Keine schönen Nachrichten für unsere Region. Laut der Analyse eines internationalen Instituts steht Osthessen unter „hohem Wasserstress“. Auch Beobachtungen aus der Rhön sowie weitere Daten verdeutlichen: Aufatmen ist nach dem Hitzesommer 2018 nicht angesagt. Das Biosphärenreservat Rhön spricht mit Blick auf viele Baumarten von einer sich anbahnenden Katastrophe.

Es ist eine klitzekleine Randnotiz, die aber zeigt, was vergangenen Sommer auch in unserer Region wettermäßig losgewesen ist. 2018 wurde das Feuerwerk auf dem Schützenfest in Fulda abgesagt. Es ist über Monate einfach zu trocken gewesen. Die Verantwortlichen wollten keinen Brand riskieren.

Und dieses Jahr? Konnte es stattfinden – wenn auch mit ein paar Tagen Verzögerung. Zwar hatte Organisator Heiner Distel im Vorfeld des Eröffnungstages noch gesagt: „In diesem Jahr haben wir keinen außergewöhnlich trockenen Sommer. Es ist so heiß und so trocken wie in vielen Sommern zuvor. Ich gehe fest davon aus, dass das Feuerwerk am Fuldaer Schützen- und Volksfest am Freitag stattfinden wird.“ Als das Flächenbrand-Frühwarnsystem des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für diese Tag eine hohe Warnstufe ausrief, verlegten die Veranstalter das Feuerwerk jedoch sicherheitshalber.

Juni und Juli in Hessen wieder trocken

2018 ist in Hessen laut einer Zeitreihe des DWD das Jahr mit der höchsten gemessenen Durchschnittstemperatur gewesen (10,5 °C). Die Daten reichen bis ins Jahr 1881 zurück. Was die Niederschlagsmenge angeht, sind nur acht Jahre trockener gewesen. Diese Extreme werden wir 2019 wahrscheinlich nicht erleben. Alles gut also?

 

Quelle: Deutscher Wetterdienst, Temperatur, Hessen, 1881 bis 2018

Jahresdurchschnittstemperaturen in Hessen seit 1881 | Grafik: move36; Quelle: DWD

Deutscher Wetterdienst, Niederschlag, Hessen, 1881 bis 2018

Durchschnittliche Niederschlagsmenge in Hessen seit 1881 | Grafik: move36; Quelle: DWD

 

Zwar ist es dieses Jahr bisher im Schnitt nicht – durchgängig – so heiß wie 2018 bis Ende Juli. Einige Hitzetage mit Ende 30 Grad mussten die Leute im Raum Fulda dennoch überstehen. Und auch wenn in Hessen bisher mehr Niederschlag als vergangenes Jahr heruntergekommen ist, ist das kein Grund zur Entwarnung. Juni und Juli sind laut DWD wieder überdurchschnittlich trocken gewesen. Die Gesamtniederschlagsbilanz der ersten sieben Monate ist geringer als im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre. Das hat Auswirkungen auf die Grundwasserstände.

 

Niederschlag, Regen, Hessen, Deutsch Wetterdienst

Grafik: move36; Quelle: DWD

HLNUG warnt vor niedrigem Grundwasser

Anfang Mai dieses Jahres schrieb das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in einer Pressemitteilung:

„Zu wenig Regen im Winter – das hat auch Folgen für das Grundwasser: War der Stand nach der Trockenheit des vergangenen Jahres vielerorts ohnehin schon niedrig, so haben auch die Niederschläge während des so genannten hydrologischen Winterhalbjahres (November 2018 bis April 2019) nicht ausgereicht, um dieses Defizit am Grundwasserdargebot in Hessen auszugleichen.“

Weiter heißt es vom HLNUG:

„Im Fall eines Sommers mit durchschnittlichen Niederschlägen werden die Grundwasserstände am Ende des kommenden hydrologischen Sommerhalbjahres vielerorts niedriger sein als im letzten Jahr. Für den Fall, dass erneut ein sehr trockener Sommer folgt, wären die Auswirkungen gravierender als im letzten Jahr. Das hätte vermutlich wieder lokale Versorgungsengpässe in Mittelgebirgsregionen zur Folge, wie es sie im letzten Jahr gab.“

Das Mehr an Niederschlag im Verlaufe dieses Jahres gegenüber Januar bis Juli 2018 hat die Grundwasserstände in der Region Fulda nicht wirklich steigen lassen. An den zwei Messstationen – Dammersbach und Michelsrombach –, die das HLNUG hier auswertet, sind sie sogar gesunken. In Dammersbach lag der Stand Anfang August einen guten Meter unter dem vor etwa zwölf Monaten. In Michelsrombach ist er im selben Zeitraum um einen knappen Meter abgesackt.

