Mit Peer Gynt entfloh das Publikum der Bad Hersfelder Festspiele in der Inszenierung des Ibsen-Klassikers am Wochenende der Realität. Wie die Festspiele den “Faust des Nordens” in die Neuzeit holen, haben wir uns angesehen. 

Ein Text von Bernd Loskant

Goethes „Faust“ hat fast jeder in der Schule gelesen. Aber schon mal von „Peer Gynt“ aus der Feder des norwegischen Schriftstellers Henrik Ibsen gehört? Das Stück wird auch „Faust des Nordens“ genannt, weil es auch hier um einen Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens geht. Die Bad Hersfelder Festspiele wurden am Wochenende mit der Inszenierung des 142 Jahre alten Stückes eröffnet. Aber keine Sorge: Den Mief des 19. Jahrhunderts hat Regisseur Robert Schuster dem nordischen Klassiker ausgetrieben. Die Geschichte des Bauernsohns, der ein Lügengerüst aufbaut, um in einer Traumwelt der Realität zu entfliehen, spielt in der Neuzeit.

„Alle mal aufstehen und mitlaufen!“

Am Anfang sieht es noch nach einem lustigen Theaterabend aus: „Alle mal aufstehen und mitlaufen!“, verkündet Dr. Begriffenfeld, die Leiterin der Irrenanstalt auf der Bühne, die gerade eine Fitnesseinheit für die Insassen gestartet hat, in Richtung Publikum. Mehr oder weniger entgeistert stehen die Premierengäste auf und stampfen ein paar Sekunden vor ihren Sitzen hin und her. Doch der Belustigung folgt bei vielen Ratlosigkeit: Peer Gynt, der angeblich größte Träumer der Weltliteratur, springt durch Raum und Zeit und wird zu einem schwer fassbaren Mysterium, dessen Geschichte man nur schwer folgen kann.

Das Originalstück wird von Regisseur Schuster dekonstruiert und völlig neu konstruiert. Der Hersfelder „Peer Gynt“ ist Theater im Stile abstrakter Gemälde oder Skulpturen: Man braucht einen Zugang, muss konzentriert zuschauen und kann viel hineininterpretieren. Technisch ist die Inszenierung eine Meisterleistung. Aus den Videowänden springen immer wieder die Schauspieler hervor, die die Filmszenen in der Realität fortsetzen. Hauptdarsteller Christian Nickel bewegt sich mit Videokamera auf der Bühne, und die Bilder werden direkt auf die Riesenleinwände übertragen. Und in die virtuelle Welt begibt sich der Protagonist standesgemäß mit VR-Brille.

Bad Hersfelder Festspiele, Peer Gynth
Foto: Swen Pförtner/dpa

Modernes Theater

Apropos virtuelle Welten: „Peer Gynt“, der in seiner Scheinwelt in der Originalversion von Ibsen in der norwegischen Bergwelt auf den Trollkönig und seine Tochter trifft, hat es in der 2018-er Version mit Trollen und Fake News zu tun, die ihm im Internet begegnen. Die Sprache ist, wie in der Realität, manchmal derb: „Geklickt ist gefickt!“ Und auf „kiffen“ reimt sich „schiffen“. Modernes Theater eben.

Ebenfalls hochaktuell die Szene mit Solveig, Peers großer Liebe. Sie ist in Bad Hersfeld eine geflüchtete Afghanin, die übers Meer kommt – und plötzlich vor Peer steht. Was der unvorbereitete Zuschauer nicht weiß: Leena Alam, die Solveig spielt, ist eine prominente Schauspielerin und Frauenrechtlerin aus Afghanistan, die in zahlreichen Filmen mitgespielt und ihren Einsatz für Freiheit und Menschenrechte fast mit dem Leben bezahlt hat. Als sich am 11. Dezember 2014 in Kabul bei der Premiere eines Theaterstücks, in dem es um Selbstmordattentate geht, ein 17-Jähriger in die Luft sprengte, saß sie im Publikum. Von der Geschichte handelt auch der Dokumentarfilm „True Warriors“.

So ist es mit Peer Gynt wie so oft in der Kunst: Vieles erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Auch das Ende lässt allerlei Spielraum für Interpretation.

Und was läuft noch bei den Bad Hersfelder Festspielen?

Wem das alles zu kompliziert ist, wer lieber einen unbeschwerten Theaterabend verbringen will, hat dieses Jahr in Bad Hersfeld eine Reihe andere Möglichkeiten. Gezeigt werden:

  • „Shakespeare in Love“: 20. Juli bis 1. September
  • „Hair“: 3. August bis 2. September
  • „Titanic“: 13. Bis 29. Juli
  • „Indien“:28. Juli bis 21. August
  • „Der alte Mann und das Meer“: 26. August bis 1. September
  • „Lenas Geheimnis“:16. Bis 21. August

Tickets und Infos gibt es auf bad-hersfelder-festspiele.de.

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