Eben konntest du noch Bäume ausreißen, jetzt fühlt sich schon der Gedanke an das nächste Referat, die nächste Hausarbeit, sogar der Gang ins Seminar wie eine nicht zu bewältigende Aufgabe an? Laut Ärztereport 2018 leidet fast jeder vierte Jugendliche zwischen 18 und 25 an einer psychischen Erkrankung. Ein Alarmsignal, das sich die Hochschule Fulda und die BARMER zum Anlass genommen haben, um hier in Fulda aktiv zu werden.

BARMER, Hochschule Fulda, Pressegespräch, Depressionen, Panik, Ärztereport
Foto: Toni Spangenberg

Worum geht es hier? Psychische Erkrankungen sind keine Randerscheinung. Das sind nicht die paar, die dem Stress nicht gewachsen sind. Sie sind der zweithäufigste Anlass, warum junge Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Gegenüber 2006 sind es 65 Prozent mehr Betroffene. “Die Ergebnisse unseres Arztreports 2018 zeigen eine Entwicklung auf, die beängstigend ist”, sagt der Hessische Landesgeschäftsführer der BARMER Norbert Sudhoff.

Und gerade psychische Belastungen sind nach wie vor ein Tabuthema. “Für psychische Erkrankungen gibt es in der Gesellschaft keine Akzeptanz”, sagt Sudhoff. Wer möchte schon zu Beginn seiner beruflichen Karriere wegen Stress ausfallen? Das zeigte beispielsweise unser World-Café, das move36 im vergangenen Jahr im Rahmen des Projektes “Wir müssen reden!” mit Schülern der Richard-Müller-Schule durchgeführt hat. Es ging um Abistress und Burnout, der Autor und Journalist Jens Brehl, der selbst einen Burnout erlitt, erzählte den Schülern, wie es dazu kam. Seine Geschichte kannst du im move36-Magazin, Ausgabe Oktober 2017 nachlesen. Viele der Jugendlichen waren zu Beginn der Veranstaltung der Meinung: “Das Thema betrifft uns nicht.”

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Norbert Sudhoff, Landesgeschäftsführer BARMER, Foto: Toni Spangenberg

Steht der Studienbeginn an, zeigt sich plötzlich ein anderes Bild, wie Hochschulvizepräsidentin Prof. Dr. Kathrin Becker-Schwarze betont. Bei jedem sechsten Studierenden wurden 2016 in Hessen psychische Erkrankungen diagnostiziert. Die Dunkelziffer der Betroffenen läge wahrscheinlich weit höher, führte Sudhoff aus. Denn während Azubis in einem Arbeitsverhältnis stehen, Krankheitstage also bei Versicherungen und Arbeitgebern dokumentiert sind, ist das bei Studierenden nicht der Fall.

Doch warum sind gerade junge Menschen so anfällig für Stress? Oft wird die Schuld gerade bei Studierenden dem Bachelor-/Master-System in die Schuhe geschoben. Dem kann Prof. Dr. Becker-Schwarze nicht zustimmen. “Es darauf zu schieben, wäre zu einfach. Ich glaube, dass der Stellenwert des Hochschulstudiums heute ein anderer ist. Heute haben Studierende so viel anderes, das sie bewegt.” Demgegenüber haben heute immer mehr Menschen die Möglichkeit, zu studieren. “Die unterschiedlichen Bildungsbiografien bedeuten auch, dass die Ausgangsvoraussetzungen sehr verschieden sind”, sagt Becker-Schwarze. “Das kann für den Einzelnen zu hohen Belastungen führen.” So seien es Zukunftsängste, Zeit- und Leistungsdruck aber auch finanzielle Sorgen, die uns Kopfzerbrechen bereiten. Damit allein zu bleiben, Angst, sich Hilfe zu suchen, führe dann in einen Teufelskreis.

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Prof. Dr. Kathrin Becker-Schwarze, Vizepräsidentin der Hochschule, Foto: Toni Spangenberg

Der Bedarf an Beratungen und Betreuung sei hoch, führt Becker-Schwarze aus. Seit 2009 biete die Hochschule verstärkt Beratungen an, zum Wintersemester 2017/18 wurde die psychosoziale Beratungsstelle mit Dr. Robert Richter als festem hauptamtlichen Ansprechpartner eingerichtet, der auch in der vorlesungsfreien Zeit zur Verfügung steht. “Die Hochschule Fulda hat hier die Initiative ergriffen, da das Studentenwerk Gießen, zu dessen Aufgabengebiet die psychosoziale Beratung traditionell zählt, nur einen Ansprechpartner in Gießen bietet”, sagt Becker-Schwarze. “Ein Angebot auf dem Campus ist jedoch unerlässlich für einen niedrigschwelligen Zugang.”

Genau dieser niedrigschwellige Zugang zu Hilfe ist das Ziel, das BARMER und Hochschule verfolgen. Egal ob es um Lernschwierigkeiten, private Probleme, Ängste oder andere Stresssituationen geht, hier finden Studis Ansprechpartner, Coachings und einfach Menschen, die Zuhören. Gerade in der Prüfungsphase steigen die Anfragen an. Knapp 200 Einzelberatungen gab es allein im ersten Jahr der Beratungsstelle, sagt Dr. Robert Richter.

