Der Autor Alexander Krützfeldt (32) beschreibt im Interview, was ihn vor während und nach dem Schreiben des Buches „Letzte Wünsche“ bewegte. Am Dienstag, 15. Januar, liest Krützfeldt auf Einladung von PalliativStiftung und „Fuldaer Zeitung“ um 19 Uhr in der Aula der Alten Universität in Fulda aus seinem Buch.

“Letzte Wünsche” von Alexander Krützfeldt

Herr Krützfeldt, wie kommt man mit 32 Jahren darauf, ein Buch über das Sterben zu schreiben?

Ich kenne das Sterben aus meinem direkten Umkreis, aus der Familie und von Freunden. Sterben war aber auch immer wieder Teil meiner Recherchen: Ich habe in der Rechtsmedizin am Sektionstisch gestanden, habe mit Bestattern gearbeitet und Krematorien besucht. Letztlich war diese Geschichte aber ein Zufallsprodukt: In einer Lokalzeitung habe ich ein Interview mit Frank Wenzlow gelesen, in dem er von seinem Projekt erzählt.  

Sein Projekt ist, Sterbenden den letzten Wunsch vor dem Tod zu erfüllen.

Ja, genau. Die sogenannten „Sternenfahrten“. Vor vielen Jahren hat sich Frank als Erste-Hilfe-Ausbilder selbstständig gemacht. Nach dem Tod seiner Frau, deren letzter Wunsch leider nicht mehr erfüllt werden konnte, hat er sich gesagt: „Das mache ich jetzt selbst!“ 

Es geht in dem Buch also nicht nur ums Sterben, sondern auch um die Liebe zwischen Frank und seiner Frau?

Genau das hat mich gereizt. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass jemand ein Buch über das Sterben kaufen und lesen will, wenn nicht eine andere Thematik oder eine starke Figur als Vehikel für die Geschichte dient. 

Sind das eigentlich noch typische Sachbücher, die Sie schreiben? „Letzte Wünsche“ liest sich mehr wie ein Roman.

Ich verorte mich selbst mehr im Literarischen. Also Faktisches erzählen mit literarischen Elementen und starker Dramaturgie. Alles ist wahr, ich habe recherchiert wie ein Journalist, aber ich erzähle zum Beispiel auch aus dem Kopf von Figuren heraus. 

Was sind typische Wünsche von Sterbenden?

In dem Jahr, in dem ich Frank begleitet habe, wurden viele Fahrten leider auch abgesagt. Menschen sind oft noch vor ihrem Termin gestorben. Ansonsten haben wir einen Mann zum Begräbnis seiner Frau gefahren, Menschen begleitet, die noch einmal in ihre eigene Wohnung oder Weihnachten feiern wollten, es gab aber auch Wünsche wie: noch einmal zum Fußballspiel oder einen Cheeseburger und eine Packung Kippen.

Wirklich?

Sterbende sind doch gewöhnliche Menschen. Sie ändern ihre Vorlieben ja nicht, nur weil sie sterben müssen. Wir wollen alle: Gesellschaft, Gemeinschaft, Essen, Trinken und Dinge. Nur ist das eben am Ende nicht mehr das neue iPhone, sondern zum Beispiel als Eiswürfel gefrorener Rotwein, der einen an Rotwein erinnert, den man früher mal getrunken hat. Und dann merkt man, wie schön alles mal war. Sterben ist schwer. 

Sie schreiben auch, dass wir uns vor dem falschen Tod fürchten, weil wir strenggenommen dreimal sterben.

Ja, sozial, geistig und körperlich. Am meisten fürchten wir den körperlichen Tod, also das klassische Sterben. Aber wir erleben es nicht, weil wir dann unter starken Medikamenten sind. Der Tod des Geistes ist ebenfalls bitter, wir bauen geistig ab und vergessen, aber damit vergessen wir halt irgendwann auch diesen Tod. Der soziale Tod ist der schlimmste. Er beginnt lange vor dem eigentlichen Sterben; mit ihm werden wir zum Pflegefall ohne Privatsphäre, über den alle leise sprechen. Der Mensch verliert seine Rollen im Leben. Ich glaube, das ist das Schlimmste. Und wir nehmen es noch bewusst wahr. 

Hat die Recherche etwas bei Ihnen ausgelöst? 

Das ging, gerade weil man kein geschulter Profi ist, schon etwas an die Substanz, klar. Aber am Ende war es auch sehr erbaulich, das merkt man dem Buch vielleicht an. Man klärt vieles für sich. 

Inwiefern?

Es kommt ja immer die Frage, welche Schlüsse zieht man da jetzt selbst draus, wie verändert es einen. Während des Schreibens war das kein Thema, aber durch die Interviews natürlich schon. 

Und welche Schlüsse zieht man?

Ich habe mir natürlich sofort und überaus hastig vorgenommen, gesünder zu leben und regelmäßig Sport zu treiben. Aber dann hat der alte Automatismus, den Tod zu verdrängen, recht schnell wieder eingesetzt. Es ist gut, etwas über den Tod zu wissen, aber nicht gut, ständig über ihn nachzudenken. Ich bin dankbar, dass ich gesund bin, weiß aber jetzt auch, wie wichtig es ist, mit Kranken über etwas anderes als ihre Krankheit zu sprechen. Tod ist wie Frühling: Keiner weiß genau, wann er kommt, aber wenn er sich ankündigt, sprechen alle davon.  

Zusammen mit der Deutschen PalliativStiftung veranstaltet die „Fuldaer Zeitung“ eine Lesung mit Alexander Krützfeldt. 

Wann? Dienstag, 15. Januar 2019, 19 Uhr
Wo: Aula der Alten Universität, Universitätsstraße 1, Fulda

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