Fachoberschule vs. berufliche Gymnasien – wo geht der Trend hin? Die Richard-Müller-Schule hatte dieses Jahr statt der üblichen 100 Abiturienten nur 80, die Ferdinand-Braun-Schule eine ganze Klasse weniger als in den Vorjahren. Aber sinken die Zahlen wirklich? Oder hängt das einfach nur mit dem demografischen Wandel zusammen? Oder mit G8? Wir haben mit Claudia Hümmler-Hille, Direktorin der Richard-Müller-Schule, über Berufsgymnasien und ihre Zukunft gesprochen. Die Schule feiert dieses Jahr mit ihrem Wirtschaftsgymnasium 50-jähriges Jubiläum.

Warum sinken die Zahlen der Abiturienten an den beruflichen Gymnasien?

Das ist immer eine Frage der Interpretation. In meinen Augen sinken die Zahlen bei uns eigentlich nicht. Natürlich gibt es Höhen und Tiefen, aber das Wirtschaftsgymnasium ist eine Erfolgsstory. Wir hatten bis in die 90-er Jahre nur zwei Klassen im Jahrgang, und jetzt hat sich das auf vier Klassen oder mehr ziemlich stabil eingependelt. Natürlich hatten wir in der Zeit der Doppeljahrgänge, als G8 eingeführt wurde, einen Ausreißer nach oben, weil hier zwei Jahrgänge gleichzeitig in die Oberstufe katapultiert wurden. Außerdem hat es unmittelbar nach G8 bei uns einen Boom gegeben, weil das vielen Schülern in der Mittelstufe einfach zu viel war und sie sich nach der mittleren Reife gesagt haben, wir gehen jetzt woanders hin – das berufliche Gymnasium ist ein reines Oberstufengymnasium, die Einsparung eines Jahrgangs findet in der Mittelstufe statt. Hier hatten die Schüler einen Neuanfang.

Wie haben Sie die Umstellung auf G8 erlebt?

Das war sehr stressig für viele Schüler. G8 ist meiner Meinung nach daran gescheitert, dass zu wenig aus den Lehrplänen rausgenommen und die Schüler eigentlich nur noch vollgestopft wurden. Es war keine Zeit mehr für Hobbies, und was wir vor allem gemerkt haben: Es hat sich in der verkürzten Zeit kaum noch Wissen bei den Schülern verankert.

Also wechselten vermehrt Schüler zu Ihnen oder den anderen beruflichen Gymnasien. Dennoch hatten Sie dieses Jahr statt der üblichen 100 Abiturienten 80 – ist das kein Rückgang?

Von den reinen Zahlen her schon, aber wir stellen zwei Dinge fest: Zum einen haben wir im ganzen Landkreis leicht zurückgehende Schülerzahlen, die ganz banal auch der demografischen Entwicklung geschuldet sind. Zum anderen halten die Gymnasien heute eher ihre Schüler – also wo es hier in der Vergangenheit eher ums Fordern ging, entdecken die Gymnasien heute vielmehr das Fördern. Zudem haben nahezu alle Gymnasien im Schuljahr 2014/15 wieder G9 eingeführt. Da ist der Wunsch bei den Schülern vermutlich nicht mehr so groß, zu wechseln. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das ein Trend ist, der anhält. Und es liegt auch meines Erachtens nicht daran, dass die Schulform unattraktiv geworden ist, sonst hätten wir keine vier Klassen im Jahrgang.

Die vier beruflichen Gymnasien in Fulda haben ja auch einiges zu bieten. Welche Vorteile haben sie denn gegenüber einem allgemeinbildenden Gymnasium?

Ja, in Fulda sind wir durch die enge Zusammenarbeit mit den anderen Beruflichen Gymnasien – also der Eduard-Stieler-Schule und Ferdinand-Braun-Schule – sehr gut aufgestellt. Dass man zum Beispiel an einem Wirtschaftsgymnasium einen Physik-Leistungskurs belegen kann, gibt es, glaube ich, nirgends in Hessen. Mit dieser Schulform bekommen die Schüler Inhalte vermittelt, die für sie später im Studium und im Beruf von Vorteil sind – vor allem, wenn sie ihrer Fachrichtung treu bleiben. Aber auch zum Beispiel einem Arzt schaden betriebswirtschaftliche Kenntnisse nicht. Und bei uns sind es gefühlt schon 60 bis 70 Prozent, die den wirtschaftlichen Weg beibehalten. So können sich die Schüler zudem früher orientieren; wir haben auch viele, die hier raus gehen und wissen: Das wollen sie nicht machen. Auch das kann man als Erfolg sehen. Darüber hinaus liefert ein berufliches Gymnasium ein Doppelqualifizierung: also die berufliche und die allgemeine Bildung.

Der Trend geht seit Jahren auch in Richtung Fachoberschule (FOS) mit anschließendem Studium an einer Fachhochschule, mittlerweile kann man mit diesem Abschluss sogar einige Studiengänge an Unis belegen – Warum sollte man aufs berufliche Gymnasium, wenn man mit der FOS ein Jahr früher mit dem Studium loslegen kann?

Zunächst erwirbt man auf dem Gymnasium die allgemeine Hochschulreife und auf der FOS die allgemeine Fachhochschulreife – da stellt sich die Frage, wo man hin möchte. Diejenigen, die nach dem Besuch auf unserem Wirtschaftsgymnasium beispielsweise BWL oder internationales Management studieren, haben natürlich schon einen Vorteil gegenüber den Absolventen von allgemeinbildenden Gymnasien, weil sie schon mal in ihre Materie reingeschnuppert haben – sei es jetzt als FOS-Absolvent oder Abiturient. Aber mit dem reinen wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni tun sich FOS-Absolventen schon eher schwer. Die Fachhochschulreife ist für die Jugendlichen gut, die ziemlich genau wissen, welche Fachrichtung die richtige für sie ist und die das etwas pragmatischer angehen. Dann ist das ein toller Weg.

Zum nächsten Jahr wird das neue Fach Wirtschaftsphilosophie bei Ihnen angeboten – was versprechen Sie sich davon?

Wenn man die Nachrichten verfolgt, merkt man, dass beispielsweise die Bankenkrise noch nicht ausgestanden ist. Seit 2008 geht das immer so weiter, die Kleinanleger verlieren weiter ihr Geld, während der Eindruck entsteht, dass das Kapital, dass Großkonzerne alles nur keine gesellschaftlichen und ethischen Pflichten haben. Es geht weiterhin nur um Kapitalmaximierung, und die Menschen bleiben auf der Strecke. Da ist dieses Fach natürlich hochaktuell, um wieder eine Werteorientierung in die wirtschaftliche Bildung und Praxis reinzubringen. Auch an den Unis zeigt sich das, seit einigen Jahren werden hier mehr und mehr Lehrstühle für Wirtschaftsethik oder -philosophie eingerichtet. Ich glaube, das ist eine große Chance, darüber nachzudenken, nicht mehr nur reine und kurzfristige Zahlen zu sehen und den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen.

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