Die Gefahr ist immer in der Hand: Weil eine 14-Jährige nicht auf ihr Handy in der Badewanne verzichten wollte, starb sie, als es ins Wasser fiel. Doch das sind nicht die einzigen Gefahren, denen Smartphone-Nutzer ausgesetzt sind – seit 2014 starben 49 Menschen beim Versuch, ein Selfie zu machen. Ist das Smartphone bereits zu einem siamesischen Zwilling geworden, der immer und überall ohne Widerstand unsere Aufmerksamkeit bekommt und uns mitunter in gefährliche Situationen manövriert?

Ein Text von Markus Weißmüller

In Moskau fand am 13. Februar eine Mutter ihre Tochter tot in der Badewanne. Sie kam durch einen Stromschlag ums Leben, weil ihr das am Ladekabel hängende iPhone 4 ins Wasser gefallen war. In der Regel fliegen die Sicherungen raus, wenn zum Beispiel der Fön unter Wasser getaucht wird, eine Restgefahr bleibt aber bestehen. Ähnlich ist das natürlich auch bei anderen Geräten, die in der Steckdose stecken. „Denn dabei entstehen elektrische Spannungen bis zu 60 Volt“, warnt die Giftzentrale der Universität Bonn auf der Website t-online. Schon mehrfach kam es auf diese Weise zu Todesfällen. In der Großstadt Tjumen in Westsibirien starb 2015 ein 17-Jähriger, nachdem sein iPad ins Badewasser fiel, welches ebenfalls an ein Ladegerät angeschlossen war. Ist das Handy nicht an der Steckdose, kann es auch zu einem Stromschlag kommen, dieser ist aber in der Regel nicht tödlich.


Ablenkung ist überall

 

Aber warum kann man sich in der Wanne nicht einfach ohne jegliche digitale Ablenkung zurücklehnen und entspannen? Die Versuchung ist scheinbar zu groß: Sei es ein Post bei Facebook, eine Gruppennachricht in Whatsapp, das Füttern des Esels beim Browsergame Farmville oder ein mögliches Match bei Tinder – man könnte ja was verpassen.

Alle 18 Minuten Unterbrechung

„Man sieht sofort, dass das Handy seinen ursprünglichen Zweck verloren hat – das Telefonieren“, sagt Entwickler und Junior-Professor der Uni Bonn Alexander Markowetz (38) gegenüber dem Onlineportal nordbayern.de. Gerade einmal zehn Minuten täglich würden wir unser Smartphone dafür nutzen. Eine neue App namens „Menthal“ soll nun mehr Durchblick über Dauer, Zweck und Anzahl der eigenen täglichen Handynutzung verschaffen. Eine Studie des App-Herstellers zeigte auf, dass jeder sein Handy im Schnitt 53-mal am Tag entsperrt. Durchschnittlich unterbrechen wir also unsere Tätigkeit alle 18 Minuten für unseren siamesischen Zwilling. Außer der permanenten Ablenkung ist der Griff zum Smartphone aber erst mal nicht weiter tragisch. Wirklich gefährlich scheint – neben der Gefahr in Badewannen – erst die Kombination von einem Selfie und einem möglichst spektakulären Ort zu sein.


49 Tote seit 2014

 

Eine 15-jährige Schülerin kletterte im Juni 2015 in Magstadt in Baden-Württemberg für ein spektakuläres Foto auf ein Glasdach. Es brach ein und sie stürzte sechs Meter tief. Im August 2015 fiel ein Ehepaar in Portugal vor den Augen seiner fünf und sechs Jahre alten Kinder die Klippen herunter. Laut Priceonomics gab es seit 2014 insgesamt 49 Selfie-Tote: Während 16 von einer Erhöhung stürzten und 14 ertranken, wurden 8 vom Zug überfahren, 4 erschossen sich mit einer Pistole. Der Großteil davon, 40 Prozent um genau zu sein, verunglückte in Indien (19 Tote). Auf Platz zwei liegt Russland mit 7 Toten, Dritter sind die USA mit 5. Dahinter Spanien (4), Portugal (4) und die Philippinen (2). Mehr als 70 Prozent waren übrigens männlich (36 gegenüber 13 Frauen). Und Deutschland? Zum Glück null.


Was tun gegen die Gefahr?

In China wurde unlängst der „Mobile Phone Sidewalk“ eingeführt. Eine weiße Linie auf dem Bürgersteig hilft den Leuten bei der Orientierung in der Stadt, um Unfälle während der Nutzung des Handys zu verringern. Ob das nun die Lösung ist oder noch mehr dazu anregt, das Smartphone rauszuholen, ist eine andere Frage. Wobei dieser simple Strich vielleicht hätte verhindern können, dass eine Chinesin ertrinkt. Denn während die 28-Jährige auf ihre Handy starrte, stolperte sie und fiel dabei in einen Fluss.

Auch in Russland wird man mit der Kampagne „Safe Life“ unter dem Motto „Eine Millionen Likes in den sozialen Medien sind es nicht wert, dein Leben zu riskieren“ aktiv. Mit vielen verschiedenen Verbotsschildern versucht man, die Selfie-Macher vor riskanten Selbstporträts zu warnen. So sitzt beispielsweise ein Männchen auf einem Strommast, während ein anderes mit einer Waffe posiert.

Wissenschaft hat Phänomen bereits unter die Lupe genommen

Ob nun in der Badewanne oder auf dem Berg – eine Studie der Stanford Universität zeigt: Multitasking ist gefährlich. Auch Psychologie-Professor Ira Hyman von der Western Washington University hat mit seinen Studenten festgestellt, dass sich telefonierende Fußgänger langsamer und desorientierter bewegen. Einschnitte in der Wahrnehmung der Umwelt sind also wissenschaftlich bewiesen.

Nun liegt es an uns, dem siamesischen Zwilling zu zeigen, wer wen unter Kontrolle hat. Sich auf eine einzige Sache konzentrieren zu können, ist die große Herausforderung. Dabei ist es doch viel schöner, das Handy mal beiseite zu legen und die Welt so wahrzunehmen, wie man das noch in den 90ern gemacht hat.

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