Was für eine Mittelalter-Argumentation: In ihrer Youtube-Studie stellt eine deutsche Stiftung der Plattform ein mieses Zeugnis aus. Was ist aber mit den “alten” Medien? Auch sie gleichen in Summe einer Müllhalde! Ein Kommentar.

Youtube ist eine einzige Müllhalde. Die beliebtesten Inhalte sind zu großen Teilen Trash. So liest sich – überspitzt formuliert – das Fazit, das die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) in der Zusammenfassung ihrer Studie „Unboxing Youtube: Im Netzwerk der Profis und Profiteure“ zieht. Das Videoportal ist also ziemliches Teufelszeug – wenn es nach der Studie geht.

Natürlich ist so ein pauschales Urteil unangebracht. Und auch die OBS kommt nicht zu dem Schluss, dass die Plattform durch die Bank murks ist. Ob ihre Kritik an der Plattform in dieser Art und Weise angebracht ist, ist jedoch fraglich. Das legt der Blick auf andere Medien nahe.

Youtube: Alles nur Kommerz?

Ausgang der Studie ist folgende Fragestellung gewesen: Ist Youtube ein basisdemokratisches Medium zur kulturellen Selbstermächtigung oder eine durchkommerzialisierte Werbeplattform mit trivialen Inhalten? Die Studie kommt zu dem Ergebnis, „dass im Großen und Ganzen betrachtet beides gilt – allerdings mit einer deutlichen Tendenz zu letzterem“.

„Die große Mehrheit der Kanäle ist inhaltlich von anspruchsloser, oft sogar platter und stark emotionalisierter Unterhaltung geprägt und zudem von Produktwerbung durchzogen.“

So schlecht, so gut. Aber fällt Youtube damit gegenüber anderen Medien negativ auf?

Für ihre Studie haben die Autoren die 100 deutschen Youtube-Kanäle mit den meisten Abonnenten analysiert. Die großen Themen dort: Unterhaltung, Musik, Gaming sowie Beauty und Lifestyle. Politik und Wissen? Maximal am Rande irgendwo.

Top 100 Kanäle: Das läuft auf Youtube (Quelle: OBS)

Unterhaltung 33%
Musik 25%
Gaming 15%
Beauty & Lifestyle 10%
Politik und Wissen (im weitesten Sinne) 4%

Der “Müll” der “alten” Medien

Das ist allerdings kein Phänomen, das exklusiv Youtube betrifft. Dafür reicht ein kurzer Blick auf die Verkaufszahlen der Top 100 Publikumszeitschriften in Deutschland. Lediglich drei Nachrichtenmagazine – Der Spiegel, Stern und Focus – sind dort laut IVW zu finden – unter den Top 10 kein einziges. Es dominieren TV-Programm-Zeitschriften und Magazine, die sich mit Lifestyle oder den Gerüchten, die sich um die Schönen und Reichen ranken, beschäftigen. Bei den überregionalen Tageszeitungen sieht es nur unwesentlich besser aus. Dort dominiert die Boulevard-Zeitung „Bild“. Sie verkauft knapp doppelt so viele Exemplare wie die so genannte Qualitätspresse aus SZ, FAZ, Welt und Co.

Nun noch ein Blick auf das „alte“ Medium, auf das Youtube aufgrund seiner Formate den größten Druck ausübt: das lineare Fernsehen – also jenes ohne Mediatheken. Die höchsten Einschaltquoten krallen sich Jahr für Jahr Sportübertragungen und Krimis. Dann und wann packt es eine Nachrichtensendung in die Top 20. Das geht aus Auswertungen der AGF Videoforschung hervor.

Erfolglose “Funker”?

Warum sollte sich vor diesem Hintergrund ausgerechnet Youtube damit hervortun, dass Videos, die sich mit Politik und dergleichen beschäftigen, besonders häufig geklickt werden?

