Thug-Life-Attitude, satte Beats und raffinierte Punchlines – das ist es, was die Hip-Hop-Kultur ausmacht. Aber wo hat der Hip-Hop seinen Ursprung? Ist das Gangsterimage noch aktuell? move36 hat mit Musikwissenschaftler Steffen Peter vom Institut für Musikwissenschaft und -pädagogik an der Justus Liebig Universität Gießen gesprochen. Im aktuellen Magazin stellen wir dir außerdem Fuldas Rapszene vor.

Häufig versuchen sich Künstler mit Migrationshintergrund im Deutschrap. Stimmt das, und wenn ja, warum?

Ob es auf quantitativer Ebene zutrifft, dass sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Rap versuchen, halte ich bei der Vielzahl von Rappern für fragwürdig. Deutlich ist jedoch, dass die Hip-Hop-Kultur schon immer eng mit dem Thema Migration verknüpft ist. Dies fing an mit den Pionieren des Hip-Hop wie zum Beispiel dem New Yorker Kool DJ Herc mit jamaikanischen Wurzeln und einem Publikum mit zunächst vornehmlich afro- und lateinamerikanischen Wurzeln und setzte sich fort durch die Behandlung politischer Themen wie Migration oder Rassismus durch Gruppen wie N.W.A. oder Public Enemy, die auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund aus anderen Ländern aktuell waren.

Wer prägte die deutsche Rapkultur in ihren Anfängen?

Hier waren es vor allem junge Türken, Kurden, Italienern, Jugoslawen und so weiter, die die Hip-Hop-Szene maßgeblich geprägt haben, und auch heute ist diese Tendenz sichtbar. Als Grund dafür wird häufig angeführt, dass Hip-Hop diesen einer Minderheit angehörigen Menschen ein wichtiges Forum bot, um sich unabhängig ihrer Zugehörigkeit und ihres Status‘ kreativ ausleben und verwirklichen zu können. Wie bei vielen Subkulturen geht es also um Anerkennung und Partizipation innerhalb eines eigenständigen Kosmos mit spezifischer Sprache, Mode, Musik sowie der Inszenierung einer oppositionellen, subversiven Identität, die der Elterngeneration oder der Mehrheit der Gesellschaft entgegensteht.

Wann wurde Deutschrap populär?

Anfang der 80er gelangt die in den USA bereits äußerst populäre Rapmusik auch nach Deutschland. Dies geschah durch die Veröffentlichung von Musik und Filmen, aber auch durch die in vielen deutschen Städten stationierten amerikanischen Soldaten, die die entsprechenden Platten mitbrachten oder selbst als Musiker oder Tänzer tätig waren. Von vielen deutschen Zeitzeugen werden zudem Filme, die sich mit der Thematik Hip-Hop auseinandersetzten, als besonders prägend beschrieben zum Beispiel „Beat Street“. Zunächst fand aber in Deutschland vor allem Breakdance eine große Beachtung. Abseits der Öffentlichkeit entstand jedoch eine Eigendynamik, welche dazu führte, dass sich eine lebhafte Szene entwickelte. Da Rap bis zum Ende der 80er lediglich in den Jugendzentren, auf Partys und Jams stattfand, gab es bis dahin, abgesehen von einigen, in Eigenregie angefertigten Demotapes, keine Aufnahmen von Rap aus Deutschland. 1991 erschien jedoch das Album „Jetzt geht’s ab“ von Die Fantastischen Vier, die erste kommerzielle Veröffentlichung von deutschsprachigem Rap.

Wo liegen die Anfänge der Musikrichtungen Rap/Hip-Hop?

Geografisch gesehen in den USA, genau genommen in New York und dort zunächst im Stadtteil Bronx. Zeitlich gesehen ist es schwer, eine Trennlinie für die Entstehung von Hip-Hop zu ziehen, da es sich zunächst um eine Partykultur handelte, die nur teilweise dokumentiert ist. Die Ursprünge werden meist zurückgeführt bis an den Anfang der 70er. Hier existierte jedoch die Bezeichnung Hip-Hop als Subkultur noch nicht, und auch der Rap befand sich noch in seiner Entwicklung. Die frühen, zunächst vornehmlich männlichen Protagonisten waren zumeist Jugendliche mit afro- und lateinamerikanischen Wurzeln. Erst gegen Ende der 70er und später in den 80er wurde die Rapmusik, neben dem Tanz, Graffiti und DJing ein Element der Hip-Hop-Kultur, durch kommerziell erfolgreiche Veröffentlichungen einem breiteren Publikum (auch international) zugänglich.

