„Kein Sterbender wünscht sich 1000 Euro oder endlich mal Pay-TV. Wir wünschen uns das Leben zurück.“ Autor Alexander Krützfeldt hat bei seiner Lesung in der voll besetzten Aula der Alten Universität 200 Gästen Einblick in das Leben von Frank Wenzlow gewährt – einem Mann, der schwerkranken Menschen vor ihrem Tod letzte Wünsche erfüllt.

Ein Text von Anna-Lena Bieneck

28.10.2009: Hochzeit. Frühjahr 2012: Gebärmutterkrebs. Herbst 2012: Darm- und Milzkrebs. Juli 2014: Darmkrebs, gestreut. Gestorben ist Lissy dann am 18.10.2014, einem Samstag, um 14.20 Uhr.

Lissys Mann Frank wird durch ihren Tod der Boden unter den Füßen weggerissen. In seinem Leid findet er einen Weg, nicht nur neuen Halt für sich selbst zu finden, sondern Menschen, die wie seine Frau unheilbar krank sind, letzte Wünsche zu erfüllen. Der Rettungsassistent gründet 2015 in Norddeutschland den Verein Ambulance Service Nord. Mit den sogenannten „Sternenfahrten“ bietet er kostenlose Transporte schwer erkrankter Menschen in umgebauten Rettungswagen an. Die Ziele der Fahrten sind ganz individuell: einmal noch ins Stadion, Weihnachten bei der Familie, das letzte Mal ans Meer.

2017 lernt Wenzlow den Journalisten Alexander Krützfeldt aus Leipzig kennen. Er begleitet Wenzlow und die Sternenfahrten ein Jahr lang. Über seine Erfahrungen schreibt Krützfeldt ein Buch.

Einige Kapitel aus seinem Buch „Letzte Wünsche“ las Krützfeldt rund 200 Zuhörern in Fulda vor. Wegen der Anmeldeflut wurde der Veranstaltungsort bereits auf die Aula der Alten Universität geändert worden. Doch auch die platzte aus allen Nähten und die Treppe musste für einige als Sitzplatz herhalten.

Unterschiedliche Geschichten von Ende des Lebens

Was die Gäste zu hören bekamen, war eine Liebesgeschichte, so nannte es Krützfeldt: „Die palliative Versorgung, das ist eine heimliche Lovestory“, sagte er. Den Kontakt zu den Sterbenden, die er auf den Sternenfahrten begleitet hatte, hatte die Palliativ Stiftung hergestellt.

Aber nicht nur Liebe steckt neben der Trauer in „Letzte Wünsche“, sondern in den geschilderten Begegnungen und gleichermaßen in Krützfeldts Schreibstil auch eine große Portion Humor. So erzählte er etwa von einer Frau, deren sehnlichster Wunsch es war, vor ihrem Tod „noch einmal richtig einen zu saufen“. Der Abend sei ein voller Erfolg gewesen – dank der Normalität, die die Sterbende erlebte. „Es wurde getrunken, gelacht. Zwischendurch waren wir alle traurig – dann wurde wieder gelacht.“

Es sind unterschiedliche Geschichten vom Ende des Lebens, die Krützfeldt zu Papier gebracht hat – so individuell wie die letzten Sehnsüchte vor dem Tod. Die unterschiedlichen Facetten des Themas Sterben waren auch in der Alten Universität spürbar: Das Publikum war betroffen – bemerkbar an der Stille –, und doch wurde an vielen Stellen gemeinsam gelacht.

„Das große Interesse heute Abend zeigt, dass das Thema Tod viele darüber nachdenken lässt, was im Leben wirklich wichtig ist“, sagte Elke Hohmann, Geschäftsführerin der Deutschen PalliativStiftung. Mit der Fuldaer Zeitung hatte die Stiftung Alexander Krützfeldt eingeladen. Bernd Loskant, Leiter der Nachrichtenredaktion und move36-Chefredakteur, und Dr. Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, sprachen im Anschluss an die Lesung mit dem Autor über die Entstehung des Buches, seine Erfahrungen und über das Themas Sterben und Tod im Alltag. Noch immer sei das zu wenig präsent, kritisierte Thomas Sitte – Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten seien nicht erst ein Thema für das Alter.

In der Gesprächsrunde stellte sich unter anderem heraus, dass die Geschichte hinter „Letzte Wünsche“ eine besondere Verbindung in die Region hat: Einen Rettungswagen für seine Sternenfahrten hatte Frank Wenzlow bei einem Gebrauchtwagenhändler in Eichenzell gekauft.

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