story Based Learning zählen zu seinen Lehrgebieten. “Wir müssen weg von der Buchmetapher”, sagte Prof. Thissen auf der Learntec. “Sprechen wir heute über E-Books, haben wir noch immer die analogen, gedruckten Bücher im Kopf. Ähnlich wie beim Auto, dessen erste Modelle noch wie Pferdekutschen ausgesehen haben.”

Prof. Dr. Frank Thissen von der Hochschule der Medien in Suttgart

Ein Buch einfach auf den Bildschirm zu übertragen, sei jedoch nicht besonders spannend. “Es wird interessant, wo ich ein Buch anreichern kann, wo ich mit anderen Lesern in Kontakt komme.” Thissen ergänzt: “Wir sollten mobile Geräte als Produktionswerkzeuge einsetzen.” Sprich: Die Schüler sollten aktiv am Lehrmaterial mitarbeiten, anstatt es nur auf dem Smartphone oder Tablet zu konsumieren.

OBCC Classroom soll an Hochschule getestet werden

Prof. Thissen möchte OBCC Classroom in absehbarer Zeit an seiner Hochschule testen. Er arbeitet mit mehreren Schulen zusammen und fände es interessant zu sehen, wie deren Schüler mit der Software umgehen. Seine Prognose: “Die Motivation der Schüler wird steigen.”

„Die Tatsache, dass die Hochschule für Medien in Stuttgart unsere Plattform unter wissenschaftlichen Aspekten testet, ist für die Entwicklung von OBCC classroom ein Quantensprung“, sagt OBCC-Geschäftsführer Walter Lorz. „Und das ist nicht der einzige in den vergangenen Tagen. Es laufen parallel Gespräche mit einem renommierten Schulbuchverlag, der in Kürze die Software unter die Lupe nimmt.“

Was denken Schüler über das digitale Lernen?

  • 90 Prozent stimmen voll oder eher zu, dass digitale Medien den Unterricht interessanter machen
  • 72 Prozent stimmen voll oder eher zu, dass digitale Medien zum besseren Verständnis beitragen
  • weniger als 10 Prozent stimmen voll oder eher zu, dass sie im Unterricht nicht mit digitalen Medien lernen wollen

Diese große Akzeptanz digitaler Lernmedien zeigt sich auch in der Freizeit. 41 Prozent der Schüler lernen in der Freizeit mit Lernvideos. Lediglich ein Drittel nutzt in der Freizeit keine digitalen Lernmedien. (Quelle: Bitkom: Digitale Schule – vernetztes Lernen)

OBCC Classroom holt die also Schüler da ab, wo sie sich aufhalten, auskennen und zurechtfinden: in einer digitalen, multimedialen und interaktiven Welt. Multimedial. Interaktiv. Diese zwei Begriffe werden viel zu selten berücksichtigt, wenn sich die Frage stellt: Bildung digitalisieren, ja oder nein?

“Das ist der Riesenvorteil”

Dabei stehen diese Begriffe für die größten Vorteile dieser neuen Art Bildung. Statt lediglich mit Texten, können Schüler mit Bildern und Videos arbeiten – und alles kombinieren. Der aktive Zugang zu Lehrinhalten ist vielfältiger. Interaktion bedeutet: Schüler können zeit- und ortsunabhängig an Gemeinschaftsprojekten arbeiten. Neue, interessante Inhalte sind sofort für alle verfügbar. Lehrer können schnell und unkompliziert Hilfestellungen geben und direkter auf die unterschiedlichen Leistungsvermögen ihrer Schüler eingehen.

“Die Chat-Funktion in Classroom ist ein Riesenvorteil”, sagt Lehrer Dieter Umlauf. “Bleiben Schüler im Lernprozess irgendwo hängen, können sie sich gegenseitig helfen – egal wo sie sich gerade befinden. Auch Lehrer können helfend eingreifen.” Für die Schule sei zudem vorteilhaft, dass sie nicht an bestimmte Lehrbücher gebunden sei, bis neue Haushaltsmittel vorhanden seien. Und noch ein Vorteil laut Umlauf: “Die Wahrscheinlichkeit, dass Schüler ihr iPad vergessen, ist ziemlich gleich null.”

OBCC-Geschäftsführer Lorz prognostiziert: „Auch in der digitalen Bildung beziehungsweise Ausbildung wird sich die Plattform-Ökonomie durchsetzen, denn gerade bei diesem Zukunftsthema helfen thematisch gekapselte Insellösungen nicht weiter. Ohne Schnittstellen und Entwicklungsperspektiven kosten geschlossene Systeme am Ende nur Zeit und Geld. Wir sehen schon heute in Einzelfällen, wie die digitale Bildungsreise endet, ehe sie richtig begonnen hat.“ Halte man sich dann noch die zunehmende Internationalisierung in der Bildung wie Ausbildung vor Augen, so führe an mehrsprachigen integrativen Plattformen wie OBCC classroom kein Weg vorbei. „Das sollte auch die Politik erkennen“.

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QuelleFotos: Joscha Reinheimer

Sascha-Pascal Schimmel

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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)