Alles dreht sich um das Eine: Sex, Sex und noch mal Sex. Ob im Netz, im Urlaub oder im eigenen Bett. Völlig egal. Vor allem die Millennials – also die Generation, die in den 90ern und um das Jahr 2000 geboren ist – ist so versext wie keine andere. So jedenfalls verkaufen uns das viele Medien. Eine US-Studie stellt genau das Gegenteil fest: Jugendliche seien heute so prüde wie ihre Ur-Großeltern.

In Zeiten von Dating-Apps, problemlos zugänglichen Pornos und schnellem Sex meint man es kaum, aber die Studie der Florida Atlantic University wirft einige Klischees über das Sexverhalten der Jugend über Bord. 27.000 Jugendliche unterschiedlichen Alters wurden dazu befragt. So hätten die 20- bis 24-Jährigen weniger Sex als Gleichaltrige in den Jahrzehnten zuvor, 18-Jährige hätten nicht mehr Sexpartner als 18-Jährige in den 60ern, und 15 Prozent gaben an, seit ihrem 18. Geburtstag keinen Sexpartner mehr gehabt zu haben. In den 60ern waren es nur fünf Prozent nach einer Untersuchung unter Gleichaltrigen. Nur eine Generation sei sexuell noch untätiger als die heutige gewesen: die Jugend in 20ern während der Weltwirtschaftskrise.

Auch die deutsche Studie Jugendsexualität 2015 offenbart Ähnliches: Entscheidend für regelmäßigen Sex unter den 18- bis 25-Jährigen sei, dass sie in einer festen Beziehung sind. Schlimm ist das natürlich nicht, und es widerlegt das Bild der “Abschlepp-Generation”, die nur auf One-Night-Stands aus ist.

Unser Umgang mit Sex und nackter Haut ist schizophren

Dennoch verwundert es, dass Jugendliche sexuell wieder so prüde – verklemmt wäre zu hart – wie ihre Großeltern sein sollen. Zumal uns viele Medien genau das Gegenteil vorgaukeln: In oberflächlichen Magazinen wie taff oder Explosiv geht es vor allem im Sommer Woche für Woche nur um den richtigen Body für den schnellen Fick – so wird’s natürlich nicht gesagt, aber man sollte die Dinge ja beim Namen nennen. Heidi Klum vermittelt völlig verquere Schönheitsideale und pflanzt so mit ihrer Casting-Show neurotische Züge in viele 14-Jährige Mädchen. Vom Sexismus in der Werbung ganz zu schweigen. Vielleicht haben auch deswegen Jugendliche weniger schnellen Sex – der ja nicht verwerflich ist – , weil sie mit sich nicht zufrieden sind und sich nicht trauen.

Und gleichzeitig löscht Facebook jedes noch so winzige Nippel-Bild, während Hetzerei und Gewaltandrohungen nur marginal getilgt werden. In Punkto Jugendschutz ist das natürlich richtig, aber rechte oder linke Spinner im Netz sind wohl gefährlicher als ein Nippel. Über Mütter, die in der Öffentlichkeit ihre Babys stillen, empören sich auch immer wieder viele. Wie kann man nur so verklemmt sein? Jahrhunderte lang war das das Natürlichste auf der Welt, aber wenn heute eine Mutti umringt von vollbusigen Bikini-Modells auf Plakaten ihr Kleines stillt, geht das Geplärre los. Irgendwie schizophren geworden – unser Umgang mit dem Thema Sex und nackter Haut.

Bedenkliche Werte

Nun ist die Tendenz in der Studie noch keine bedenkliche Entwicklung, vielleicht gehen Jugendliche auch einfach bewusster mit dem Thema Sex um. In Sachen Verhütung ist das jedenfalls so, wie die deutsche Studie zeigt: Nur acht Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer verzichteten beim ersten Mal auf Verhütung. 1980 hatten sich noch 29 Prozent der Jungen und 20 Prozent der Mädchen beim ersten Mal nicht mit Pille, Kondom und Co. beschäftigt. Bedenklich sind dagegen die Werte, die die Werbung und so manches TV-Format vermitteln. Zum Glück haben sie sich größtenteils, wie die Studien zeigen, nicht in der Köpfen der Jugend eingenistet – noch nicht.

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