Klausuren, Prüfungen, Klassenarbeiten – Ob in Schule, Beruf oder Studium, was Stress bedeutet, lernen wir spätestens dann, wenn die Erwartungen an uns zu hoch werden. Gemeinsam mit dem Selbsthilfebüro Osthessen und dem freien Journalisten Jens Brehl hat move36 in dieser Woche ein World-Café zum Thema Stress mit Gymnasiasten der Richard-Müller-Schule gemacht. Und kam damit gut bei den Schülern an. 

„Ich hatte diesen wahnsinnigen Glauben, dass ich nur so viel wert bin, wie ich leisten kann.“ Dezember 2008: Jens Brehl ist 28, freier Journalist mit eigenem Medienbüro und zusätzlich für einen Konzern in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Er ist gefragt, verdient gut. Doch von heute auf morgen kann der Fuldaer keinen geraden Satz mehr schreiben. „Es hat plötzlich Klack gemacht, wie ein Lichtschalter, der mich ausschaltet. Ich sollte einen simplen Pressetext schreiben. Doch es erschien etwas ganz anderes auf dem Monitor als das, was ich gedacht habe.“ Jens denkt, er habe den Verstand verloren. Der vor Motivation und Arbeitsdrang sprühende junge Mann ist ausgebrannt. Leer.

Jens Brehl rutschte mit 28 Jahren in einen Burnout. Der erfolgreiche Selfmade-Man wusste plötzlich nicht mehr, ob er den Verstand verloren hat und ob er jemals wieder arbeiten kann. Davon erzählt Jens nicht nur in der Oktoberausgabe des move36-Magazins, bei unserer ersten Schulveranstaltung im Rahmen des Projektes “Wir müssen reden!” gestaltete er einen der Tische eines World-Cafés und ließ sich von den interessierten Gymnasiasten des Wirtschaftsgymnasiums der Richard-Müller-Schule mit Fragen löchern.

Denn Stress, das kennen die Schüler, die sich gerade auf das Abitur vorbereiten und parallel zum Pauken Bewerbungen rausschicken und Bewerbungsgespräche führen müssen, sehr gut. 43 Prozent der Schüler leiden unter Stress veröffentlichte erst vor Kurzem die Krankenkasse DAK. Und wie man Stress vorbeugen kann, wie man an sich selbst merkt, dass der Stress eine ungesunde Form annimmt und wo man Hilfe findet, darum sollte es in der Veranstaltung gehen.

Nach kurzen Impulsreferaten von Karoline Engler und Christine Kircher vom Selbsthilfebüro Osthessen zum Thema Junge Selbsthilfe und Jens Brehl zu seinem Weg aus dem Burnout, wurden die etwa 80 Schüler in das “Wir müssen reden!”-World-Café eingeladen. An sechs Cafétischen konnten sie mit Experten ins Gespräch kommen, bei einem Kaffee oder Tee zuhören oder sich beraten lassen. Und dieses Angebot wurde intensiv genutzt. Um Jens Brehl zum Beispiel bildete sich sofort eine große Schülergruppe, die wissen wollte, warum er nicht bemerkt hat, dass sein Arbeitsstil ihn kaputt macht. “Dabei waren teilweise Schüler, die bereits jetzt über gesundes Lernen nachdenken und sich sehr gezielt Pausen setzen”, sagt Jens. “Andere haben gefragt, wie sich eine Depression anfühlt und warum ich das nicht gemerkt habe. Es entstanden ganz angeregte und spannende Gespräche.”

Rat und Hilfe bei Problemen der Schüler, dafür gibt es an der Richard-Müller-Schule ein eigenes Unterstützungssystem. Dieses stellten Silvia Kehl und Gerlinde Ruppel vor. “Wobei wir gar nicht viel vorstellen mussten, wir waren mit einigen Schülern sofort mitten in der Beratung”, sagt Silvia Kehl. “Ich finde es ganz wichtig, dass es solche Angebote gibt, denn wenn wir Probleme in die Ecke rücken, mit einem Tabu belegen, können sie gedeihen. Wir wollen jedem Schüler, der Hilfe braucht, helfen, einen Weg zu suchen.”

Konkrete Beratung gab es auch bei Christine Kircher, die mit den Schülern darüber sprach, wie sie sich selbst hinterfragen können und konkrete Methoden zeigte.

Mit Karoline Engler vom Selbsthilfebüro Osthessen, die den Bereich Junge Selbsthilfe gestaltet, haben sich die Schüler über Angebote in der Region, aber ganz konkret auch über die Frage unterhalten, wie man das richtige Studienfach für sich findet.

Damit der Studienstart klappt, sind Orientierung und Planung die besten Grundlagen. Darüber sprach das Team des SSC der Hochschule mit den Schülern. In diesem Semester neu: Es gibt nun eine eigene Stelle für psychosoziale Beratung, die Studierenden in Lebenskrisen weiterhilft. “Ich finde es grundsätzlich super, einen solchen Tag schon in der Schulzeit anzubieten”, sagt Berater Dr. Robert Richter. Denn wenn sie vor dem Studienstart schon mal gehört hätten, was die eigene Leistung beeinträchtigen kann und wo sie Hilfe finden, seien Studierende besser gewappnet.

Bei move36 am Redaktionstisch ging es konkret um Berichterstattung zu Selbsthilfethemen und Fragen der Schüler. An einer Lernstation konnten sie sich selbst online informieren, und wer eine kurze Auszeit brauchte, konnte sich einen Infofilm zu Selbsthilfegruppen gönnen.

“Ich glaube, diese Form der Veranstaltung gibt den Schülern die Möglichkeit, Sorgen und Probleme mal ganz ungezwungen anzusprechen und sich einiges von der Seele zu reden”, sagt der Schulleiter des Wirtschaftsgymnasiums Hubert Krah. “Im Unterricht ist oft kaum Zeit dafür.” Auch für ihn als Lehrer sei das Projekt sehr interessant, weil er in den Gesprächen auch Themen, die den Schülern auf dem Herzen liegen, heraushören konnte, die so bisher kaum thematisiert wurden.

Abgerundet wurde der Vormittag mit einem Kurzreferat von Gerline Ruppel über Stressformen und wie man sie erkennt.

Mehr zum Thema Stress und Burnout liest du in der Oktober-Ausgabe des move36-Magazins.

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QuelleFotos: Mariana Friedrich und Toni Spangenberg
Die Autoren:

Mariana Friedrich

Beiträge: 477

Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.