Erneut ein Prozess, in dem es um vermeintliche Täter geht, die politisch vom rechten Rand stammen. Erst im März hat das Amtsgericht Fulda den Psychoterror gegen den Aktivisten Andreas Goerke verhandelt. Nun sitzen zwei Männer auf der Anklagebank, die nach einer Demo zwei Personen aus dem linken Spektrum angegriffen haben sollen.

Dass ihm so etwas einmal passieren würde, habe er nicht gedacht. Das sagt Lukas Larbig im Amtsgericht Fulda. Nun sorge er sich, dass er durch seine Aussage die Aufmerksamkeit der rechten Szene auf sich ziehe. Larbig ist Zeuge und Nebenkläger in einem Verfahren, das am Dienstag begonnen hat. Es geht um Körperverletzung. Möglicherweise mit politischem Hintergrund.

Auf der Anklagebank sitzen Daniel T. und Marcel H. Daniel T. ist 33 Jahre alt, wohnt in Flieden und ist Vater vierer Kinder. Seit Anfang April betreibt er die Kantine eines Betriebes in Fulda. Marcel H. lebt in Schlüchtern. Er ist 29 Jahre alt und arbeitet als Kfz-Mechatroniker.

Angriff vor Kaufland in Fulda

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, am Abend des 30. April 2018 zwei Männer in der Nähe des Lebensmittelhandels Kaufland in Fulda angegriffen und geschlagen zu haben. Einer von ihnen ist demnach Nebenkläger Lukas Larbig.

Larbig steht an diesem Abend um kurz vor 22 Uhr am Kassenband des Ladens. Er hatte zuvor auf dem Bahnhofsvorplatz an einer Demo für Weltoffenheit teilgenommen und anschließend als Gegendemonstrant eine Kundgebung der AfD auf dem Jesuitenplatz zwischen Museum und Karstadt beobachtet. Ein paar Kunden weiter vor ihm stehen drei junge Männer – einer mit Antifa-Fahne über den Schultern – in der Schlange, wie er am Dienstag schildert.

„Von der Kasse aus habe ich zudem zwei Männer beim Lottostand in der Nähe des Eingangs gesehen“, sagt Larbig im Amtsgericht. „Die waren mir schon auf der AfD-Demo aufgefallen. Sie sahen nicht so bürgerlich wie die anderen AfD-Anhänger aus und haben sich teils aggressiv verhalten.“ Einer habe Kleidung der bei Rechtsextremen beliebten Marke „Thor Steinar“ getragen und auf dem Jesuitenplatz einem Gegendemonstranten einen Plastikbecher aus der Hand geschlagen. Larbig wird ihn später als den Gastronomen Daniel T. identifizieren.

Erst nach vier Wochen beschwerdefrei

„Mir ist aufgefallen, dass T. und sein Begleiter immer wieder zu den Jugendlichen vor mir geguckt haben“, sagt der Politologe. „Als ich gesehen habe, dass sie die drei außerhalb des Kauflands verfolgen, habe ich den Notruf gewählt.“ Dann geht es laut Larbig schnell. Draußen habe er gesehen, dass T. hinter dem Jugendlichen mit der Antifa-Fahne hinterhergegangen sei. Er sei kurz abgelenkt gewesen, weil er bemerkt habe, dass er auch verfolgt wird. „Danach habe ich gesehen, wie der Jugendliche nahe der Ampel auf dem Boden liegt und T. sich über ihn beugt.“

Der Jugendliche trägt Schrammen am Kopf und eine Verletzung an einem Knöchel davon. Daniel T. habe ihn geschlagen. Das schlussfolgert Larbig zumindest. „Die Schläge habe ich zwar nicht gesehen, aber wie T. losgelaufen ist und sich über ihn gebeugt hat.“ Auch der Nebenkläger kommt an diesem Abend nicht ohne Verletzungen davon. Ein Begleiter von T. habe ihm das Mobiltelefon aus der Hand und gegen das Kinn geschlagen sowie ihm am Mantel zu Boden gerissen. Der Hünfelder zieht sich eine Rippenprellung zu. „Erst nach vier Wochen bin ich beschwerdefrei gewesen.“ Als Angreifer nennt Larbig Marcel H., den er bereits auf der AfD-Demo bei Daniel T. stehend gesehen habe. Im Amtsgericht sagt er nach einem Blick in Richtung des Angeklagten: „Das ist diese Person.“

Unglaubwürdiger Nebenkläger?

Die Verteidiger der Angeklagten versuchen am Dienstag, den Nebenkläger als unglaubwürdig darzustellen. Während einer Pause sagt einer von ihnen beiläufig: „Wir werden ihn noch vereidigen lassen.“ Er spricht von einem typischen Kleinkrieg zwischen Rechts und Links. Sein Mandant habe freilich nichts damit zu tun.

„Mein Mandant ist politisch interessiert, beschränkt sich jedoch nicht auf eine Richtung“, sagt H.s Verteidiger. „Er ist politisch nicht aktiv. Zur AfD-Veranstaltung ist er nur gegangen, um sich zu informieren.“ Interessant ist in diesem Zusammenhang die spätere Aussage des Zeugen Andreas Goerke. Der Vorsitzende von „Fulda stellt sich quer“ sagt aus, H. habe wenige Tage vor dieser Demo per Facebook zur Teilnahme daran aufgerufen. Einen Screenshot von dem Aufruf zeigt er Richter Ulrich Jahn. Außerdem sei H. bereits ein paarmal Security bei Veranstaltungen der AfD gewesen. Woher Goerke Letzteres weiß, sagt er am Dienstag nicht.

