Ein Baum für einen verlorenen Menschen – Mario Dieringer wandert mit dem Projekt Trees of Memory durch die Welt und pflanzt Bäume in Erinnerung an Menschen, die ihrem Leben ein Ende gesetzt haben. Einer dieser Bäume wächst jetzt auch in Fulda. 

Und plötzlich war er nicht mehr da: Als Marios Partner sich das Leben nahm, brach der 51-Jährige zusammen. Es war das Ende eines langen und schweren gemeinsamen Weges. Ein Kampf gegen die Depression, mit Selbstzweifeln und um sich selbst. Ein Ende, das Mario mit Schuldzuweisungen und tiefer Trauer zurückließ.

Dabei kannte er den Weg, den sein Partner gegangen ist, sehr gut. Er selbst litt unter schweren Depressionen, auch er hatte einen Suizidversuch hinter sich. “2012 bin ich zum ersten Mal zusammengebrochen und hatte schlimme Suizidgedanken, die aus dem Nichts heraus kamen.” Von der Diagnose Depressionen sei er vollkommen überrascht gewesen. “Ich, Depressionen? Der Partykönig kann doch keine Depressionen haben!” Mario hat sich für den Weg der Therapie entschieden und sich Hilfe gesucht.

Bis er selbst wieder er selbst gewesen sei, habe es lange gedauert. Dazwischen lag ein schwerer Zusammenbruch mit Suizidversuch, bei dem Jürgen ihn gefunden und gerettet habe.

Was ihm selbst so geholfen habe – die Therapie -, sei für seinen Partner nicht in Frage gekommen. “Wir hatten uns sehr darüber gestritten, warum er keine Behandlung wollte. Er hat immer gesagt, das gehe nicht, er hätte die und die Verpflichtungen – nur dumme, wirklich dumme Ausreden.” Und er habe die Antidepressiva, die ihm geholfen haben, immer wieder abgesetzt.

“Irgendwann konnte ich so nicht mehr weitermachen. Mit der Angst, dass ich irgendwann von der Arbeit nach Hause komme, und er ist tot, wollte und konnte ich nicht leben.” Mario stellte seinen Partner vor die Entscheidung und fuhr für einige Tage weg, um selbst den Kopf frei zu bekommen. Als er wieder kam, war Jürgen bereits seit zwei Tagen tot. Jetzt stand er da, allein und am tiefsten Punkt seines Lebens, und musste den Verlust verarbeiten.

“Die ersten sechs Monate danach waren wirklich ein Kampf um mein eigenes Überleben. Ich hatte keine Energie mehr. Die Schuldfrage erdrückte mich. Ich wusste nicht, ob ich so weiterleben kann.” Letztendlich dauerte es zwei Jahre, bis Mario akzeptieren konnte, dass er nicht die Verantwortung für Jürgens Vergangenheit, auch nicht für seine Entscheidung, trägt.

Der Weg zurück, den Mario gefunden hat, ist ungewöhnlich. Viele Menschen nutzen lange Wanderungen oder Pilgerfahrten, um zu sich selbst neu zu entdecken, erlebtes zu verarbeiten. Der gelernte Journalist geht auch, doch er geht ohne konkretes Ziel und hinterlässt Spuren der Erinnerung auf seinem Weg. Mario pflanzt für diejenigen, die einen Menschen durch Suizid verloren haben, Bäume der Erinnerung – Trees of Memory.

Trees of Memory, Selbsthilfe, Suizid

“Ich stand unter der Dusche und hatte plötzlich den Gedanken: Lauf um die Erde. Das kam so unvermittelt, dass ich laut ‘Was?’ in den Raum gefragt habe. Dann kam der Gedanke: Pflanze Bäume. Ich dachte: Jetzt werde ich verrückt. Worauf der letzte Gedanke in meinen Kopf schoss: ‘Let me help you.'” Diese Ideen seien so stark gewesen, dass sie ihn nicht mehr losgelassen haben.

Natürlich ist er nicht von jetzt auf gleich aufgebrochen, sondern hat das Projekt ausgiebig geplant. Doch schon dabei merkte er: Dieser Weg ist sein Weg. “Das hat mich gerettet. Zum ersten Mal in meinen 51 Jahren auf dieser Welt fühle ich, dass geborgen bin, dass ich meinem Herzen folge. Mit aller Konsequenz.” Ein Verein wurde gegründet, der Mario unterstützt.

Seit 31. März ist Mario Dieringer nun unterwegs. Anfang dieser Woche war er auch in Petersberg und hat den vierten Baum seiner Reise gepflanzt. Schon auf den ersten Tagen seiner Reise hat er allerhand erlebt. “Die Wunder des Lebens”, lacht Mario. Zum Beispiel, als sein Trolly, den er hinter sich herzieht, bereits am ersten Tag kaputt ging. “Eigentlich habe ich die erste Woche nur mit reparieren und modifizieren verbracht. Doch es war irgendwie auch perfekt, denn am Anfang war ich nicht allein. Die erste Etappe sind 16 Leute mit mir gelaufen, im zweiten Part war mein bester Freund mit mir unterwegs.” Wäre das passiert, als er allein gelaufen ist, wäre Mario aufgeschmissen gewesen.

Mario Dieringer
Foto: Trees of Memory

Ein Schlosser habe ihm kostenlos neue Teile geschweißt. Eine Gruppe habe ihn und seine Begleiter spontan zu sich eingeladen. Und zwei Fahrradfahrerinnen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht seien, hätten verhindert, dass Mario auf dem Weg einen Teil seiner Ausrüstung verliert.

Sein Ziel? Der Weg. “Ich möchte irgendwann wieder beim ersten Baum ankommen.” Wann das sein wird? Egal. Doch auf dem Weg dahin wird Mario Dieringer vielen Menschen, die erlebt haben, was er erleben musste, die einen Angehörigen, einen Freund, einen Bekannten durch Suizid verloren und schmerzlich vermissen, Mut machen und ein Stück Leben in Form eines Baums schenken.

Trees of Memory

Wer Mario unterstützen oder selbst einen Baum in Erinnerung an einen geliebten Menschen pflanzen möchte, findet alle Infos auf  Trees of Memory. Über den Blog, Youtubekanal, Instagram und Facebook kann man Marios Weg verfolgen.

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QuelleFotos: Mariana Friedrich, Trees of Memory
Die Autoren:

Mariana Friedrich

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Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.