Am Ende der Zusammenfassung ihrer Studie geht die OBS noch auf die 65 „Funk“-Kanäle, die die öffentlich-rechtlichen Sender auf Youtube betreiben, ein. Mit ihnen versuchen diese Sender, das jüngere Publikum zu gewinnen und an sich zu binden. Geht es nach den Autoren der Studie, gelingt das den Öffentlich-Rechtlichen nicht sonderlich gut. „Die ‚Funker‘ erreichen im Durchschnitt ein Zehntel bis ein Viertel der Top-100-Kanäle, deren Abonnentenzahlen zwischen einer und sechs Millionen liegen“, schreiben sie. „Es sieht nicht so aus, als ob sie mit ihren Inhalten auf Youtube jemals bis ganz nach oben vordringen können.“

Ja, meine Güte! Auch in anderen Medien habe es Inhalte umso schwerer, je informativer sie sind. Viele Menschen konsumieren Medien eben, um sich unterhalten zu lassen, um abzuschalten. Die großen, investigativen Dokus und Reportagen, die Meisterwerke des Journalismus, die aufrüttelnden Kommentare, die Inhalte, die unsere Demokratie – vorgeblich – am Leben halten sind eben Nische, wenn sie nicht boulevardesk, reißerisch und dementsprechend nicht immer zu 100 Prozent wahrheitsgetreu gestaltet sind.

Schon der Buchdruck sorgte für Skepsis

Die Öffentlich-Rechtlichen haben das schon lange erkannt. Die „schwere Kost“ läuft in der Regel in den späten Abendstunden oder auf einem der zig Spartensender, während sie in den Mediatheken permanent abrufbar sind. Youtube ist also kein Einzelfall, wenn es „triviale“ Inhalte prominenter präsentiert als fundierte Sachinformationen.

Die ganze Diskussion um Youtube im Speziellen und das Internet im Allgemeinen erinnert ein wenig an die Zeit der Erfindung und Etablierung des Buchdrucks. Damals befürchteten elitäre Personen, nun könne jeder seinen Schund verbreiten und jeder unwissende Depp ketzerische Schriften lesen.

Mit Blick auf die Gegenwart sehen wir: Die Menschheit ist heute so gut informiert wie nie – trotz Buchdruck und Internet. Dass sie sich bei einer Explosion der Anzahl an Informationen zunehmend auch mit schlechten Inhalten und Lügen auseinandersetzen muss, ist klar. Ein Argument für oder gegen ein bestimmtes Medium ist das allerdings nicht.

Leitbild der Otto-Brenner-Stiftung (Quelle: OBS)

Anspruch ist es, im Rahmen gezielter Projektförderung Arbeit und Wirken Otto Brenners, dem langjährigen Vorsitzenden der IG Metall, fortzuführen. Die Stiftung versteht sich als kritisches gesellschaftspolitisches Forum, das sich mit der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Europas auseinandersetzt. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Analyse Ostdeutschlands sowie der Länder Mittel- und Osteuropas.

Otto Brenners Vorstellungen von einem politisch und wirtschaftlich integrierten, sozial fortschrittlichen und demokratischen Europa haben bis heute nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Verändert haben sich allerdings die Rahmenbedingungen, unter denen diese Vision umzusetzen ist. EU-Erweiterung, Globalisierung und die Vermarktlichung öffentlicher Güter sind nur einige der vielzitierten „Megatrends“. Für die Stiftungsarbeit heißt das: Auch wenn die Ziele im Sinne Otto Brenners nach wie vor die gleichen sind, kann die Lösung der Probleme von heute nicht allein auf dem Wissen von gestern basieren.

Die Otto Brenner Stiftung will mit ihrer Arbeit dazu beitragen, die Kluft zwischen den neuen Herausforderungen und dem notwendigen Handlungswissen zu schließen. Bei der Umsetzung dieses Auftrages bleibt der von Otto Brenner aufgestellte Grundsatz, dass die Wirtschaft der Gesellschaft dienen solle und nicht umgekehrt, Leitmotiv.

Die Stiftung verfolgt das Ziel, sowohl grundlegende Konzepte zur Verwirklichung einer sozial integrativen Gesellschaft in die Diskussion einzuspeisen als auch Hilfestellung in ganz konkreten Sachfragen zu leisten. Dabei setzt die Stiftung auf den engen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Neues Wissen entsteht unter Beteiligung der handelnden und verantwortlichen Akteure – eine Ausrichtung, die nicht nur die Qualität, Akzeptanz und „Praxistauglichkeit“ der Ergebnisse erhöht, sondern gleichsam die Interessen der Betroffenen zu einem frühen Zeitpunkt berücksichtigt. Forschung ist für die Otto Brenner Stiftung kein Selbstzweck, sondern entspringt dem Bemühen, die (Arbeits-) Welt humaner und sozialer zu gestalten.

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QuelleScreenshot: Youtube
Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)