Ist die Sexualkunde an Hessens Schulen übergriffig? Die “Demo für alle” findet ja und will die Menschen in Fulda von dieser Meinung überzeugen. Die LGBTQ*-Gemeinde wehrt sich.

“Schmeißt die Sexualpädogik der Vielfalt aus dem Unterricht”, fordert Hedwig von Beverfoerde. Die Sprecherin der “Demo für alle” machte mit dem “Bus der Meinungsfreiheit” Halt in Fulda auf dem Uniplatz. Kinder verlören durch den Unterricht in Hessen ihre natürliche Scham, würden so leicht Opfer von Pädophilen, meint Beverfoerde.

Gegendemo mit 100 Teilnehmern

Mit dieser Position ecken sie und ihr Bündnis an, rufen Kritiker auf dem Plan. “Hessen ist geil“, “#proudFFM”, “LGBT* – Life get’s better together”, “pride36”, die Aidshilfe und “Fulda stellt sich quer” riefen zur Demo “Liebe für alle” auf. Auch das Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt hat sich angemeldet. Gut 100 Menschen sind dem Aufruf gefolgt – auf der Gegenseite fanden sich knapp halb so viele Teilnehmer.

Initiator der Demo, Kevin Winter, fordert: “Ausgrenzung macht krank, bis hin zum Selbstmord! Hören Sie damit auf, steigen Sie in ihren Bus und fahren Sie weg aus unserer Stadt.” Fulda dulde keine Hetze und Diskriminierung. Man wolle mit der Demo “Liebe für alle” ein Zeichen setzen für “mehr Zusammenhalt und Wertschätzung in den Communities und der Gesellschaft”.

“Demo für alle” vs EuGH

Beverfoerde und damit auch die “Demo für alle” traue dem Bildungssystem im Ganzen nicht, “weder den Pädagogen, noch den Universitäten, schon gar nicht der Politik.” Cornelia Kaminsiki, Lehrerin und Rednerin vor dem Bus der Meinungsfreiheit, bestätigt Kevins Einschätzung indirekt. Ihrer Meinung nach sei der aktuelle Sexualkundeunterricht ideologisch motiviert. Sie spricht von “Gender-Ideologie”.

Konkret kritisiert sie, dass “wir Eltern ausdrücklich nicht mehr das Recht haben, unsere Kinder aus dem Sexualkundeunterricht rauszunehmen. Das ist übergriffig.” Der Europäische Gerichtshof hält einen Unterricht, wie er im hessischen Lehrplan steht, dagegen für rechtens.

Im Januar fällt er folgendes Urteil: Staatliche Erziehung müsse Kinder auf die sozialen Realitäten vorbereiten. Kinder und Jugendliche sollten durch Aufklärung vor sexueller Gewalt und Ausbeutung geschützt werden. So könnten schwere psychische und körperliche Schäden vermieden werden. Geklagt hatte eine Mutter, die ihr siebenjähriges Kind vom Sexualkundeunterricht befreien lassen wollte.

“Ich kenne den Lehrplan gar nicht”

Eine Anfang 20-Jährige, die bewusst auf Seiten der “Demo für alle” steht, verrät move36, dass sie selbst als Kind vom Sexualkundeunterricht befreit wurde. “Der Unterricht fängt zu früh an und ist zu intensiv. 7- oder 8-Jährige sollten bei dem Thema nicht so in die Tiefe gehen”, vertritt sie ihre Meinung, räumt aber gleichzeitig ein: “Ehrlich gesagt, kenn ich mich mit den Inhalten gar nicht aus. Den neuen Lehrplan kenne ich nicht.”

