Selbstverwaltete Jugendzentren und soziokulturelle Räume müssen vielerorts ums Überleben kämpfen – insbesondere in ländlichen Gebieten. Aber auch in Fulda: Die Entwicklungen um die L14, die wir medial intensiv begleitet haben in den vergangenen drei Jahren, dürfte inzwischen den meisten hier bekannt sein. Eine neue Konzertlocation gibt es bis heute nicht. Ein Künstler, der das Problem der Jugendhäuser sichtbar machen will, ist Heinz Ratz. Eine Millionen Euro möchte er bis Ende des Jahres sammeln. Vor allem von Rechts stünden diese bunten Orte unter Druck, sagt der 50-Jährige im Interview. Am Sonntag spielt er mit seiner Band Strom und Wasser sowie Musikerin Cynthia Nikschas im Kulturkeller, um auch hier Spenden für Jugendzentren zu sammeln. Unterstützt wird das Konzert vom Verein Fulda stellt sich quer. 100 Konzerte in 100 Städten – und am Schluss wollt ihr eine Millionen Euro für soziokulturelle Zentren und selbstverwaltete Jugendhäuser zusammen haben. Warum gerade für Jugendzentren?

Wir machen schon lange politische Arbeit, und ich habe mir überlegt, was man nachhaltig gegen Rechtspopulismus machen kann. Wirklich sinnvolle Arbeit gegen Rechts wird zumindest in ländlichen Gebieten vor allem von selbstverwalteten Jugendhäusern gemacht. Deswegen sind diese Orte für Rechtspopulisten sehr unangenehm. Da, wo sie bereits in den Landtagen sitzen, versuchen sie, die Jugendzentren zuzumachen. Indem sie Fördergelder für Sozialarbeiter streichen wollen, Brandschutzbestimmungen ausbuchten. Oder von der AfD kommen dann Misstrauensanträge, die behaupten, diese bunt bemalten Häuser seien alles linksextremistische Zellen. Wenn in einer Kleinstadt so ein Ding erst mal zu ist, macht das so schnell nicht wieder auf. Dann überlässt man die Kulturlandschaft den Rechten. Weil dieses Jahr Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg sind und sich hier hohe Ergebnisse für die AfD abzeichnen, haben wir uns diese Bundesländer für Spenden ausgesucht.

Kommt der Druck da immer von Rechts? Oder gibt es auch andere Gründe für das Wegsterben von Jugendzentren?

Ja, klar. Ein Grund ist natürlich auch, dass die Jugend aus ländlichen Gebieten abwandert. Aber wenn man den Verbliebenen dann noch die Möglichkeit für Konzerte, für Graffiti-Kunst, für ein Zusammenkommen nimmt, gehen noch mehr – und die, die bleiben, werden immer frustrierter. Wenn es dann nur eine Stadthalle oder ein Bürgerhaus gibt, wo das Polizei-Blasorchester spielt und sonst nix, kann man erahnen, welche Dimension so eine Schließung für die Jugend hat.

Tretet ihr auf eurer Tour primär in solchen Zentren auf?

Nein, eigentlich nicht. Wir spielen vor allem in etablierteren Kulturzentren, weil wir ja die Gelder nicht in erster Linie bei der Jugend oder der linken Szene akquirieren wollen, sondern bei den Bürgerlichen. Ich versuche, da zu spielen, wo eben noch keine Aufmerksamkeit für das Problem ist und wo die Spendenmöglichkeit höher ist.

Wie erfolgreich wart ihr damit bisher?

Wir haben bisher 40.000 Euro gesammelt – mit nur acht Konzerten. Je länger es läuft, desto mehr Dinge gehen. Zum Beispiel wird die weltbekannte Blue Men Group ab Juni auf all ihren Konzerten für uns sammeln. Ich schätze, dass wir im Sommer bei rund 250.000 Euro liegen und Ende des Jahres nah an die Millionen kommen.Was ist “Eine Millionen gegen Rechts”?

“Seit über 30 Jahren bin ich nun, wie Tausende andere Musiker und Bands auch, auf den Bühnen der soziokulturellen Zentren und selbstverwalteten Jugendhäuser unterwegs.
Orte der Weltoffenheit, basisdemokratisch, tolerant, jung und fernab vom Mainstream; immer bereit, ein Zuhause für diejenigen zu sein, die es sonst schwer haben in der Gesellschaft. Diese Orte sind bedroht und brauchen unsere Unterstützung.”

