Es ist der zweitgrößte närrische Lindwurm in Osthessen und jedes Jahr erfreut sich der Königreichumzug in Flieden großer Beliebtheit, während er mehr als 10.000 Besucher anzieht.

Ein Text von Corinna Hiss

Eine riesengroße Party mit vielen bunten Kostümen, auf den die Vorfreude von Woche zu Woche nicht nur bei den aktiven Karnevalisten steigt. Es ist und soll das größte kulturelle Event in Flieden sein und dies seit bereits 29 Jahren. Das teilte der Fliedener Carnevals Verein in einer Pressemitteilung mit, die du im Wortlaut liest.

Doch die Kehrseite der Medaille zwingt den FCV jedes Jahr aufs Neue diese Großveranstaltung zu überdenken. „Es ist die Tradition, das Miteinander. Man nimmt sich beim Maskieren selbst auf den Arm, lacht und singt zusammen, und wenn wir noch ein Stück weiter in der Zeit zurückgehen, dann spielt das ausgelassene Feiern und Speisen vor Beginn der Fastenzeit eine große Rolle“, so der Vorstand des FCV.

Es sei dann schon bedenklich, wenn man sich die Ausmaße der hiesigen Umzüge anschaut und feststellt, in welche Richtung es mehr und mehr abdriftet. Aufwändige Motivwagen sind eine Seltenheit und Musikkapellen sträuben sich zurecht immer mehr, zwischen dröhnenden „Fastnachtswagen“ diverser Jugendgruppen zu laufen und ihren eigenen Ton nicht mehr zu verstehen. Mittlerweile bieten Gruppen im Internet einfach zusammengeschusterte Wagen an, auf denen man sich einkaufen und auf Umzügen im „Flatrate Modus“ betrinken kann. Mit Fastnacht hat dies recht wenig zu tun.

Hinzu kommt, dass sich Gruppen aus der Region auf den Weg zu Umzügen machen, mit dem alleinigen Ziel, dort Unruhe zu stiften und Schlägereien anzuzetteln. Die Polizei kennt zwar die üblichen Verdächtigen und zieht sie aus dem Verkehr, dennoch ist es schwierig für Polizei und Ordnungskräfte und DRK den kompletten Überblick zu behalten, und so steigt auch hier nachvollziehbar das Frustpotential und nicht die Vorfreude auf einen Einsatz an einem eigentlich fröhlichen Tag in der Fastnachtszeit. Die Konsequenz aus diesen verschiedenen Trends muss für jeden Narren ernüchternd sein.

Auswerfen von „Kamelle“? Eher Fehlanzeige und immer seltener. „Was haben wir Narren uns früher als Kinder über eine volle Tüte Süßigkeiten gefreut. Heute fliegt eher das Feuerzeug mit irgendeinem Sponsorenlogo von den Wägen herunter“, so der FCV. Sicher haben sich die Zeiten geändert, und wir können nicht mehr die Umzüge wie vor 20 Jahren erwarten, doch es gilt auch, Grenzen zu ziehen, vor allem wenn alle Beteiligten und Verantwortlichen solch einer Veranstaltung zusehends Unmut verspüren.

Bereits in den letzten Jahren hat man Kapellen und Motivwagen getrennt und Auflagen zur Lautstärke und Aufmachung der Wägen herausgegeben, was auf positive Resonanz gestoßen ist. In einer Sitzung des Polizeipräsidiums Osthessen, der Gemeinde Flieden und des FCV im vergangenen Jahr bekam der FCV zwar eine vorbildliche Organisation attestiert, doch die beschriebene Situation zwingt die Vereine der Region weiter zum Handeln.

 

Es ist aber nicht nur die traditionelle Komponente, denn das finanzielle Risiko spielt ebenfalls eine sehr große Rolle bei der Entscheidung, solch einen Umzug weiterzuführen. „Die Kosten für DRK, Reinigung, Sicherheit und Personal stehen in keiner Relation zum Ertrag. Externes Personal ist bei dieser Größenordnung zwingend erforderlich, da sich kaum Helfer finden“, so Tobias Ruppert vom Vorstand des FCV. Weitere Auflagen der Ordnungsbehörden beziehungsweise der Gemeinde, die mit einem finanziellen Investment verbunden sind, wird der FCV auf Grund der gegebenen Situation nicht akzeptieren können. Umso wichtiger ist ein Austausch mit allen Behörden, den der Fliedener Carneval Verein regelmäßig pflegt. So hat man sich als FCV entschieden, den Königreichumzug neu einzuordnen und zu bewerten.