 

HLNUG, Grundwasser, Fulda

Grafik: move36; Quelle: HLNUG

Grundwasser, Fulda, HLNUG

Grafik: move36; Quelle: HLNUG

 

Wie ist das möglich? Das HLNUG liefert in seiner Pressemitteilung von Mai eine Erklärung:

„(…) in dem (Sommerhalbjahr sind) jahreszeitlich bedingt in der Regel rückläufige Grundwasserverhältnisse zu erwarten. Gründe dafür sind das Pflanzenwachstum, die höheren Temperaturen und die zunehmende Verdunstung. Mit Beginn des hydrologischen Sommerhalbjahres wird es daher immer unwahrscheinlicher, dass Niederschlagsereignisse zur Grundwasserneubildung führen. Hierfür wären sehr langanhaltende und ergiebige Niederschläge notwendig.“

Davon hängt ein Grundwasser-Comeback ab

Noch scheint die Grundwassersituation an den beiden Messstellen nicht bedrohlich. Seit Jahrzehnten weisen sie eine natürlich Schwankungsbreite von wenigen Metern auf, wie aus einer Antwort des HLNUG auf eine move36-Anfrage hervorgeht. „Nach einem nassen Winter 2017/2018 sind die Grundwasserstände im Frühjahr 2018 angestiegen und im Verlauf des Sommers 2018 moderat gefallen. Der Winter 2018/2019 hat zu einer kaum merklichen Erholung geführt. Das Abfallen im Sommer 2019 entspricht dem normalen Jahresgang”, schreibt und das Landesamt.

Wie sich die Grundwasserstände in naher Zukunft entwickeln werden, ist derzeit reine Spekulation. „Zeiten mit einer niedrigen Grundwasserneubildung hat es immer wieder gegeben: Mitte der 1970er Jahre, Anfang der 1990er Jahre oder das Jahr 2003. Diese Phasen wechseln sich in der Regel mit Phasen erhöhter Grundwasserneubildung ab“, schreibt das HLNUG. „Der Grund für die aktuell niedrigen Grundwasserstände ist im Sommerhalbjahr 2018 zu sehen. Die Temperaturen waren bei gleichzeitig ausbleibenden Niederschlägen aufgrund stabiler Hochdruckwetterlagen durchgängig sehr hoch, wodurch ein hoher bis sehr hoher Wasserbedarf vorhanden war.“

Entscheidend für die Entwicklung der weiteren Grundwasserstände sei das kommende Winterhalbjahr. Ein nasses Winterhalbjahr könnt zu einem Ausgleich des Defizits führen. „Ein trockenes Winterhalbjahr könnte zu einer Verschärfung der Situation führen, aber auch nur dann, wenn sich wiederum ein trockenes und heißes Sommerhalbjahr anschließen würde.“

Biosphärenreservat Rhön: “Katastrophe bahnt sich an”

Wäre ja schön, wenn uns ein schöner, nasser Winter beglücken würde. Im Hier und Jetzt bringt er uns jedoch nichts. Zwar hat es in den vergangenen Tagen zwischenzeitlich ordentlich geschüttet – allerdings bei weitem nicht genug.

„Es war wieder zu wenig Regen“, sagt Martin Kremer vom Biosphärenreservat Rhön. „Wir bräuchten einen schönen Landregen über mehrere Tage. Starkregen können die Böden wegen der Trockenheit nicht aufnehmen.“ Der Niederschlag der vergangenen Tage ist laut Kremer nicht tiefer als drei vier Zentimeter eingesickert. Und Bernd Mordziol-Stelzer vom Forstamt Hofbieber ergänzt: „Im Winter gab es nicht genug Schnee, um die Wasserspeicher nach dem Sommer 2018 aufzufüllen.“

Die anhaltende, wenn auch nicht so krasse Trockenheit wie 2018 hat sichtbare Folgen für das Biosphärenreservat. „Die Spitzen der Fichten sind braun, einige dieser Bäume sterben ab“, sagt Kremer. „Außerdem gibt es Schäden an Buchen, Eichen sind weniger belaubt. Es bahnt sich eine Katastrophe an.“