So schreibt es Musiker Heinz Ratz auf der Seite seiner Band Strom und Wasser. Erst Anfang März berichtet die taz über eine Reihe von Brandanschlägen auf solche Zentren im Rhein-Main-Gebiet und analysiert, warum diese Locations gerade den Rechten zuwiderlaufen.

100 Konzerte in 100 Städten

Schon 2017 gab Heinz Ratz 165 kostenlose Konzerte in “politisch schwierigen Regionen”, um das Büro für Offensivkultur zu promoten, das er ein Jahr zuvor mit Liedermacher Konstantin Wecker gründete. Das Büro ist ein künstlerisches Netzwerk, eine “Art musikalische Eingreiftruppe”, die dort ein unbürokratisches, alternatives und flexibles Kulturangebot schaffen will, wo es bedroht oder bereits zerfallen ist – aus welchen Gründen auch immer.

Nun ist die Tour “Eine Millionen gegen Rechts” von Strom und Wasser angelaufen; mit 100 Konzerten in 100 Städten möchte Bandchef Heinz Ratz bis Ende des Jahres eine Millionen Euro sammeln, um das Geld Jugendzentren und alternativen Kulturräumen zu spenden. “Neben den abendlichen Konzerteinnahmen bitten wir auch Unternehmen, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Banken und die Stadt selbst um Unterstützung”, schreiben sie auf ihrer Seite.video link=”https://www.youtube.com/watch?v=HYBAXU0wbVo”]Warum habt ihr euch auch Fulda für die Tour ausgesucht? 

Wir wissen, dass Fulda durchaus manchmal ein wenig in Bedrängnis ist von Rechts – wie kürzlich zum Beispiel durch den Dritten Weg oder als AfD-Hochburg. Und mit den aktiven Leuten von Fulda stellt sich quer und den engagierten Veranstaltern vom Kreuz wie Wowo (Wolfgang Wortmann, Anm. d. Red.) haben wir hier gute Partner, die das unterstützen. 

Was ist das Tolle, das Einzigartige an selbstverwalteten Jugendzentren? 

Dort herrscht die Weltanschauung, die den Rechten am meisten entgegensteht. Weil das einfach sehr jung, sehr beweglich, sehr weltoffen ist und die Dinge da basisdemokratisch laufen. Als Musiker finde ich das unschätzbar, weil das die Orte sind, wo man als unbekannte Band startet, wo man für einen Kasten Bier spielt und nicht so den Druck hat, dass Gelder eingespielt werden müssen. Die meisten bekannten Bands haben irgendwann mal in irgendwelchen Jugendzentren angefangen. 

Was kann die Politik konkret tun, um diese Zentren zu unterstützen? 

Diese Häuser kriegen meistens kein Geld, müssen sich selbst finanzieren, da steckt wahnsinnig viel ehrenamtliche Arbeit drin. Vielleicht ein, zwei Jugendsozialarbeiter gibt es noch, die bezahlt werden. Wenn dann wie gesagt die AfD versucht, Fördergelder einzufrieren oder Brandschutzauflagen auszubuchten, kann eine Stadt schon sagen: Nee, die Sozialarbeiter werden jetzt weiterbezahlt und wenn der Brandschutz wirklich aufgebessert werden muss, helfen wir. Es geht doch nicht, dass was weiß ich wie viele Milliarden in ein Prestigeobjekt wie die Elbphilharmonie gesteckt werden, und die Jugend kriegt nix ab. Es ist einfach eine sehr sinnvolle Arbeit, Jugendzentren zu unterstützen, damit die Jugendlichen merken: Da ist jemand da, und wir sind denen nicht scheißegal. Für die etablierten demokratischen Parteien ist das eigentlich ein Muss. 

Du warst eine Zeit lang mit einer schottischen Band auf Tour durch Deutschland, die sehr begeistert war von diesen jungen Locations. Ist das etwas typisch Deutsches? 

In Großbritannien gibt’s sie in dieser Form, aber viel, viel seltener; oft sind das dort alternative Kommunen, aus denen das dann entwächst. Es gibt sie schon auch in anderen mitteleuropäischen Ländern wie der Schweiz und Österreich zum Beispiel, aber eben nicht in dieser Menge. Viele Bands aus den USA oder Südamerika spielen hier in Deutschland nicht nur in etablierten Klubs, sondern oft auch in solchen Jugendzentren. Gerade die lateinamerikanischen Skabands spielen die Jugendhäuser rauf und runter, weil sie das nicht kennen. Hier verdienen sie sich zwar keine goldenen Nase, aber es ist einfach niedrigschwellig möglich.

