Wer hat es nicht schon mal erlebt? Da feiert man schön mit seinen Besten, sei es auf einer Hausparty oder Open Air – und um Punkt fünf nach 22 Uhr stehen Nachbar oder Polizei auf der Matte, um für Zucht und Ordnung zu sorgen. Nervig! Überall, wo gefeiert wird, ist das immer wieder ein großer Zankapfel. Und gerade in Fulda fehlt es an kulturellen Freiräumen, wo man auch mal länger laut sein kann, wie unsere aktuelle Titelgeschichte (Verschwindet in Fulda die Subkultur?) zeigt.

Ein Tirade von move36-Redakteur Daniel gegen jene Spießbürger, die sich wegen jedem Pups beschweren, gleich mit der Staatsgewalt drohen und freie Entfaltung von Kultur damit behindern. 

Klar, sie haben in Hessen das Recht auf ihrer Seite. Jene, die sich nach 22 Uhr wegen Ruhestörung beschweren. Und es gibt ja auch Lärmbelästigung, bei der das legitim ist: Wenn die WG über deiner Wohnung um vier Uhr morgens unter der Woche Boxen und Verstärker, die locker auch für eine Open Air reichen würden, bis zum Anschlag ausreizt, so dass deine Wände vibrieren. Wenn Kinder, für die Schlaf im Wachstum sehr wichtig ist, zu unmöglichen Zeiten ihrer nächtlichen Ruhe beraubt werden. Keine Frage. Wenn sich sonntags um sechs Uhr morgens vor deiner Erdgeschoss-Wohnung ein Pärchen so penetrant streitet, dass du selbst bei geschlossenem Fenster jedes bekackte Wort verstehst. Oder wenn deine Kumpels – wie bei einem Geburtstag von mir mal geschehen – nachts um vier beide Fenster zur Straße aufreißen, während ein anderer an den Decks laut bassgetränkten Goa auflegt. Die angerückte Polizei sagte, Anwohner von der anderen Straßenseite hätten sich beschwert. Ups, passiert!

Klare Fälle – hier solltest du dich nicht scheuen, höflich um Ruhe zu bitten. Und wenn du nicht gerade auf der anderen Straßenseite wohnst und der Weg kurz ist, ruf doch bitte nicht gleich die Staatsgewalt. Das zeugt nur davon, dass du unfähig bist, mit anderen Menschen Dispute irgendwie erst mal so zu klären.

 

Kauft euch halt Ohropax, ihr wahren Unruhestifter!

 

“So, wenn’s jetzt nicht leiser wird, rufe ich die Polizei”, knallte mir der ehemalige Nachbar meines Bruders als Begrüßung vor den Latz, als ich mal mittags (!) bei ihm etwas lauter, aber nicht penetrant aufgedreht hatte. “Joa”, entgegnete ich nur knapp und haute ihm die Tür wieder vor der Nase zu. Nicht mal ein “Hallo” hat er vorher durch seine Zähne quetschen können. Sozial inkompetenter Blödmann, dachte ich nur. So wie’s in den Wald schallt, schallt’s zurück. Die Ironie dabei: Er ist selbst Musiklehrer, und sein Geklimper haben wir auch immer gehört.

Überall gibt es sie, diese paragraphenreitenden Spießbürger, die um Punkt eine Minute nach 22 Uhr bei der Polizei anrufen, wenn es irgendwo im Umkreis von 200 Metern um ihr Haus nur einen Furz zu laut ist. Wahrscheinlich weil sie selbst keinen Spaß im Leben haben. Dann torpediert man eben den Spaß anderer. An all die wahren Unruhestifter: Wie wäre es mit Ohropax! Schon mal davon gehört? Kann man sich ab und an schon mal zumuten.

 

Wegen des Stadtfestes das Ordnungsamt rufen – geht’s noch?!

