Wir alle verheimlichen etwas – ob Drogenkonsum, Seitensprung oder nur das Rezept für den besten Hackauflauf der Welt. Manches teilen wir, manches nehmen wir mit ins Grab. Welchen Sinn haben Geheimnisse? Wie wichtig sind sie für uns? move36-Redakteur Daniel hat sich für die am morgigen Donnerstag erscheinende Ausgabe mit dem Heimlichen beschäftig und dafür die Fuldaer Jugendtherapeutin Madlen Senf zu Rate gezogen. Hier liest du das komplette Interview mit der 31-Jährigen. 

Warum haben Menschen Geheimnisse?

Menschen haben Geheimnisse weil sie befürchten, dass ihre private Identität oder soziale Integrität beschädigt werden könnte. So versuchen wir, etwas im Geheimen zu halten, das für uns unangenehm, peinlich oder schambesetzt ist oder uns vielleicht sogar gefährlich erscheint. Wir haben Sorge, von anderen nicht mehr gemocht zu werden. Das Geheimnis dient somit wohl am meisten zum Selbstschutz.

Ist das ein großes Thema unter Jugendlichen bei Ihnen?

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Die Fuldaer Jugendtherapeutin Madlen Senf

Ja. Die Gewissheit, dass das Erzählte nicht weitergegeben wird, ermöglicht den Jugendlichen, auch stark schambesetzte Themen zu besprechen. Voraussetzung hierfür ist natürlich Vertrauen und eine gute therapeutische Beziehung. Natürlich ist mir bewusst, dass auch ich nicht immer alles erfahre. Aber auch Geheimnisse vor Therapeuten sind nicht unbedingt schlecht. Vor allem dann nicht, wenn sie mit Freunden geteilt werden, wo sie gut aufgehoben sind.

Wie wichtig sind Geheimnisse für Jugendliche?

Im Jugendalter zwischen 11 und 18 haben Geheimnisse einen gesonderten Stellenwert. Die Jugendlichen müssen neue Rollen in Freundschaften ausprobieren, Abgrenzung und Durchsetzungsfähigkeit lernen und mit den Gleichaltrigen mithalten, um anerkannt zu werden. Besonders wichtig sind in diesem Lebensabschnitt die Identitätsentwicklung sowie die Entwicklung von Autonomie und somit auch der Aufbau eines selbstständigen Lebens. Und hier kommen die Geheimnisse ins Spiel. Geheimnisse setzen Grenzen, erhöhen die Unabhängigkeit und sind ein Teil der Privatsphäre. Sie sind ein wichtiger Schritt in ein selbstständiges Leben. Eine wichtige Rolle nimmt hierbei die Peergroup (Gruppe der Gleichaltrigen) ein. Sie ermöglicht den Jugendlichen, sich auszutauschen, verstanden zu werden und ein eigenes Norm- und Wertesystem aufzubauen. Geheimnisse, die hier geteilt werden, stärken das Zugehörigkeitsgefühl. Sie sind das Bindemittel, das in Freundschaften Vertrauen schafft, und sie helfen, sich emotional von den Eltern abzulösen

Was behalten Jugendliche vor allem für sich?

Während sich bei kleinen Kindern Geheimnisse eher um Gegenstände drehen, geht es im Jugendalter vielmehr um Gefühle, vor allem um Scham. Die Geheimnisse Jugendlicher drehen sich um Liebe und Sexualität, Konflikte in der Gruppe der Gleichaltrigen. Aber auch delinquentes Verhalten sowie Drogen- oder Alkoholkonsum halten sie aus Angst vor möglichen Konsequenzen oder Nichtverständnis geheim. Daneben geht es, wie schon gesagt, um die emotionale Abgrenzung gegenüber den Eltern. Und das muss auch genauso sein.

Bis wann? Gibt es Grenzen?

Natürlich ist es ein schmaler Grat zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung und dem Schutz des Kindes. Eltern möchten ihre Kinder gerne vor allem schützen; ihre Gedanken und Gefühle kennen und sie vor möglichem Unheil bewahren. Haben sie das Gefühl, dass ihnen ihr Kind etwas vorenthält, werden sie neugierig und gehen auf Spurensuche. Dass aber das Hinterherschnüffeln wie Tagebuch lesen oder im Handy stöbern einen massiven Vertrauensbruch darstellt, ist den meisten Eltern so nicht bewusst. Privatsphäre hat nicht nur etwas mit Respekt und Vertrauen zu tun, sondern vor allem mit Loslassen. Und das fällt den meisten Eltern verständlicherweise nicht leicht.

Vielleicht hilft der Gedanke, dass der Bereich, den Eltern im Jugendalter beeinflussen können, sowieso äußerst gering ist. Sie sollten daher ihren Kindern ihre Geheimnisse lassen und ihnen eigene Erfahrungen ermöglichen. Es gibt einfach Dinge, die Eltern nicht wissen müssen. Denn umso mehr sie ihre Kinder bedrängen, desto mehr schotten sie sich ab.

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Daniel Beise

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Nachrichtenjunkie bei move36 mit Vorliebe für spitzzüngige Kolumnen.