Du hast ja schon ein paar solcher Aktionen gemacht, bist 1000 Kilometer für Obdachlose gelaufen, 800 Kilometer für den Artenschutz geschwommen oder 7000 Kilometer für Flüchtlinge geradelt. Woher kommt dein Enthusiasmus, Kunst und politischen Aktivismus so öffentlichkeitswirksam zu verknüpfen?

Es kommt daher, dass es mich nervös macht, wie die Dinge sich entwickeln und wie wenig Leute sich eigentlich dagegenstemmen. Es sind schon einige, aber viele tun’s eben auch nicht. Das ist auch eine Frage der Selbstachtung. Wenn ich erkenne, irgendwas läuft schief, will ich wenigstens versuchen, einen Beitrag dagegen zu leisten. Die zweite Hoffnung, die damit verbunden ist: Ich kann vielleicht Menschen, die schon resigniert sind und sich fragen, was sie als Einzelner schon tun können, zeigen: Nee, man kann auch alleine was machen – wenn du eine Idee und Energie hast und anfängst, was zu machen, dann kommen andere dazu und helfen dir. Dann wird das schon irgendwie. Solange ich noch die Energie habe, möchte ich mich einmischen.

Bekommst du Energie auch zurück? Von den Leuten, die du bewegst?

Naja, wenn man etwas tut, von dem man überzeugt ist, kann man viel mehr aushalten und empfindet Belastung gar nicht so. Das wäre viel schwieriger, wenn ich jetzt jeden Tag ins Büro zu meinem schlecht gelaunten Chef gehen würde. Der Mensch ist gemacht, um zu agieren, zu schaffen, etwas weiterzubringen. Das ist eine urmenschliche Kraft, und das gibt dir natürlich Energie zurück. Außerdem habe ich das große Glück, dadurch viele spannende aktive Mitmenschen kennenzulernen.

Wer ist Heinz Ratz?

Der Musiker und Schriftsteller Heinz Ratz war schon in früher Jugend ein Weltenbummler – allerdings bedingt durch viele Umzüge der Eltern. Unter anderem lebte er in Spanien, Peru, Saudi-Arabien, Jordanien, der Schweiz, Argentinien und mehreren Orten in Deutschland. Nach dem Abbruch der Schule in der zwölften Klasse und der Verweigerung des Wehr- und Zivildienstes lebte er ein Jahr lang auf der Straße und versuchte, sich als Straßenkünstler, Übersetzer und mit freien Theatergruppen über Wasser zu halten. Die Geburt seines Kindes bewegte ihn, seine Kunst geldbringender zu vermarkten.

Integrationsmedaille der Bundesregierung

2002 gründete er die Band Strom und Wasser, die sich durch wechselnde Besetzungen und eine hohe Bandbreite auszeichnet – ein wilder Mix aus Ska, Polka, Punk, Walzer, Rock und vielem mehr. 2008 initiierte der 50-Jährige den Moralischen Thriathlon – eine öffentlichkeitswirksame Kunstaktion für soziale Zwecke: Mit dem “Lauf gegen die Kälte” sammelte er für Obdachlosen-Organisationen, “Die Lee(h)re der Flüsse” war eine Schwimmaktion in großen deutschen Flüssen, um für Artenschutz zu werben, und “Die Tour der 1000 Brücken” war eine Radtour samt Konzerten, auf denen er Flüchtlinge zu Mitmachen motivierte, um für einen respektvollen Umgang zu werben. Alle Spenden gingen an die Hilfsorganisation Pro Asyl.

Während dieser letzten Tour lernte er viele Menschen kennen, die in ihrer Herkunftsländern berühmte Musiker waren, woraus wiederum eine weitere Tour samt Album-Produktion erwuchs, auf der er von diesen Musikern trotz vieler bürokratischer Hürden begleitet wurde: Strom und Wasser feat. The Refugees. Die Aktion wurde von vielen großen Medien aufgegriffen, sodass auch die Politik reagierte und ihm 2012 die Integrationsmedaille der Bundesregierung verlieh – was wiederum zu internationaler Bekanntheit führte.

Schließlich organisierte Heinz Ratz 2014 noch eine Tour mit geflüchteten Frauen, da er die Männerlastigkeit bei der Tour zuvor bedauerte und auf das besondere Leid der Frauen aufmerksam machen wollte, die oft alleine mit ihren Kindern fliehen mussten.

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