Eine weitere besorgnisserregende Zahl hebt der Arztreport hervor: Von den Jugendlichen, bei denen eine Depression diagnostiziert wird, bleiben 45 Prozent ohne fachärztliche oder psychotherapeutische Betreuung. Hier käme Hausärzten eine wichtige Lotsenfunktion zu, betont Norbert Sudhoff, die einschätzen können, welche Behandlungsform für den Patienten sinnvoll ist. Verschwiegen werden dürfe aber auch nicht, dass es gerade im ländlichen Raum kaum Fachärzte gebe, die Wartezeiten in Fulda teils bis zu zwölf Monate betragen. Diese Erfahrung macht auch Dr. Robert Richter, wenn er betroffenen Studierenden helfen möchte. “Man muss schon relativ psychisch gesund sein, um sich hier durchzutelefonieren und einen Termin zu bekommen.” Hier gebe es dringenden Handlungsbedarf.

Aber “nicht jede Krise erfordert eine Psychotherapie. Oft hilft ein Gespräch mit einer außenstehenden Person, um Gedanken und Gefühle zu ordnen. Es gilt, die Entstehung dauerhafter schwerwiegender Probleme zu verhindern”, führt Becker-Schwarze aus. “Bei akuten Fällen, bei denen wir nicht helfen können, vermitteln wir zu professionellen Kräften. Wir wollen eine Art Drehscheibe sein.”

Workshops, Anti-Stress-Trainings beim Hochschulsport und Gruppenangebote wurden deshalb zusammengestellt. Auch Selbsthilfegruppen können dazu einen großen Beitrag leisten. Bisher gibt es an der Hochschule keine SHG, allerdings tut sich derzeit etwas, und schon bald könnte die erste Hochschul-Selbsthilfegruppe zum Gespräch einladen. Wenn es soweit ist, erfährst du es hier.

Und wenn du selbst aktiv werden möchtest: In unserer Themenwelt “Wir müssen reden!” findest du viele Selbsthilfethemen und Informationen zu Gruppen. Hast du Fragen? Dann schreib uns über unsere move36-Kanäle oder unsere Wir-müssen-reden-Mailadresse.

Sei mutig, mach mit bei der MUT-Tour 2018

60 Stationen, viele Fahrräder, ein Thema: Die MUT-Tour der Deutschen Depressionsliga e.V. ist im August wieder unterwegs und macht am 22. August ab 16 Uhr Halt auf dem Fuldaer Uniplatz. Bei der Tour radeln Erkrankte und Nichtbetroffene gemeinsam durch die Republik und machen auf das Thema psychische Erkrankungen aufmerksam. Wie das 2017 aussah, kannst du dir in unserem Bericht anschauen.

Du kannst übrigens auch einfach ein Stück des Weges mitradeln. 

Treffpunkt für die mutigen Radler ist um 13 Uhr am Uniplatz. 13:15 Uhr startet ihr auf die knapp 40 Kilometer lange Tour in Richtung Hünfeld.

Wem das zu lang ist, der kann auch an der kurzen Tour (mit Bahnfahrt) teilnehmen. Dazu trefft ihr euch um 13:50 Uhr am Universitätsplatz, fahrt um 14:19 Uhr mit der Bahn nach Hünfeld und von dort ab 14:29 Uhr mit dem Rad ins Zentrum.

Gemeinsames Programm bei der Mitfahr-Aktionen:
15 Uhr Treffen beider Gruppen in Hünfeld
15:30 Uhr Gemeinsame Rückfahrt nach Fulda
17:30 Uhr Ankunft in Fulda auf dem Universitätsplatz

Hier findest du online Hilfe

StudiCare
• StudiCare ist ein Teilprojekt des Caring University Project, das von der BARMER gefördert wird. Es evaluiert, was eine Erstmanifestation psychischer Erkrankungen im Studierendenalter beeinflusst, um digitale Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.
• Insgesamt werden 17 kostenlose verschiedene Online-Trainings zu psychischen oder psychosomatischen Problematiken angeboten. Die Themen gehen von Bewältigung von Prüfungsangst, niedergeschlagener Stimmung, anhaltenden Sorgen, Schlafschwierigkeiten, zum Stressmanagement bis zur Förderung von Resilienz.
• Auf Basis der Studienergebnisse werden Wirksamkeit und Kosteneffektivität der digitalen Präventionsstrategien ermittelt.

PRO MIND
• PRO MIND ist ein Angebot, dass sich ausschließlich an BARMER-Versicherte richtet. Auch hier gibt es Trainings und Angebote für Menschen mit leichten psychischen Beschwerden aus den Themenbereichen Stress, Burnout, Schlafschwierigkeiten und depressive Stimmung. Die Trainings sollen dabei eine Therapie nicht ersetzen. Sie sind ein ergänzendes Angebot zur Psychotherapie, die genutzt werden können, wenn die Beschwerden noch nicht auf einem Niveau ausgeprägt sind, dass eine Psychotherapie notwendig ist. Es kann im Bedarfsfall zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz genutzt werden.

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QuelleFoto: lassedesignen/Adobe Stock
Die Autoren:

Mariana Friedrich

Beiträge: 485

Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.