Seit Sonntagmorgen ist für viele Fuldaer ein großes Stück ihrer Heimatstadt verlorengegangen: Nach 17 Jahren ist in der Kultkneipe „Sonne“ Schluss. Ein Bericht über den letzten Tag einer Ära.

Ein Text von Christian Halling

Für Jens Diegelmann ist der Samstagmorgen um 8.30 Uhr die schönste Zeit. Stammgast „Futzi“ zieht sich seinen Kaffee selbst aus der Küche, seine Mitstreiterin Gülseren „Gülli“ Sezgin schafft schon erste Vorkehrungen für den Frühstücksansturm – und der Chef selbst blättert in Ruhe beim Spiegelei in der Zeitung. „In die Europa League sollten wir es doch schaffen, oder?“, fragt der glühende Eintracht-Fan, als er die Bundesliga-Tabelle studiert.

Jens ist momentan über jeden Bissen froh, den er zu sich nehmen kann. „In den vergangenen Tagen war hier nur High Noon, da kam ich nicht zum Essen“, betont der 44-Jährige und zeigt auf seinen schmalen Bauch. Schlecht geschlafen habe er, „um 4 war ich schon wach“, nervös sei er aber nicht ob des doch besonderen Tages, um den Jens selbst am liebsten gar kein so großes Aufhebens machen möchte. Der Laden muss laufen, auch heute.

Die Ruhe vor dem Sturm

Statt den für ihn so typischen Kniestrümpfen trägt er an diesem Samstag einen schwarzen Jogger mit drei weißen Streifen und seinen Pepita-Hut. Am Abend wird der Look dann wieder extravaganter, zur letzten Sonnen-Party – Sunblast Movement und die Mighty Vibez treten auf – wird Jens ein Netzhemd tragen. „Ein Muss, das wird 60 Grad heiß hier drin“, betont er.

Doch erstmal brennt ab 10 Uhr morgens die Hütte, weiß der leidenschaftliche Gastronom, der vor 17 Jahren mit S-Club-Mitinhaber Jens-Ole Bolik die Sonne in ihrer jetzigen Form aus der Taufe hob. Stammkunden, die Freunde sind, haben reserviert, „dazu habe ich am heutigen Samstag Puffer eingerichtet für die, die eh immer kommen. Sonst wird mir das zu stressig“, sagt der Hausherr. Kurz darauf blinkt eine SMS auf seinem Outdoor-Handy auf: eine kurzfristige Tischanfrage. „Was denken die denn, was heute los ist?“, schüttelt Jens den Kopf. Wenig später schauen die ersten Köpfe durch die Tür. Ob noch was frei ist? „Keine Chance!“, sagt Jens, ehe er die meisten Kurzentschlossenen irgendwie doch noch unterbringt.

„Wenn du reinkommst, kennst du keinen. Wenn du rausgehst, alle.”

Die Sonne füllt sich, es gibt Umarmungen und Küsschen. Das Publikum ist auch heute bunt gemischt. Schüler, die gerade ihren Rollerführerschein gemacht haben, Fußballer, Unternehmer und Familien sind der Atmosphäre im alternativen Tag- und Nachtcafé mit morbidem, aber doch so wohligem Charme erlegen.

„Ich weiß gar nicht, wo wir uns von nun an treffen sollen. So eine Kneipe wie hier findest Du nirgends in der Gegend. Wahrscheinlich treffen wir uns zukünftig privat zum gemeinsamen Frühstück“, glaubt Günter Zinkand, der heute aus Herolz nach Fulda gekommen ist. „Wenn Du hier reinkommst, kennst Du erstmal keinen. Wenn Du rausgehst, kennst Du alle“, erklärt Stammgast Manuel Völlinger.

Eier, Obstsalat und die ersten „Rotzebecher”

Die Unternehmer um Ahmet Gülay (preisboerse24), Peter Enders (Autohaus Krah&Enders) und FZ-Verleger Michael Schmitt warten mit dunklen Anzügen auf und übergeben Jens und Gülli, untermalt von Trauermusik, Porträts aus vergangenen Tagen. Zum Trauern haben Jens und Gülli aber keine Zeit. Die anderen Gäste sind da und wollen ebenfalls bedient werden.