So oder so, Marcel H. streitet alles ab. „Ich bin nicht beim Kaufland gewesen“, sagt der Schlüchterner. „Nach der Demo bin ich in die Kneipe Schöppchen im Bermudadreieck gegangen.“ Vier Zeugen, die ihn entlasten sollen, sind am Dienstag geladen. Es handelt sich um Bekannte. Keine engen Freunde des Angeklagten. Alle bestätigen, dass H. abends im Schöppchen gewesen ist. Wie lange, das kann keiner sagen. Es ist also nicht auszuschließen, dass Marcel H. zur Tatzeit nicht dort gewesen ist.

Angeklagter mit massig Vorstrafen

Während H. laut Richter Jahn über einen sauberen Bundeszentralregisterauszug verfügt, sieht das bei Daniel T. anders aus. Er ist mehrfach wegen Beleidigung, Diebstahl und Körperverletzung vorbestraft. Einen jungen Mann aus dem Kreis Fulda soll er laut Informationen von move36 vor einigen Jahren krankenhausreif geschlagen haben. Zudem habe T. bei einer Veranstaltung von „Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“ gegen das Versammlungsgesetz verstoßen, sagt Richter Jahn. Dort hatte er Handschuhe, auf denen sich mit Quarzsand gefüllte Kammern befinden, dabeigehabt. Wer damit zuschlägt, kann sein Gegenüber schwer verletzen.

Im Amtsgericht hält sich Gastronom T. zu Prozessbeginn bedeckt, fällt später durch Fragen auf, die er den Zeugen stellt. „Wir machen im Moment keine Angaben zur Sache“, sagt sein Verteidiger. „Das ist eine ungeheuerliche Anklage. Wir geben den Zeugen erst einmal die Chance, ein paar Falschaussagen zu machen.“

Fotos helfen bei Suche der vermeintlichen Täter

Dem Zeugen, Geschädigten und Nebenkläger Larbig unterstellt die Verteidigung, möglicherweise im Auftrag Goerkes – Daniel T. nennt ihn im Gericht „Herr Gurke“ – unterwegs gewesen zu sein. Mehrmals haken sie nach, ob der Hünfelder für Goerke Fotos habe machen sollen. Larbig hat tatsächlich Fotos von der AfD-Demo und der Gruppe um Daniel T. und Marcel H. gemacht. „Mit Hilfe von Andreas Goerke habe ich die beiden auf den Fotos als Angreifer wiedererkannt“, sagt er. „Einen Auftrag hatte ich aber nicht.“

Larbig macht am Dienstag sehr detaillierte Angaben. Er gibt an, sich an Uhrzeiten und Gesichter ziemlich genau zu erinnern. Die zwei Begleiter des Jugendlichen, der attackiert worden ist, hingegen können sich an das Aussehen der Angreifer nicht erinnern. Die Entlastungszeugen von Marcel H. ihrerseits wissen häufig nicht mehr, wann sie in die Kneipe Schöppchen gegangen sind und wann es für sie heimgegangen ist. „Damals wusste ich ja noch nicht, dass dieser Abend mal relevant sein könnte“, sagt einer dieser Zeugen am Dienstag.

Harsche Kritik an Polizisten

Eine Aussage von Lukas Larbig am Dienstag versucht die Verteidigung für sich zu nutzen. Dass der 34-Jährige sagt, er habe Daniel T. auf den Jugendlichen zugehen und sich später über ihn beugen sehen, passe nicht zu dessen Angaben bei der Polizei. „Dort haben sie gesagt, sie hätte den Übergriff nicht gesehen“, sagt T.s Anwalt. Larbig führt diese vermeintliche Unstimmigkeit auf die Umstände der Zeugenvernehmung – er nennt sie „Verhör“ – zurück.

„Ich fühlte mich bei Polizeioberkommissar (POK) G. wir auf der Anklagebank“, sagt der Politologe. „Er hat die Sache bagatellisiert. Ich fühlte mich kriminalisiert. G. wollte wissen, warum ich überhaupt Fotos gemacht habe, welche politischen Ansichten ich vertrete.“ Das habe Larbig fast so weit getrieben, dass es die Vernehmung am liebsten abgebrochen und sich einen Anwalt gesucht hätte.

Erst im März ist der Polizist G. während eines Verfahrens vor dem Amtsgericht negativ aufgefallen. Auch damals hatte er im Vorfeld Zeugen und Geschädigte vernommen und ist als Zeuge geladen gewesen. Seine Aussage vor Gericht ließ Richter Jan-Peter Hofmann schließlich „die Kinnlade runterfallen“ (Zitat). Solch eine Aussage habe er von einem Polizisten noch nicht erlebt. Das sei nicht das Niveau von Polizistenaussagen, das er in Fulda gewohnt sei.

Kommende Woche Dienstag wird POK G. im Verfahren gegen Daniel T. und Marcel H. aussagen. Außerdem ist der Jugendliche, den T. vermeintlich geschlagen hat, als Zeuge geladen. Anschließend wird Richter Jahn das Urteil verkünden.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)