Fliegende Besen, wilde Jungzauberer und der goldene Schnatz – das Spiel Quidditch kennt seit der Verfilmung der “Harry Potter”-Romane wirklich jeder. Was nur wenige wissen: Quidditch gibt es auch in der Realtität und am Wochenende werden in Darmstadt die Deutschen Meisterschaften ausgetragen. Im Juli richtet das hessische Team Quidditch Frankfurt die Weltmeisterschaft in dem verrückten Zaubersport aus. Wir haben mit Nina Heise (23) gesprochen, die Quidditch nach Deutschland geholt hat, wie der Sport in der Muggel-Version aussieht.

Die Idee, das Spiel aus den Harry-Potter-Filmen in die Realität zu holen, stammt ja von ein paar Studis aus Vermont. Die Muggel-Quidditch-Variante sieht schon recht lustig aus – so ohne fliegende Besen. Wie unterscheidet sich der Ablauf noch zum Spiel aus dem Harry-Potter-Universum?

Der Grundablauf ist eigentlich relativ ähnlich; Positions- und Ballnamen und -funktionen wurden größtenteils beibehalten. Unterschiede sind vor allem durch den Mangel an Magie bedingt. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir keine Klatscher haben, die von alleine fliegen und nur mit Baseballschlägern gelenkt werden. Wir orientieren uns da in unserer Variante eher am Völkerball und lassen die TreiberInnen andere Spieler mit Dodgeballs abwerfen. Außerdem ist natürlich der Schnatz keine kleine fliegende Kugel, sondern ein Tennisball in einer Socke, die am Hosenbund einer neutralen Person befestigt wird. Wenn die SucherInnen, die es auch bei uns gibt, diese Socke regelkonform abziehen, ist, wie bei Harry Potter, das Spiel beendet. Bei uns gibt das aber nur 30 Punkte und keine 150 wie in den Büchern, damit unsere JägerInnen noch genug Motivation haben, vorher ein paar Punkte zu machen. Schnatz und SucherInnen werden auch nicht direkt am Anfang losgelassen, sondern erst nach 18 Minuten, um sicher zu gehen, dass das Spiel eine gewisse Länge erreicht. Was geblieben ist, ist der volle Körpereinsatz, den man ja auch in den Harry Potter Filmen sehen kann und der gemischtgeschlechtliche Aspekt: Jede Mannschaft darf maximal vier Leute des selben Geschlechts gleichzeitig auf dem Spielfeld haben.

Wie und wie häufig trainiert ihr?
Wir trainieren eigentlich wie jedes andere Sportteam auch, abgesehen davon vielleicht, dass unsere Trainings bisher in einem öffentlichen Park stattfinden. Erst wird sich aufgewärmt, dann geht es in verschiedene positionsspezifische Übungen und am Ende machen wir meist noch ein Trainingsspiel. Außerdem bringen wir immer auch ein paar Fitnessübungen im Training unter. Trainiert wird zweimal die Woche, mittwochs um 19 Uhr und sonntags um 11 Uhr.

Wie sind die Reaktionen aus eurer Umgebung, wenn ihr erzählt, dass ihr Quidditch spielt?
Also meine Umgebung ist mittlerweile dran gewöhnt, und ich hatte auch das Glück, dass da tatsächlich kaum Gegenwind kam. Die meisten, die Harry Potter kennen, finden es zwar erst mal unglaublich lustig, aber sie sind dann oft auch ehrlich interessiert, wie das Ganze funktioniert. Meine Familie und Freunde wissen außerdem, wie ernst es mir mit dem Sport ist und unterstützen das auch. Man muss allerdings sagen, dass ich da Glück habe. Ich weiß, dass bei anderen Spielern Familie und/oder Freunde das nach wie vor nicht ernst nehmen, was sehr schade ist, wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Mühe wir da reinstecken und was für ein cooler Sport es ist, wenn man erst mal über den Nerdfaktor hinweggesehen hat.