Bäume ergreifen Notmaßnahmen wegen Trockenheit

Mordziol-Stelzer vom Forstamt formuliert es so: „Eine Situation wie jetzt hatten wir noch nicht. Zwar ist bereits seit Jahren ein schleichender Prozess in Gange. 2018 hat in aber vorangetrieben. Und dieses Jahr sind die Wasserspeicher leer.“ Mordziol-Stelzer hat beobachtet, dass Borkenkäfer Lärchen ausfressen würden. „Die Bäume können die Käfer nicht mehr ausharzen“, sagt er. „Zur Harzbildung fehlt ihnen aber das Wasser. Wenn Sie die Rinde vom Baum entfernen, entdecken sie eine große Käferbesiedlung.“

Und nun würden auch Pilze gegenüber Bäumen, die noch leidlich gut aussehen, aggressiv. Zudem hätten auf den Bergkuppen bereit im Juli Bäumen begonnen, ihre Blätter abzuwerfen – eine Notmaßnahme. Auch hier sei Wassermangel der Grund.

Der Mitarbeiter des Forstamts Hofbieber ist überzeugt, dass wir erst am Anfang dieser Entwicklung stehen. „Extreme Temperaturen werden wir künftig häufiger erleben – und sie werden noch höher sein als dieses Jahr mit an die 40 Grad“, sagt Mordziol-Stelzer. „Wir alle haben das mit unserer Lebensweise produziert. Aber wir alle können auch etwas dagegen tun. Uns zum Beispiel fragen, ob es wirklich die Ananas mit ihrem großen CO2-Fußabdruck sein muss.“

World Resources Institute: Hoher “Wasserstress” in Osthessen

Dass Wassermangel menschgemacht sein kann, er es häufig auch ist, verdeutlicht der aktuelle Wasserrisiko-Atlas des World Resources Institute. Der gibt unter anderem an, welche Region auf der Welt sich einem wie hohem „Wasserstress“ ausgesetzt sieht. Der „Wasserstress“ gibt das Verhältnis zwischen Wasserverbrauch und vorhandenen Ressourcen (Grundwasser und Oberflächengewässer) an. Gehen mehr als 80 Prozent der jährlichen Ressourcen für Haushalte, Industrie, Bewässerung und Viehzucht drauf, wertet das WRI das als extrem hoch. Solche Länder und Regionen haben nur einen geringen Puffer. Viele von ihnen befinden sich in Nordafrika oder dem Mittleren Osten. Aber auch große Teile Italiens und Spaniens müssen mit extrem hohem „Wasserstress“ klarkommen.

Und in Deutschland? Da sieht es zwar deutlich besser, aber auch nicht überall bombig aus. Auf dem Wasserrisiko-Atlas des WRI breitet sich ein großer hellroter Fleck von der Nordsee bis nach Baden-Württemberg und Bayern aus. Die Farbe signalisiert hohen „Wasserstress“. Zwischen 40 und 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen die Menschen dort. In diesem Fleck befindet sich Fulda.

 

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Grafik: World Resources Institute

Kreis Fulda schränkt Wasserentnahme erneut ein

Erst vor Kurzem hat der Landkreis eine Maßnahme ergriffen, um die Ressource Wasser zu schonen. In einer Mitteilung vom 21. Juli schreibt er dazu:

„Das heiße Sommerwetter hat in den Gewässern des Kreises zu niedrigen Wasserständen geführt. Auch nach den Niederschlägen hat sich die Situation nicht entspannt. Im Gegenteil: Die Pegelstände nehmen weiter ab. Durch die anhaltende Trockenheit entstehen für die Tier- und Pflanzenwelt in den Gewässern kritische Zustände.“

Seitdem ist im Kreis die Wasserentnahme aus oberirdischen Gewässern vorerst verboten beziehungsweise nur noch stark eingeschränkt möglich. Wer dagegen verstößt, begehe eine Ordnungswidrigkeit, heißt es in der Mitteilung. Diese werde im Einzelfall mit einem Bußgeld von bis zu 10.000 Euro geahndet.

Bereits im August 2018 hatte der Kreis die Wasserentnahme verboten – und erst gut fünf Monate später wieder aufgehoben.

Ob solche Maßnahmen – insbesondere mit Blick auf die Pflanzen – auf Dauer ausreichen? „Wir müssen endlich in Lösungen investieren“, sagt Bernd Mordziol-Stelzer vom Forstamt Hofbieber. „Wir können nicht immer fragen, ob es zu teuer ist, wollen wir unseren Lebensraum so gestalten,dass Rohstoffe wie Wasser ausreichend vorhanden sind.“ Den Kopf in den Sand zu stecken, zu sagen, man könne nichts mache, wäre egoistisch.

Titelgrafik: World Resources Institute

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