Steffen Peter Institut für Musikwissenschaft und -pädagogik Justus Liebig Universität Gießen

Was sind die Unterschiede zwischen Deutschrap und amerikanischem Rap?

Rap beziehungsweise die Hip-Hop-Kultur kann nur schwer nach Ländern isoliert betrachtet werden, da es stetig internationale Beeinflussungen sowie Rückkopplungsprozesse gab und neben gewissen Eigenheiten eben insbesondere viele Gemeinsamkeiten auszumachen sind. Ich denke, der große Unterschied liegt in der Sprache und der durch sie kommunizierten lokalen Besonderheiten. Zunächst wurde versucht, die bei den Jugendlichen beliebte Musik gewissermaßen zu imitieren – auch sprachlich. Dabei wurden zudem gewisse Stilmittel wie zum Beispiel das „Boasting“ und „Dissing“ übernommen. Mit dem Einzug der deutschen Sprache in den Rap sind auch zunehmend lokale Besonderheiten zu beobachten. Auch auf der Ebene der „Beats“ sind rückblickend klangliche Eigenheiten identifizierbar. Dies mag unter anderem an unterschiedlichen technischen Voraussetzungen, abweichenden produktionstechnischen Herangehensweisen und der Nutzung anderer Samples liegen. In Deutschland sowie anderen Ländern sind also gewisse Aneignungs- und Transformationsprozesse der amerikanischen Vorbilder zu beobachten: Die Musiker und Musikerinnen haben versucht, das Gehörte in die eigene Realität zu überführen und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu realisieren. Die besagten Stilmittel blieben dabei größtenteils erhalten, da es im Rap neben der Verbreitung gesellschaftsrelevanter und politischer Botschaften von Anfang an darum ging, die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und sich mit anderen zu messen.

Haben sich die Themen in den Texten der Rapper verändert?

Neben den angesprochenen lokalen Besonderheiten sind auch die Thematiken im Allgemeinen immer vielfältiger geworden. Nicht selten auch hier durch den Anstoß amerikanischer Vorbilder. Vom anfänglichen Fokus auf die Tanz- und Partykultur, dem Battlerap über den Gangsterrap bis hin zu sozialkritischen und politischen Inhalten wie im sogenannten Consciousrap ist auch in Deutschland alles zu finden. Zudem ist in den letzten Jahren eine Diversifizierung über die Grenzen der gängigen Themen und Inhalte hinaus zu erkennen, da sich der gesellschaftliche Diskurs zu gewissen Teilen auch immer im Output der Musikerinnen und Musiker widerspiegelt. Dies reicht von Rappern, die Themen wie Homosexualität oder Queerness ansprechen, über religiös oder spirituell geprägte Texte bis hin zu scheinbar paradoxen Ausprägungen wie Rap mit nationalistischen oder rassistischen Inhalten.

Warum gibt es mehr männliche Rapper als weibliche?

Dies ist ein äußerst komplexes und zum Teil auch sensibles Thema. Hier einige mögliche Aspekte: Die Wettbewerbskultur, das Prahlen, die häufig durch klischeehafte Männlichkeitsdarstellungen geprägte Inszenierung von Attributen wie Macht, Stärke, Potenz etc. wirkt auf weiblich sozialisierte Menschen weniger anziehend. Somit können auch einige der im Rap üblichen Themen nicht ohne weiteres durch Frauen adaptiert werden, da sie nicht mit den für sich angenommenen bzw. ihnen zugeschriebenen Rollenkonventionen übereinstimmen. Die männliche Dominanz, nicht nur im Bereich Rap, sondern insbesondere der Musikindustrie allgemein, sorgt für patriarchale Strukturen, in der Männer wichtige Machtpositionen besetzen, was Frauen wiederum den Zugang erschweren kann. Diese Dominanz, auch im Bereich der Musiker, könnte ferner dafür gesorgt haben, dass Frauen die nötigen Vorbilder, ansprechende Inhalte sowie Förderung innerhalb der Szene fehlen beziehungsweise der Zugang damit erschwert wird.

Ist das Gangsterimage noch aktuell?

Hört man sich aktuelle Veröffentlichung etwa von Haftbefehl, Capital Bra oder Kollegah an, so wird deutlich, dass die Figur des Gangsters beziehungsweise die Einflechtung von Inhalten aus dem kriminellen Milieu in verschiedenen Ausprägungen ein immer noch gern gewähltes Narrativ ist. Glaubt man den Erzählungen einiger Rapper und Rapperinnen, deckt sich dies zum Teil mit der Lebenswelt der Privatpersonen hinter Rap-Persönlichkeit. Unabhängig davon eignet sich dies aber auch als reines Stilmittel, um selbstüberhöhende Darstellungen unterhaltsam zu verpacken.

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