Im Juli kommt die Weltmeisterschaft nach Frankfurt, eine riesige Ehre. Wie kam es dazu? 
Die letzte Weltmeisterschaft fand in Kanada statt und seither hat sich Quidditch in Europa rasant entwickelt, von daher war es naheliegend, dass sie in diesem Jahr irgendwo auf unserem Kontinent stattfinden sollte. Da wir im letzten Jahr zu unserem einjährigen Teamjubiläum bereits ein kleines internationales Turnier in Frankfurt veranstaltet hatten, konnten wir feststellen, wie gut sich Frankfurt als Veranstaltungsort eignet. Trotzdem gab es, wie bei anderen großen Sportveranstaltungen auch, einen Bewerbungsprozess über die International Quidditch Association (IQA). Da wir uns im Voraus die Unterstützung der Stadt Frankfurt sichern konnten, standen unsere Chancen gut und unser Konzept schien die IQA zu überzeugen, also wurde uns im November mitgeteilt, dass wir uns gegen die Mitbewerber durchsetzen und die WM zu uns holen konnten.

Wie viele Teams erwartet ihr? Aus welchen Ländern werden die Teilnehmer anreisen?
Aktuell stehen die teilnehmenden Teams noch nicht hundertprozentig fest, aber da allein an der Europameisterschaft im letzten Jahr in Italien zwölf Teams teilnahmen, ist zwanzig bestimmt nicht zu optimistisch geschätzt. Mit dabei sind mit großer Sicherheit die weltweit führenden Teams aus den USA, Kanada und Australien, aber auch Mannschaften aus Mexiko, Argentinien, Brasilien, Uganda und Südkorea und natürlich die vielen europäischen Teams, allen voran Großbritannien und Frankreich.

Wie bereitet ihr euch vor?
Deutschland hat seit dem letzten Jahr eine ständige Nationalmannschaft, die sich in regelmäßigen Abständen zu Trainingslagern trifft. Außerdem planen wir für die Monate vor der Weltmeisterschaft noch einige Testspiele gegen angrenzende Nationen wie zum Beispiel Österreich. Die Planung des Turniers selbst wird zum größten Teil von der IQA übernommen, die dafür ein eigenes Komitee gegründet hat. Wir werden aber vom Deutschen Quidditchbund aus als lokaler Partner weiterhin an der Organisation beteiligt sein.

Wird es neben dem Turnier noch andere Highlights rund um die Weltmeisterschaft geben?
Aktuell geplant ist noch nichts, aber es kann durchaus sein, dass wir da noch etwas auf die Beine stellen.

Wie stehen eure Chancen, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen?
Ganz oben auf dem Treppchen sehe ich eher die USA, die den Sport erfunden haben und weiterhin dominieren. Bei der Europameisterschaft standen wir zwar im Viertelfinale, sind erst gegen den späteren Meister Frankreich ausgeschieden und wir haben uns seither auf jeden Fall weiterentwickelt, aber bei der harten internationalen Konkurrenz könnte es mit einer Top-3-Platzierung schwer werden. Andererseits haben wir ja den Heimvorteil, also wer weiß.

Du hast den Sport ja nach Frankfurt gebracht und direkt die Weltmeisterschaft mit hierher geholt. Was fasziniert dich an Quidditch?
An Quidditch fasziniert mich zum einen die Komplexität des Sports. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig und man muss alle im Blick behalten und in meiner Position als Treiberin ist ziemliches strategisches Denken erforderlich. Außerdem mag ich die Körperlichkeit, die wir hier in Deutschland ja vom Sport nicht unbedingt kennen, und die Tatsache, dass Quidditch trotz dieses Aspekts gemischtgeschlechtlich gespielt wird. Das gibt es ja in konventionelleren Sportarten leider selten genug und es macht die Quidditchgemeinschaft deutlich toleranter als viele Traditionssportarten. Ich spiele nicht „gut für ein Mädchen“, ich spiele einfach nur „gut“. Und dann kommt natürlich noch die Tatsache dazu, dass Quidditch dadurch, dass es bisher noch nicht so viele Teams gibt, ein relativ internationaler Sport ist. Will man ein Turnier spielen, dann fährt man dafür auch mal nach Paris, Oxford oder Barcelona. Und ich habe über’s Quidditch mittlerweile Freunde auf allen Kontinenten ausgenommen der Antarktis.

Die Weltmeisterschaft findet vom 24. bis 25. Juli 2016 in Frankfurt am Main statt. Wer neugierig ist, kann schon am Wochenende Quidditch-Luft schnuppern. Denn im Hochschulstadion in Darmstadt treten die Deutschen Teams bei der Deutschen Meisterschaft an. Tickets gibt es nicht, Zuschauer sind aber sehr gern gesehen.

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