Unzählige Rühreier werden aus der Küche hinter dem Tresen nach vorne gebracht, die XXL-Pfeffermühle von Jens arbeitet auf Hochtouren. Als Eier, Brötchen und Obstsalate verputzt sind, zapfen sich die ersten Gäste ihre „Rotzebecher“, so heißen die 0,2-Liter-Bierstangen seit jeher in der Sonne, selbst. Ein wenig Anarchie darf es am letzten Tag eben schon sein.

Jens und Gülli können sich eine kurze Zigarette vor der Tür gönnen, nach monatelanger Durststrecke ist es heute endlich wieder mild. „Ich bin schon froh, dass es vorbei ist“, gibt Gülli, die 2006 mit eingestiegen ist, zu. Die Gastronomie zehre an einem, „vor allem ist es in letzter Zeit so verdammt schwer geworden, genug und vor allem kompetente Aushilfen zu finden. Die Studenten von heute haben ja nur noch einen halben Tag in der Woche Zeit.“

Angebote für was Neues hat die 41-Jährige schon erhalten, „aber damit beschäftige ich mich jetzt noch nicht. Erstmal schließen wir das Projekt hier vernünftig ab.“ Jens philosophiert derweil konkreter über die Zukunft. „Erstmal will ich am liebsten auf meiner Terrasse abhängen. Wenn der April mir blöd kommt, fliege ich vielleicht auch nach Ägypten und schwinge den Schläger“, sagt der 44-jährige Golf-Enthusiast mit Handicap 20. Auf jeden Fall geht es zum Jahresende nach Jamaika. Und beruflich? Da will Jens seinem Kumpel Christian Steska beim Frühstück und Mittagstisch im Felsenkeller unter die Arme greifen („Zwei bis drei Tage“), Weinproben hat der Kenner edler Tropfen ebenfalls auf der Agenda, vor allem in Zusammenarbeit mit Spezi Wolfram Heinzerling von der Weinbar Bordeaux and Friends.

Ein Gruß an die Gäste, bitte

Die Uhr zeigt halb drei. Die Party am Abend wirft ihre Schatten voraus. „Der Krempel muss jetzt mal langsam hier raus“, ruft Jens seiner Belegschaft zu und meint damit sämtliches Inventar. Rund drei Dutzend Gäste sind immer noch da und wollen nicht gehen. Es tut zu weh. Kurzerhand tragen Jens, Gülli und Co. Tische ins Freie, verlagern das Geschehen nach draußen, um drinnen Raum für das Event am Abend zu schaffen. „Die Mighty Vibez kommen. Das ist eine ganz schöne Action. Die brauchen Platz“, wirft Jens ein. Zur Ruhe komme er heute erst, wenn die rund 150 Leute am Abend im Laden sind und Reggae-Musik ertönt.

Knapp sieben Stunden später ist es soweit. Die Sonne-Crew hat mit der Band und den DJs im „Pasta e basta“ nebenan noch zu Abend gegessen. Nun sind in der Kneipe alle Kabel verlegt, die Lichteffekte konfiguriert – und die Menge tobt. Koch Cody Cash, gleichzeitig Frontsänger der Mighty Vibez, holt Gülli und Jens nach vorne. Ein Gruß an die Gäste, bitte! Auf große Reden haben beide aber keine Lust, sie wollen mit ihren Gästen nun nur noch diesen letzten Abend, ihren letzten Abend, genießen. „Danke, danke, danke, Leute!“ Und danach Vollgas.

Was bleibt, sind Jens und Gülli

Jens selbst macht um 5 Uhr die Biege, die Hartgesottenen verlassen gar erst um 8 Uhr morgens ihre Sonne – ein Abschied, der ihnen, der Fulda schmerzt. Ob Jens und Gülli am Abend mal eine Träne über die Wange gelaufen ist, bleibt offen. Der Chef jedenfalls sitzt schon ab dem frühen Morgen wieder auf seiner Terrasse in Bachrain und genießt das ein oder andere Gläschen Wein mit Freunden. „Ich bin sehr, sehr glücklich“, sagt der 44-Jährige ohne erkennbaren Anflug von Wehmut. In den Laden setze er heute keinen Fuß, „ich will mir gar nicht ausmalen, wie es dort aussieht“. Ausmisten dürfen er und seine Leute in den nächsten Tagen noch genug.

Fulda ist seit gestern um eine Institution ärmer – aber die Protagonisten, die Typen, welche die Sonne, die Menschen und das Stadtbild 17 Jahre lang geprägt haben, die werden bleiben. Gut so.

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