Die Mut-Tour 2018 ist für Franziska und Lukas eine Art Abenteuer. Sie waren sich zu Beginn total fremd und wissen nie, wo sie die nächste Nacht schlafen werden. Beide hoffen, mit der Teilnahme an der Tour Menschen mit Depression zu entstigmatisieren.

Franziska und Lukas sind sich vorher vollkommen fremd gewesen. Trotzdem haben sie sich vergangenes Wochenende in ein Abenteuer gestürzt, das sie diese Woche über Hünfeld nach Fulda geführt hat. Ob sie wirklich miteinander zurechtkommen würden über eine gesamte Woche, während der sie sich Tag und Nacht sehen?

Franziska und Lukas radeln auf der Mut-Tour von Northeim nach Marburg. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel|move36)

Ziel der Mut-Tour: Entstigmatisierung

Es ist ein Thema, das die beiden eint: Depression. Lukas, 29 Jahre alt und aus Marburg, ist selbst betroffen. Franziska, ebenfalls 29 und aus Berlin, hat Angehörige, die schon lange in psychischen Krisen stecken. Seit Samstag sind die Berlinerin und der Marburger Teil der Mut-Tour.

Die Mut-Tour gibt es seit 2012. Ihr Ziel: Depression als Thema entstigmatisieren. Dafür radeln – auf zwei Routen – , paddeln und wandern Menschen mit und Menschen ohne Depression durch Deutschland (siehe Karte). Dieses Jahr kommen so in Summe aller Teams 5250 Kilometer zusammen. Die Mitglieder der Teams lernen sich erst auf einer Veranstaltung vor Start der Mut-Tour kennen.

Lukas und Franziska: Ihr Erfahrungen mit Depression

“Es fallen immer wieder negative Worte. Das ist nicht fair.”

“Ich möchte meine Stimme erheben”

Franziska und Lukas bilden mit zwei weiteren jungen Frauen eine der Tandemgruppen, die sich durch die Republik demmeln. Für sie hat die Mut-Tour in Northeim in Niedersachsen begonnen. Über Göttingen ging es für sie nach Fulda, wo sie am späten Mittwochnachmittag angekommen sind. 220 Kilometer hatten sie bis dahin in den Beinen.

Warum machen sie das? “Ich bin überzeugt, dass Depression ein wichtiges Thema ist”, sagt Lukas. “Es ist wichtig, dass dieses Thema in der Mitte der Gesellschaft ankommt.” Franziska ergänzt: “Ich fahre mit, um meine Stimme zu erheben. Die Menschen müssen offener miteinander sprechen, sensibler miteinander umgehen.” Sport, Bewegung seien aber auch ein Stück weit Medizin, sagt Dr. Ulrich Walter, Neurologe und Vorsitzender des Fuldaer Bündnisses gegen Depression (siehe Interview unten).

Mehr zum Thema Selbsthilfe findest du in unserer Themenwelt “Wir müssen reden!”.

Das doppelte Abenteuer Mut-Tour

Während der Mut-Tour führen zweit Radrouten durch Deutschland.
Die Teilnehmer der Mut-Tour sind auf Tandems, in Kajaks oder zu Fuß unterwegs. (Grafik: Mut-Tour)

Für die Teilnehmer ist die Mut-Tour in doppelter Hinsicht ein Abenteuer. Zum einen zwischenmenschlich, weil sie sich vorher nicht kennen. Aber auch, weil sie nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen. Erst wenn sie am Ziel der Tagesetappe angekommen sind, begeben sich Franziska und Lukas auf die Suche nach einem Ort für ihre Zelte.

“Wir zelten nicht irgendwo”, sagt Lukas. “Wir Fragen die Leute im Ort, ob wir in ihrem Garten schlafen können. Oder einen Bauern, ob wir seine Weide nutzen können. Da macht man sehr schöne Erfahrungen.” Franziska ist überrascht wie gastfreundlich alle seien – und wie neugierig, im positiven Sinne. “Viele stellen Fragen zur Tour und lassen uns sogar ins Haus”, sagt sie. “Und man kriegt schnell mit, dass doch sehr viele Menschen mit dem Thema Depression bereits in Berührung gekommen sind. Ob direkt oder über Angehörige und Freunde.”

Nach einer Nacht in Fulda geht es für Franziska und Lukas weiter in Richtung Marburg. Dort endet ihre Mut-Tour. Ab da übernehmen andere Tandemfahrer bis zum Ziel am 2. September in Münster.

Das Tandem betrachten beide als starkes Symbol für das, was bei einer Depression wichtig ist. “Der Teamgedanke steht im Mittelpunkt”, sagt die Berlinerin. “Wir sind zu zweit auf dem Rad. Wir müssen uns aufeinander verlassen. Wir unterstützen uns und gleichen Schwächen aus.” Dieser Unterstützungsfaktor sei zentral. “Darauf kommt es bei psychischen Krisen an. Dass man eine Stütze hat, jemanden, der einem zur Seite steht, auch wenn die Kette reißt.”

Interview mit Dr. Ulrich Walter

“Sport hilft, kann aber zur Sucht werden”

Dr. Ulrich Walter empfiehlt Menschen mit Depression Bewegung als Teil ihrer Therapie.
Dr. Ulrich Walter ist Neurologe und Gründer des Bündnisses gegen Depression in Fulda. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel|move36)

 

Wie können Sport und Bewegung Menschen mit Depression helfen?

Solche Menschen sind häufig erstarrt. Sie ziehen sich zurück, sind praktisch nicht mehr sichtbar. Radfahren zum Beispiel ist etwas Öffentliches. Es kann Betroffene aus der Depression führen.

Und wie hilft Bewegung konkret? Was passiert im Körper?

Im Gehirn werden Trägerstoffe freigesetzt. Die können sich positiv auswirken. Zudem kann das Denken eine andere Richtung bekommen, wenn man in Bewegung ist. Die größte Gefahr bei einer Depression ist, dass sich ein Betroffener total zurückzieht und sich mit dunklen Gedanken die Welt immer schwärzer malt.

Bewegung alleine hilft aber sicher nicht, oder?

Bewegung kann Teil der Therapie sein. Häufig ist es auch nötig, dass Menschen mit Depression eine Zeit lang oder dauerhaft eine Medikament nehmen. Oft ist eine Gesprächstherapie oder ähnliches angezeigt.

Kann sich Bewegung auf Menschen mit Depression auch negativ auswirken?

Ziel einer Depressionsbehandlung ist immer, mit sich und seinem Körper gut umzugehen. So muss es auch bezüglich Sport und Bewegung sein. Wenn das als Kampf oder Pflicht gesehen wird, kann sich der eigentlich positive Effekt ins Gegenteil wandeln. Zudem kann auch Bewegung zur Sucht werden.

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QuelleFoto: Sascha-Pascal Schimmel|move36

Sascha-Pascal Schimmel

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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)