Gurtzeug, Karabiner, Leinen dünn wie Seide und ein Schirm aus Nylon – das ist alles, was Nadine und ihren Tandempartner Boris in 800 Metern Höhe hält. Beim Gleitschirmfliegen auf dem Pferdskopf, einem Ausleger der Wasserkuppe, fühlt sich der Höhenflug für die move36-Autorin an, als würden Traum und Realität verschwimmen.

Ein Text von Nadine Buß

„Das einzige, was du falsch machen kannst, ist, stehen zu bleiben“, erklärt Boris Kiauka, mein Tandempartner, der mir auf dem 874 Meter hohen Pferdskopf Anweisungen gibt: „Auf mein Kommando läufst du den Hang hinunter.“ Der Windsack zeigt in unsere Richtung – die Luft bringt jedoch nur ein paar Grashalme zum Tanzen. Ich trage Fleecepullover und Regenjacke. Meine Hände – kalt wie Eiszapfen.

Auf dem Hang kontrolliert Boris jeden einzelnen Verschluss und zieht die Gurte nach – seine Handgriffe sind routiniert. Fest verzurrt stellt er sich hinter mich und klinkt die Karabinerhaken in den Schlaufen ein. Meine Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Nun müssen wir fest miteinander verbunden sein.

„Ich spüre mein Herz langsam pumpen”

Der 43-Jährige fliegt seit über 20 Jahren. Mit dem Paraglider ist er unter anderem schon in den Alpen und Anden gewesen. Heute ist er einer von zwei Geschäftsführern der Flugschule Papillon – der Größten weltweit nach eigenen Angaben. Bei uns in der Rhön.

Wie beim 100-Meter Lauf der Bundesjugendspiele warte ich auf den Startschuss. Doch: Als hätte jemand auf Zeitlupe-Modus umgestellt, ziehen sich die Sekunden bis zu Boris’ Signal. Ich spüre mein Herz langsam pumpen. Mein Brustkorb fühlt sich an als wäre ich kurz unter Wasser getaucht. Angst empfinde ich jedoch keine. Schon am Telefonhörer hatte mir meine Vertrauensperson das Gefühl gegeben, ein langjähriger Freund von mir zu sein. „Nadine, wir sorgen dafür, dass du einen unvergesslichen Flug haben wirst“, versicherte er mir. Ob dem so sein wird, das erfahre ich in wenigen Sekunden.

Es bleibt bei wenigen Schritten …

Und dann geht es endlich los: Ein paar Mal wird mein Oberkörper ruckartig nach hinten gezogen. Was genau hinter mir geschieht, kann ich nicht sehen, denn am Umdrehen hindert mich das Geschirr. Ist der Schirm bereits am Himmel, frage ich mich. Plötzlich ertönt das Signal: „Und los!“, ruft Boris. Ich kneife meine Augen leicht zu. Wie in einem Tunnel fokussiere ich den Abhang. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Als würden meine Beine nicht zu meinem Körper gehören, sehe ich im Augenwinkel nur, wie sie zuverlässig hinablaufen.

Es bleibt bei wenigen Schritten, dann werde ich unerwartet und ruckartig nach hinten gezogen. Mein Gewicht verlagert sich und ich falle in einen Sitzsack. Mein Blick ist nach unten gerichtet.

Dann geht alles ganz schnell. Im Sekundentakt verändert sich das Landschaftsbild: Wo gerade noch Dotterblumen und Schafgarbe zu sehen waren, ist der Boden jetzt mit zahlreichen Maulwurfhügel gespickt. Und noch weiter oben verwandeln sich die Felder zu einfarbigen Teppichen. Ich erkenne das Fahrtmuster der Traktoren, die die Felder abgemäht haben. „Siehst du die Rhönschafe?“, fragt mich Boris, die erst neben uns, dann unter uns sind. Auch sie werden zu kleinen Punkten. Menschen, Häuser – einfach alles verwandelt sich in eine Miniaturwelt. Aus der Vogelperspektive wirkt die Welt ganz friedlich, hin und wieder schallen Geräusche nach oben.

Ich verliere mich in meinen Beobachtungen, bis Boris an der rechten Armschlaufe zieht. Gleichmäßig machen wir einen Schwenk Richtung Nordosten – auf das Radom zu. Zum ersten Mal richte ich meinen Blick auf. Trotz des suppig-grauen Himmels und in Nebel getauchte Berge, Hügel und Bäume kann ich beim nächsten Schlenker locker bis nach Fulda und blicken.

„Es fühlt sich an, als würden Traum und Realität verschwimmen“

Völlig lächerlich scheinen mir nun die „Was wenn…?“ Fragen, die mir nach meinem Telefonat in den Sinn kamen. Kurz wollte sich meine Vernunft damit Gehör verschaffen: „Was, wenn ich mir vor dem Urlaub ein Bein breche?“, „…wenn wir in einen Baumwipfel geweht werden?“ oder „…wenn mich mein Tandempartner bei der Landung über den Haufen rennt?“ Mit einem Mal waren buchstäblich alle Sorgen verflogen – ebenso wie alle anderen Gedanken.

Während wir tiefer sinken, erkundigt sich Boris, wie es mir geht. „Es fühlt sich so irreal an – als würden Traum und Realität verschwimmen“, gebe ich ihm zur Antwort. Wagemutiger bitte ich den 43-Jährigen, etwas sportlicher zu fliegen. Mein Körper schüttet jede Menge Adrenalin aus.

Wir nehmen Kurs auf die Landebahn. Die Wiese sieht gepolstert aus. Trotzdem wird mir mulmig, als die Landung näher rückt. „Streck die Füße aus“, sagt Boris ruhig. Und dann kommen wir dem Boden immer näher, bis wir weich im hohen Gras aufsetzen. Kein harter Aufprall, kein gebrochenes Bein. Statt unbegründeter Sorgen bleibt ein breites Lächeln – auch noch auf der Fahrt nach Hause. Boris hatte mit seinem Versprechen Recht.

Du hast auch Bock, zu fliegen?

move36 verlost zusammen mit der Papillon-Flugschule zwei Tandemflüge auf der Wasserkuppe. Hier geht’s zur Verlosung.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.