Endlich mal hier rauskommen, neue Leute kennenlernen, selbstständig sein – das waren unsere Ziele nach dem Abi. Vor allem die neuen Leute waren wichtig, der Freundeskreis brauchte dringend ein Update. Unser Hoffnungsanker war die Uni. Hier wollten wir endlich mal etwas Neues, Spannendes erleben. Und dafür mussten wir aus der heimischen Einöde wegziehen.

Ein Text von Sophia Junginger

Das elterliche Nest habe ich nach der Schule recht schnell verlassen. Die neuen Leute konnten also kommen, ich war bereit! Jetzt, nach vier Semestern in einer neuen Stadt, frage ich mich oft, ob es eigentlich nötig ist, möglichst viele neue Leute kennenzulernen. Brauche ich Unmengen an Freunden? Denn viele meiner Kommilitonen haben eine komplett andere Vorstellung davon, was eine Freundschaft wirklich ausmacht. Für mich ist es zumindest keine, wenn man sich nur meldet, weil man gerade Langeweile hat. Oder wenn sich immer nur einer bemüht, den Kontakt zu halten. Und gemeinsam von einer Party zur nächsten zu springen, zeichnet auch keine tiefere Bindung aus.

Wenige sehen das ähnlich

Was Freundschaft für mich bedeutet? Vieles. Auf einen Freund kann ich mich verlassen. Er ist jemand, dem ich nicht nur gut genug für ‘ne Party bin, sondern mit dem ich auch mal bis in die Nacht quatschen kann. Jemand, der sich einfach mal so bei mir meldet, nur um zu hören, wie’s mir geht. Jemand, von dem ich weiß, was bei ihm abgeht – selbst wenn wir uns seit Monaten nicht gesehen haben.

Von den vielen neuen Leuten, die ich an der Uni als Freunde gewinnen wollte, habe ich bisher nur wenige getroffen, die das ähnlich sehen. Klar, am Anfang habe ich mit vielen was unternommen. Heute aber laufe ich ihnen über den Weg, und wir sagen uns gerade noch „Hallo“. Traurig, aber wahr. Einige haben sich irgendwann einfach nicht mehr gemeldet, sich als kleine Psychopathen herausgestellt oder schlicht und einfach „coolere“ Leute gefunden. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die jeden Abend zwei bis sechs Feierabendbiere zischen. Da wird man auch mal schnell als „langweilig“ abgestempelt.

What, schon wieder ‘ne Party?

Von dem Ziel, so viele neue Bekanntschaften und Freunde zu sammeln wie nur möglich, habe ich mich mittlerweile verabschiedet. Denn zu oft ist man einfach nicht auf einer Wellenlänge. Im Studium die Freunde fürs Leben zu finden, war keinesfalls meine Erwartung. Das wäre naiv. Aber es hat mich doch überrascht, dass es schwerer ist, als gedacht. Plötzlich kommen wieder solche Kindergarten-Gedanken auf, wie: Wieso bin ich da jetzt nicht eingeladen? Oder: Schön, dass ich auch mal gefragt wurde. Am Anfang dachte ich echt oft: What, schon wieder ‘ne Party? Viel lieber wäre ich im Bett geblieben, um Grey’s Anatomy zu schauen. Aber die Angst, etwas zu verpassen, besiegte oft die nicht vorhandene Motivation. Im Nachhinein waren die Partys oft der totale Fail. Coole neue Leute habe ich auch eher selten kennengelernt. Dafür aber eine Menge Geld ausgegeben – Yeah!

Ich war schon immer eher der Mensch, der seine drei bis sechs engen, wirklich guten Freunde hat, als 50 Bekanntschaften. Und auch an der Uni habe ich „nur“ fünf Leute gefunden, die ich wirklich als Freunde bezeichne. Einige nicht sofort im ersten Semester, sondern erst etwas später. Wenn man zu verbissen darauf ist, am Anfang des Studiums die tollsten und interessantesten Leute kennenzulernen, übersieht man oft diejenigen, die es wirklich sind und nicht bloß so tun.

Freundschaft braucht Zeit

Es ist super, neue Leute kennenzulernen, etwas Anderes zu sehen, neue Erfahrungen zu machen. Und dazu gehört auch, festzustellen, dass es eben viele Menschen gibt, mit denen man ordentlich auf den Putz hauen kann, die dann aber doch nur Bekannte sind – keine Freunde. Und das ist auch völlig okay so. Freundschaft braucht Zeit und kann sich nicht von heute auf morgen entwickeln. Ich bin dankbar für meine Freunde, die mich seit Jahren ertragen und auch für jeden neugewonnen Freund. Aber ich habe auch aufgehört, denjenigen nachzuweinen, die es nicht sein wollten. Man kann eben nicht mit jedem befreundet sein.

Und meine Mädels von zu Hause? Die erzählen mir lustigerweise am Telefon genau dasselbe. Und wenn wir zusammen sind, ist es wie früher. Nur, dass wir uns jetzt freuen, mal wieder zu Hause zu sein.

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