„Um Narren und Ordnungskräften ein wesentlich angenehmeres Umfeld zu bieten und vor allem Familien den Spaß am Königreichumzug zu ermöglichen, haben wir weitreichende Maßnahmen getroffen. Wir glauben, dass man diese Schritte gehen muss und würden uns freuen, wenn auch andere Umzüge diesem Beispiel folgen, denn schließlich erwartet der echte Narr einen Fastnachtsumzug und keine Loveparade“, so Rene Medak vom Planungsteam.

Folgende entscheidende Neuerungen und Auflagen werden ab diesem Jahr umgesetzt:

1. Am Königreichumzug dürfen nur noch kostümierte Fußgruppen aller Art, Wagen aus Flieden und Prinzen- und Motivwagen der Region mit einem karnevalistischen Hintergrund teilnehmen. Jugendgruppen, die vermehrt nur auf Anhängern zum Partymachen am Umzug teilnehmen möchten werden abgelehnt. Der FCV möchte hierdurch wieder die Tradition in den Vordergrund stellen und freut sich über viele Anmeldungen von Fußgruppen.

2. Die Afterparty im Schulhof wird zu einer großen Straßenfastnacht. Der Auflieger mit DJ und Anlage, der den Schulhof von der Straße getrennt hat und es auch der Polizei schwierig gemacht hat, alles im Überblick zu behalten, verschwindet komplett. Der DJ steht nun erhöht am Eingang der Schule. Die Ordnungskräfte haben somit auch einen kompletten Blick auf die Geschehnisse. Es werden dazu mehrere Theken rund um das Areal zur Verfügung stehen, um somit den Ansturm nach dem Umzug etwas zu entzerren. Die Straße bleibt zwischen dem Gasthof „Zum Hasen“ und der Marienapotheke während der Veranstaltung gesperrt.

3. Musikkapellen werden nicht von Musikanlagen gestört und dementsprechend eingeteilt.

4. Die Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Auflagen werden weitreichender sein. Der FCV geht rigoros gegen sexistische und rassistische Motive und Sprüche vor, da diese nichts mit Fastnacht zu haben und der Umzug auch von Kindern besucht wird und besucht werden soll. Außerdem wird explizit auf die Einhaltung der Musikanlagenrichtlinien verwiesen, da die Boxen nach innen gedreht werden müssen.

5. Des Weiteren wird auch die Anzahl der Sanitären Anlagen erhöht, und es werden weitere kleinere Maßnahmen getroffen, um den Wohlfühlfaktor der Besucher zu erhöhen.

In diesem Zusammenhang wurde auch über einer Reduzierung der Wegstrecke und die Umzugsführung über die Reinhardtstraße nachgedacht. Hintergrund waren u.a. Reinigungsarbeiten und Absperrungen. Allerdings gab es dazu ein erhöhtes Feedback aus der Bevölkerung, man wünsche sich die Beibehaltung der langen Umzugsstrecke, weil es den Umzug interessanter mache und auf Grund der Tradition gewünscht sei.

„Dies hat uns als FCV gezeigt, dass das Interesse am Königreichumzug im eigenen Ort doch sehr groß ist. Allerdings benötigen wir helfende Hände. Wem der Umzug und die Fastnacht im Königreich am Herzen liegt, der darf sich gerne als Umzugsbegleiter/Ordner, für den Grillstand oder als Thekenpersonal zur Verfügung stellen“, so Stefanie Auth vom Planungsteam. „Wenn wir den Umzug erhalten wollen, dann muss jeder mal mit anpacken. Dies muss ja nicht jedes Jahr der Fall sein, aber wenn sich immer 15-20 Freiwillige finden, dann wäre dies ein Schritt in die richtige Richtung“.

So setzt der Fliedener Carneval Verein 2019 mehr auf Qualität statt auf Quantität, ohne die gewohnte große Party zu missachten.

„Nicht die Anzahl der Zugnummern ist entscheidend, sondern das Feedback derer am Straßenrand. Die gute Unterstützung unserer Gemeinde und des Bürgermeisters Christian Henkel wie bereits in den letzten Jahren ist ebenfalls entscheidend. Zusammen möchten wir den Königreichumzug gerne erhalten und setzen mit dem neuen Konzept auf mehr Tradition und Sicherheit“, so Medak.

So wünscht sich der FCV, dass die Teilnehmer sich ebenfalls auf die Tradition besinnen, das Auswurfmaterial nicht vergessen und statt irgendwelchen Malle-Parolen auch wieder „Helau“ gerufen wird. Dann steht auch einer tollen Party im Anschluss nichts im Wege.

 


Interessenten zur Unterstützung des Umzuges am 3. März oder Teilnehmeranfragen können an info@fcv-flieden.com gerichtet werden.

 

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Fehlerbericht

Der folgende Text wird anonym an den Autor des Artikels gesendet: