“Augen zu, Ohren auf” – Wir hören für dich in das Neueste, das der Plattenmarkt zu bieten hat, hinein und machen neugierig auf den einen oder anderen Ohrenschmaus. In unserer Musikkolumne besprechen wir, was uns auf die Ohren kommt. Hier die Alben aus dem Mai.


26.05. “Longshot” von Passafire

Von Mariana Friedrich

Das Wetter stimmt, die Grillparty ist organisiert, es fehlt nur noch der richtige Sound für den Sommer? Auf meiner Playlist stehen seit einigen Tagen Passafire ganz weit oben. Deren neues Album “Longshot” ist nämlich genau das Richtige, um Summerfeeling aufkommen zu lassen.

Wer jetzt gleich denkt, Passafire – Reggae – näh, sollte den Amerikanern wenigstens eine Chance geben. “Longshot” ist nämlich um einiges poppiger, als ich erwartet hätte. Trotzdem ist keiner der 12 Songs flach oder eintönig, wie der Sommerhit-Kram der meisten Pop-Sternchen. “Growing Up”, der erste Song der Platte, steigt gleich mit einem starken Statement ein: “Erwachsen werden ist überbewertet – je mehr ich das mache, umso mehr hasse ich es.” Das dürfte vielen Abiturienten gerade aus der Seele sprechen. Noch dazu ist der Titel sowas von tanzbar und strahlt reine Lebensfreude, Sommer, Strand und Lagerfeuer aus.

Die Themen des Albums beschäftigen sich mit persönlichen Krisen, der Suche nach Wahrheiten, gebrochenen Herzen und Überwindung – Klassiker. Passafire klingen dabei aber eben nicht wie jeder dritte Singer-Songwirter, die Jan Böhmermann kürzlich mit “Menschen, Leben, Tanzen, Welt” so schön auf die Schippe genommen hat.

“Longshot” ist durchgehend rockig, melodisch, direkt und definitiv Festivalmaterial.


26.05. “Unbesiegt” von den Wilden Jungs

Von Daniel Beise

Die „Wilden Jungs“ aus Fulda sind zurück mit ihrem fünften Album – allein das pathetische Cover von „Unbesiegt“ – eine antike Statur in Siegerpose reckt ihr Schwert in die Lüfte – macht klar: Die Deutschrocker preschen nach ihrem Fast-Zusammenbruch 2014 wieder vor in die Szene. In bekannter Manier, mit unverändertem Tempo und alter Kraft.

Musikalisch und textlich zwar nicht überaus originell, versetzen aber die flotten Punkrock-Sounds der einen Hälfte der Tracks die Beine in Bewegung, die andere Hälfte sind typische Mitgröl-Rocksongs, aber bei den Fans funktioniert’s. Es verwundert nicht, dass die Band nach dem Wiederaufrappeln viel über sich selbst singt. Aber „Atmet die Gewalt, die dir in die Fresse knallt“ kommt dann schon etwas plump und selbstüberhöht daher, wenn die fünf Rocker ihre Musik mit einem tosenden Tsunami vergleichen.

Immerhin kriegen die Wilden Jungs mit „Hip Hip Hurra – wir feiern und verblöden“ noch mal die Kurve, indem sie kritisieren, welchen fragwürdigen VIPs wir inzwischen, ohne es zu hinterfragen, hinterhereifern. „Unbesiegt“ ist eine solide Scheibe der Fuldaer Musiker – wer auf eingängigen Deutschrock zum Mitgrölen und Springen steht, ist hier richtig.


05.05. “Alteration” von An Early Cascade

Von Sophia Reddig

Sechs Jahre haben sich die fünf Jungs von An Early Cascade Zeit gelassen, nun ist ihr zweites Studioalbum endlich da: „Alteration“ (Kick The Flame (Broken Silence)) begeistert mit energiegeladenen Riffs, feinsten Breakdowns und Melodien, die schnell den Weg ins Ohr finden – und dort bleiben.

„Alteration“ bedeutet Veränderung. Und genau das ist auf dem zweiten Album von An Early Cascade zu hören. Nicht nur weil das erste Album der Stuttgarter bereits so lange zurückliegt und die Band in der Zwischenzeit einige Besetzungswechsel mitgemacht hat. Die zwölf Lieder selbst sind geprägt vom Wandel.

Auf harte, treibende Parts folgen im direkten Kontrast leise Töne – und dann wieder ein musikalischer Paukenschlag. “Alteration” klingt düster, emotional und energiegeladen. Das verschreckt den 08/15-Radiohörer, der sich in den Charts zuhause fühlt, wahrscheinlich eher. Denjenige, der schon längst aus dem faden Wasser eines Flusses namens Mainstream gestiegen ist, wird aber genau diese Spannung hellhörig werden lassen.

Nicht nur musikalisch zieht sich dieses Thema als roter Faden durch das Album. Textlich handeln die Songs von Veränderungen: In der Welt, in zwischenmenschlichen Beziehungen, in sich selbst. Mal gesungen, mal geschrien bahnen sich die Worte den Weg ins Ohr. Sänger Maik hat keine Angst vor hohen Tönen – und das muss er auch nicht, wie er beispielsweise in „All I Need“ beweist. Heraus kommen Melodien, die gut mitsingbar sind, ohne abgedroschen oder vorhersehbar zu wirken. Besonders „Narrow“ und „Living In Exile“ bleiben schnell im Kopf.

Fazit: Egal, ob der Hörer lieber zu harten Liedern moshen will, zu melodiösen Indie-Stücken mitwippen oder in voller Stille den Lyrics lauschen will: Auf „Alteration“ ist für jeden etwas dabei.

Ein ausführliches Interview mit An Early Cascade liest du übrigens am Samstag in unserer Themenwelt Kultur.

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