Ein Teil des Lehrplans ist die Aufklärung über verschiedene Familiensituationen, zum Beispiel gleichgeschlechtliche und Pachtwork-Familien. Kaminski lehnt das ab – und löst damit Pfiffe und Applaus gleichermaßen aus. “Ich glaube, dass Kinder am besten bei ihren leiblichen Eltern aufgehoben sind. Das ist das System, das am besten funktioniert. Das Gegenteil muss erst noch bewiesen werden.” Tatsächlich gibt es einige Studien, die Kaminskis gefühlte Realität entkräften.

Eine Studie des Bundesministeriums der Justiz hat beispielsweise herausgefunden, dass sich “Kinder und Jugendliche aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften in Bezug auf die Beziehungsqualität zu beiden Elternteilen und in ihrer psychischen Anpassung nur wenig von Kindern und Jugendlichen unterscheiden, die in anderen Familienformen aufwachsen.” Kinder und Jugendliche, die in Lebenspartnerschaften aufwachsen, hätten zudem ein höheres Selbstwergefühl.

Der Bus der Meinungsfreiheit macht diese Woche noch Halt in Köln, Wiesbaden, Stuttgart und München.

Lehrplan zur Sexualerziehung an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen

Verbindliche Themen:

  • der menschliche Körper: Bau und Entwicklung, Unterschiede der Geschlechter
  • kindliches Sexualverhalten – ich mag mich, ich mag dich
  • ich sage NEIN – Prävention sexuellen Missbrauchs
  • die Rolle von Medien und ihr Bezug zu mir
  • unterschiedliche Familiensituationen (z.B. Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Pflegefamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften)
  • Schwangerschaft, Geburt und Neugeborene
  • Körperpflege

Verbindliche Themen:

  • Rolle der Frau, Rolle des Mannes – früher und heute
  • Pubertät (Menstruation, Ejakulation), Körperhygiene
  • Freundschaft, Zärtlichkeit und erste Liebe
  • Zeugung, Schwangerschaft und Geburt
  • unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten (Hetero-, Bi-Homo-und Transsexualität)
  • Umgang der Medien mit Sex(ualität) und mögliche Folgen für die eigene sexuelle Entwicklung
  • Prävention sexuellen Missbrauchs.

Verbindliche Themen:

  • erste sexuelle Erfahrungen – Verhütung sexuell übertragbarer Krankheiten
  • Prävention von sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt in Schule, Familie und Arbeitswelt; Kenntnis der Hilfs- und Unterstützungsangebote
  • Verhütung ungewollter Schwangerschaft – Schutz des ungeborenen Lebens
  • Schwangerschaftsabbruch, § 218 StGB und Beratungsangebote
  • unterschiedliche Formen von Lebensgemeinschaften
  • Besuch bei Gynäkologen/innen bzw. bei Urolog/innen oder Andrologen/innen
  • die Scheinwelt der Sexualität in den Medien und der Umgang in sozialen Netzwerken
  • Aufklärung über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, ggf. Unterstützung für Schülerinnen und Schülern beim Coming Out.
  • Prävention sexuellen Missbrauchs.

Verbindliche Themen:

  • Geschlechtsspezifisches Rollenverhalten – Wandel der Rollenverständnisse in Abhängigkeit von Kultur und Alter
  • sexuelle Belästigung/sexueller Übergriff am Arbeitsplatz/in der Schule – Hilfsangebote
  • Aufklärung über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, ggf. Unterstützung für Schülerinnen und Schülern beim Coming Out
  • das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung
  • Kinderwunsch, Schwangerschaft, Empfängnisregelung, Adoption, Leihmutterschaft, künstliche
  • Befruchtung, Pflegeeltern
  • Verhütung, Prävention vor ungewollten Schwangerschaften sowie von sexuell übertragbaren
  • Krankheiten
  • Schwangerschaftsabbruch, § 218 StGB und Beratungsangebote.

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QuelleFotos: Toni Spangenberg
Die Autoren:

Toni Spangenberg

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move36-Redakteur mit einem Faible für die Anime- und Mangaszene. Er nimmt Themen rund um Karriere und Politik in den Blick.