 

In Pfordt ist die Gemeinde Schlitz vor einiger Zeit vor einem einzelnen Herren eingeknickt, weil dieser sich Wochenende für Wochenende beschwert hat, dass im Gemeindehaus gefeiert wurde – Geburtstage, Vereinspartys und, und, und. Die Lösung, nachdem das sogar vor Gericht ging: eine mehrere Tausend Euro teure Schallschutzwand vor dem Haus. Really?! Hier stehen die Interessen vieler gegen die eines einzelnen. Hätten man ihm nicht mit ein bisschen Standing höflich, aber bestimmt sagen können: “Es tut uns leid, dass sie das belästigt. Allerdings läuft dort alles im Rahmen, und wir möchten den Feiernden nicht jedes Wochenende ihren Spaß vermiesen. Ihre Nachbarn beschweren sich im Übrigen nicht über die Lautstärke.” Das wäre doch mal ‘ne schneidige Reaktion gewesen.

Nächstes Beispiel: Während unseres move36-Raves am Doll beim Stadtfest haben sich auch mehrmals Leute beschwert, vor allem aus einer Pension. Tagsüber beim Stadtfest! Wo ohnehin überall Trubel und Musik war! Citymanagement, Ordnungsamt, Polizei – alle waren cool und haben gesagt, wir sollen mal schön weitermachen. Es ist Stadtfest. Fertig! Wie kommt man nur auf die Idee, während eines großen Festes tagsüber beim Ordnungsamt anzurufen und sich über die Lautstärke zu beschweren? Mir unbegreiflich. Sie hätten ja auch mitfeiern können.

 

Selbst Senioren vermiesen diese Kleinkarierten die Party

 

Überall, wo gefeiert wird, gibt es Intolerante, die einer Mehrheit den Spaß verderben. Kürzlich wurde in Düsseldorf Senioren eine Disco vermiest: Wegen der Hitze hatten sie ein Fenster geöffnet, Anwohner fühlten sich gestört und riefen das Ordnungsamt, das die Musik runterpegelte. Sind wir nirgends mehr sicher vor diesen Kleinkarierten, die sich wegen jeder Kleinigkeit beschweren? Musik beflügelt doch – warum lassen sie sich stattdessen nicht mal davon anstecken und drehen selbst ihre Mucke auf? Ich bestreite nicht, dass es berechtigte Beschwerden gibt – wenn es zum Beispiel Lärm ist, der Tag für Tag anhält. Aber bei so manchen Meldungen kann man nur den Kopf schütteln.

Auch während der Kulturwoche Genießen unterm Apfelbaum im Umweltzentrum gab es laut der Organisatoren bei den ersten Malen so ein paar Kandidaten, die immer um kurz nach 22 Uhr das Ordnungsamt gerufen haben. Aber die beiden Feuerwerke beim Schützenfest oder morgens um sechs Kirchengeläut sind dann okay?! Überhaupt fehlt es in Fulda an kulturellen Freiräumen, wo Künstler laut sein und sich ausleben können. Das erzählen durch die Bank alle Kulturschaffenden und Szenekundige in der aktuellen Titelgeschichte im Magazin. Beenden möchte ich diese zugegeben zugespitzte Tirade mit Zeilen aus der Kolumne unseres Chefredakteurs Nico Bensing aus der aktuellen move36, in denen er den Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz erklärt und das Dilemma sehr schön auf den Punkt bringt:

“Aufgepasst: Mein Nachbar feiert eine extrem laute und polternde Drecksauparty. Ich sitze in meiner Wohnung, ziehe das Kissen über den Kopf und ertrage alles nur deshalb Zähne knirschend, weil ich weiß, dass er seinen 25. Geburtstag feiert. Das nennt man tolerant. Bedeutet: Ich finde das zwar nicht gut, aber ich haue jetzt auch keinem eine rein oder rufe deswegen die Polizei.

Wenn ich aber auf meinem Zimmer bin und denke “Mensch, die alte Kanaille lässt es ganz schön krachen. Gegönnt sei es ihm!” und dann sogar noch bei dem ein oder anderen Song mit wackele und dem Nachbarn tags darauf zu seiner gelungene Party gratuliere, dann ist das Akzeptanz. Heißt: Ich finde das nicht nur vollkommen in Ordnung, sondern freue mich sogar für ihn. Und das ist doch viel schöner als Toleranz.” 

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Fotos: Genießen unterm Apfelbaum, International Soundclash Crew, Adobe Stock/blende11.photo

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