Mitte November kam der Künstler Dirk Hülstrunk an die Wigbertschule Hünfeld zu einer zweistündigen Dichterlesung für Oberstufenschüler. Er ist Poetry-Slammer, Schriftsteller, Soundpoet und Audiokünstler aus Frankfurt am Main. Zurzeit lebt er für zwei Monate im Hünfelder Künstlerturm und bemüht sich, den Rhönern die Welt des Poesie-Slams näherzubringen. Finanziert wird dieser Aufenthalt durch das Stipendium „Land in Sicht“. Hier begegnet er dem Hünfelder Alltag, der so ganz anders ist als der einer Großstadt, unterhält sich mit Vereinsmitgliedern, erfährt Neuigkeiten über das Oblaten-Kloster und führt unter anderem mit den Bewohnern eines Flüchtlingsheims ein Projekt durch.

Ein Text der Wigbertschule

Seit ungefähr zwanzig Jahren organisiert Hülstrunk Poetry Slams im Rhein-Main-Gebiet. Somit war er, so teilte er seinen Zuhörern mit, einer der ersten in Hessen, die diese neue Form der Dichtung einem Publikum vorstellte und verbreitete.

Hülstrunk schreibt selbst Gedichte, mit denen er ganz bewusst die Grenze von Literatur und Texten auslotet. Schulleiter Markus Bente, selbst Deutschlehrer, hatte den Kontakt zu Dirk Hülstrunk über die Stadt Hünfeld hergestellt. Für ihn, so sagte er in seiner Begrüßung, ist dies eine einzigartige Gelegenheit, um Schülerinnen und Schülern die Begegung mit avantgardistischer, mit nicht alltäglicher und mit verstörender Kunst zu konfrontieren.

Humor, Provokation und Verstörung

Gleich zu Beginn gelang es ihm vortrefflich zu verstören. Er trug den Schülerinnen und Schüler seine Klanggedichte „Und wieder zurück“, „Revolotion“ und „Dösen und Dämmern“ vor. Dabei nutzte er neben dem Wort auch den Ton, den er über eine Loop-Station modifizierte und so ungewöhnliche Klangteppiche schuf, die sich über beziehungsweise unter das gesprochene Wort legten. Was genau diese Gedichte sind und ob sie überhaupt Literatur sind, so provozierte Hülstrunk seine junge Zuhörerschaft, wisse er selber nicht und behauptete: „Ich mache einfach mein Ding.“

Neben der Frage, was Literatur sei, befasst er sich auch mit der Problematik, ob ein Gedicht eine Botschaft brauche. Er berichtete den Schülerinnen und Schülern, dass er immer wieder der Frage und der Forderung begegne, er möge eine Botschaft in seine Gedichte einbauen. Mit seinem Gedicht „Ein Gedicht gegen den Krieg“, ein Text, der mit teils brutalen sprachlichen Antagonismen arbeitet, unterstreicht er, dass er seinen Arbeiten auch eine vordergründige Sinngaftigkeit geben kann. Um dann aber gleich im Anschluss seinen Zuhörern mit Humor und Provokation darauf hinzuweisen, dass seiner Meinung nach eine Botschaft nicht das wichtigste für ein Text sei, denn „ein Gedicht ist im Kampf wohl nicht die Waffe der Wahl“. Hier verweist er unter anderem auf die Kunstrichtung des Dadaismus während des Ersten Weltkriegs und seine Fortführung in der Wiener Gruppe der 1950er-Jahre mit H.C. Artmann.

Kunst kann jeder für sich selbst definieren

Hülstrunks Gedichte sind anders als wohl alles, was Schülerinnen und Schüler in ihrem Schulalltag an Literatur begegnet. Dementsprechend verschieden waren die Reaktionen der Zuhörer: Verwirrung, Gelächter, Interesse, Ablehnung, offenes Infragestellung des Kunstbegriffs für seine Werke.

In einer kleinen Fragerunde, ging er auf Publikumsfragen ein, darunter auch die, wie er zum Schreiben und zu seiner speziellen Art von Gedichten gekommen sei. Hülstrunk erteilte bereitwillig Auskunft. Als Kind habe er aus Langeweile angefangen zu schreiben. Später sei das Interesse für den Dadaismus, den Futurismus und die russische Saum-Bewegung dazugekommen. Unter dem Einfluss dieser abstrakten Dichtungsformen habe er seine eigene Art der Literatur entwickelt. Auf die Frage, wieso er wisse, dass er Künstler sei und Kunst mache, antwortete er nur: „Wenn man Künstler ist, kann man selber definieren, was Kunst ist.“ In diesem Sinne behaupte er, einer zu sein.

Abseits des Mainstreams

Im zweiten Teil der Vorlesung befasste Dirk Hülstrunk sich noch etwas genauer mit Poetry Slams. Nachdem er erklärt hatte, was Poetry Slam sei und wie eine solche Veranstaltung ablaufe, spielte er den Schülerinnen und Schülern einige Beispiele von Vorträgen bei solchen Veranstaltungen vor. Ähnlich wie bei „richtigen“ Vorträgen, bewertete eine kleine Publikumsjury die Beiträge.

Für die Wigbertschüler war dieser Vormittag sicher einer, der sie so oder so beeindruckt haben wird. Einmal hautnah zu erleben, was Kunst, abseits vom Mainstream bedeuten kann, das bleibt als Eindruck bestehen. Und vielleicht hat ja doch der eine oder andere Interesse gefunden, sich selbst der Kunst zu öffnen und sich zu versuchen. Teresa Siebert, die 2015 ihr Abitur an der Wigbertschule machte, gibt dafür ein beredtes Zeugnis ab.

Was ist „Poetry Slam“?

Regeln:

1. Die vorgetragenen Texte müssen von den Akteuren, den sogenannten „Slam Poeten“ oder „Poetry Slammern“, selbst geschrieben sein.

2. Poetry Slammer dürfen für ihren Auftritt weder Requisiten noch Musikinstrumente verwenden.

3. Poetry Slammer müssen sich außerdem an ein vorgegebenes Zeitlimit von durchschnittlich fünf Minuten halten.

Poetry Slam hat sich in Chicago entwickelt und ist inzwischen in fast jeder größeren Stadt regelmäßig vorzufinden. Generell sind alle Themen erlaubt und alles wird erwartet. Die Bewertung erfolgt durch Publikumsjury durch Applaus. Maximal können neun Teilnehmer pro Abend auftreten, meist aufgeteilt auf drei Runden.

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