Demokratie – was ist das eigentlich? Für junge Menschen meist eine Selbstverständlichkeit: Wahlen, Parteien, Zeitungs- und Internetartikel, Stammtischdebatten. Dass es nicht überall so ist und nicht immer so war, gerät im Alltag zwischen all den aktuellen, schnelllebigen Skandalen, Nachrichten und Meinungsverschiedenheiten oft in Vergessenheit.

Ein Text der Wigbertschule

Dass es in Deutschland einmal eine Zeit gab, in der die Stammtischdebatte zur Inhaftierung und das Verfassen politischer Schriften zur Dauerüberwachung führen konnte, ist zwar irgendwo im Bewusstsein verankert, wird aber gerne verdrängt. Umso wichtiger ist der Diskurs mit Menschen, die erlebt haben, was die Abwesenheit dieser Selbstverständlichkeiten mit sich bringt. Mit Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen einem totalitären System verweigert haben.

Zum Austausch mit diesen Menschen besuchten die Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs am 29. Jahrestag des Mauerfalls die Gedenkstätte Point Alpha und führten im Zuge eines Aktionstages dort Gespräche mit Zeitzeugen. Das Projekt gab die Möglichkeit, Einblicke in ein Leben zu bekommen, dass sich viele Jugendliche nicht mehr vorstellen können: in die Zeit des Kalten Krieges und damit in eine Zeit, in der der so selbstverständlich gewordene Frieden auf europäischem Boden alles andere als gesichert war.

Die Stasi war überall

Im Rahmen der Gespräche erfuhren die Jugendlichen vor allem von der unterschiedlichen Motivation der Menschen, gegen die Regierung der einstigen Deutschen Demokratischen Republik aufzubegehren und von Maßnahmen, die in der Folge gegen sie ergriffen wurden. So berichtete Uwe Kulitsch von der Erkenntnis, dass die DDR ihren eigenen humanistisch-sozialistischen Idealen nicht gerecht wurde, von dem Scheitern seiner Reformversuche und der daraus gezogenen Konsequenz, Diskussionsforen für Intellektuelle in Form mehrerer Untergrundzirkel zu gründen.

Peter Hellström verdeutlichte in seinem Gespräch den Umfang der allgegenwärtigen Überwachung durch die Staatssicherheit, als er davon berichtete, wie der systemkritische Brief an einen Freund zu seiner Inhaftierung führte und vergegenwärtigte damit, wie wichtig der Schutz selbstverständlicher Rechte wie das Briefgeheimnis sein kann – auch ein Thema von aktueller Bedeutung.

“Bildet euch eine Meinung!”

Die Gespräche mit den Zeitzeugen einte die Beschreibung der unvorstellbaren Haftbedingungen und der damit verbundenen staatlichen Willkür, die den Zuhörenden heute undenkbar erscheint: Während Michael Verleih davon berichtete, ein Aufseher habe ihm beim Einsehen seiner Stasi-Akten bezüglich seiner Meinung Recht gegeben, berichtete Achim Unbehaun davon, in seinem Heimatdorf noch heute Konflikte mit ehemaligen SED-Mitglieder zu erfahren. Er appellierte in seinem Vortrag an die Jugendlichen. Es war ein Appell für politisches Interesse, zur Wahrnehmung der Kontrollfunktion des Volkes, zum Diskurs und vor allem an den Mut zur Opposition: „Bildet euch eine Meinung.“

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