US-Sternchen Demi Lovato ist mit dem Leben davongekommen. Vor knapp zwei Wochen wurde die offen Drogensüchtige nach einer Überdosis in LA in eine Klinik eingewiesen, kündigt ihren Followern auf Instagram jetzt an, weiterkämpfen zu wollen. Die Sucht nach Heroin, Crystal Meth oder Ecstasy ist aber kein Glamour-Phänomen. Sie bestimmt den Alltag ganz normaler Menschen, auch hier. 

Meine Tochter und das Heroin

Hilfe, meine Tochter nimmt Heroin! Was kann ich tun? Lara ist gerade einmal 24. Andere sind in dem Alter mitten im Studium, genießen das Leben in vollen Zügen. Lara nicht. Sie lässt sich ihren Alltag von der Droge diktieren – Heroin. Sie verwahrlost, geht auf den Straßenstrich. Eine Härteprobe für die ganze Familie. Ihre Mutter lässt sie in der Ungewissheit zurück. Keiner weiß: Lebt Lara noch? Was ihre Mutter in dieser schweren Zeit erlebt, schreibt sie move36 in einem Brief. Auszüge haben wir veröffentlicht, vollständig zu lesen ist er in Ausgabe 47.

Heisenbergs Kunden

Auch Philipp kämpft gegen die Sucht. Bei ihm ist es Crystal Meth. Schnell wird der 24-Jährige polizeibekannt. Aber er schafft den Weg zurück in die Normalität. Wie, liest du in „Substanz Tod – Die Höllendroge Crystal Meta überschwemmt den deutschen Markt“. Die vollständige Story findest du in Ausgabe 38 von move36.

Liebes move36-Team,

ich bin die Mutter von Lara*, die Sie wegen Ihrer Drogensucht interviewt haben. Durch den Drogenkonsum von Lara habe ich viel mitbekommen, was in der Drogenszene in Fulda abläuft und vor allem wie groß und organisiert dies mittlerweile ist. Meiner Meinung nach wird dieses Problem in den nächsten Jahren noch wesentlich größer werden. Lara gab als Grund des Konsums Neugierde an, doch ich glaube, dass sie den wahren Grund (vielleicht auch unbewusst) nicht nennen wollte. Ein Mensch mit „gesundem“ Verstand würde es nicht so weit kommen lassen, wenn er „nur“ aus Neugierde probiert hätte.

Meiner Meinung nach spielen ganz oft viele Dinge zusammen, wenn jemand drogensüchtig wird. […]

Als Mutter habe ich die Schuld zuerst bei mir gesucht. Immer und immer wieder habe ich mich gefragt, was ich falsch gemacht habe. Ab und zu tue ich es sogar heute noch. Was folgt (und ich denke, dass dies fast alle Eltern machen), ist der Versuch, das Problem selbst zu lösen. Ich habe stundenlang versucht, mit Lara zu reden, um Zugang zu ihr zu bekommen, sie zur Drogenberatung geschleppt, sie in die Psychiatrie gebracht, auch zwangseinweisen lassen.

Bei der Polizei habe ich um Hilfe gebettelt, doch Lara war schon 18, und so wurde ich abgewiesen. Mit einem Foto bin ich nach Frankfurt und habe stundenlang in der Drogenszene nach ihr gesucht, in den dunkelsten Ecken. Man verausgabt sich bis zum Äußersten, bis man selbst fast zusammenbricht. Jedes Familienmitglied leidet unerträglich!

Lara hatte etliche Überdosen, oft klingelte nachts das Telefon, und Polizei und Krankenhaus teilten mir mit, dass sie auf der Intensivstation liegt. Dann fährt man dahin und sieht sein Kind am Beatmungsgerät liegen. Oft verwahrlost, ungewaschen, Ausschlag am ganzen Körper, die Füße offen und voller Blasen vom vielen Laufen, blutverschmiert und die Arme vom Spritzen zerstochen. Lara hat sich zeitweise in den Hals gespritzt, da alle Venen kaputt waren.

[…]

Sie hat sich nicht mehr zuhause gemeldet, und das war das Schlimmste. Diese Ungewissheit, wo sie ist, wo sie schläft, ob sie noch lebt. Lara hat zu der Zeit nämlich auch keinerlei Ausweispapiere mehr gehabt. Um irgendwie Kontakt zu bekommen, habe ich alle ihre Freunde aus Facebook angeschrieben, alle Telefonnummern angerufen, die ich irgendwann mal bei ihr gefunden hatte. Nichts – bis sich irgendwann einer ihrer Freier bei mir meldete und mir anbot, sie mit mir zusammen zu suchen. Was ein Irrsinn! Ich fuhr in die Großstädte und suchte den Strich ab, auf dem sich die Drogenabhängigen anbieten. Gefunden habe ich sie nicht. Aber alles ist besser, als zuhause zu sitzen und nichts zu tun.

Irgendwann rief sie spätabends aus Köln an. „Mama, kannst du mich holen, ich kann und will nicht mehr.” Also fuhr ich los und holte sie mitten in der Nacht in Köln am Dom ab, unter der Bedingung, dass sie Zuhause keine Drogen mehr nimmt, ansonsten würde sie wieder gehen müssen.

[…]

Man durchlebt die Hölle als naher Angehöriger! Mein ganzer Jahresurlaub ging für Lara drauf. Fahrten zu Entgiftungen, Therapien, Lara suchen, abholen usw. Manchmal habe ich das Heroin selbst gekauft, um Überbrückungszeiten zu überstehen, da man nicht einfach so von heute auf morgen in das Methadonprogramm kann. Meine Beziehung zu meinem damaligen Freund ging kaputt, da ich so in dieses ganze Geschehen verwickelt war und sonst keine Zeit und Nerven mehr für was anderes hatte. Man funktioniert eigentlich nur noch, sonst ist da nichts mehr. An den banalsten Unterhaltungen kann man nicht mehr teilnehmen, weil es einem unsinnig vorkommt, sich z. B. über das Wetter oder den „Tatort“ am Sonntag zu unterhalten.

[…]

Was ich damals am Anfang in Fulda vermisst habe, war die Hilfe für Angehörige. Es gab Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alkoholikern, aber speziell für Angehörige von Drogenabhängigen gab es nichts. Erst später erfuhr ich von einer Gruppe vom Kreuzbund, zu der ich dann auch ging. Dort fühlte ich mich zum ersten Mal richtig verstanden und war nicht alleine mit meinen Sorgen.

Ich weiß, dass viele Eltern und Angehörige sich aus Scham keine Hilfe holen. Das ist schade. Ich kann es nur jedem empfehlen, denn nur so sieht man, dass es wirklich viele mit dem gleichen Problem gibt und es nicht länger ein Tabuthema unserer Gesellschaft sein darf.

Warum ich Ihnen das Ganze jetzt geschrieben habe, kann ich nicht mal genau sagen. Vieles, vor allem noch schlimmere Einzelheiten habe ich noch nicht mal erwähnt. Weil Lara das auch nicht möchte. Vielleicht tue ich es, weil es endlich mal jemanden interessiert und darüber berichtet. Es ist höchste Zeit, dass die Öffentlichkeit vor allem auch in Fulda mehr über dieses Suchtproblem erfährt.

Viele Grüße,

eine heute wieder lebensfrohe Mama

… Den ganzen Brief inklusive der Schilderungen aus Laras Sicht liest du in Ausgabe 47 von move36.

Die Höllendroge Crystal Meth

„Die Bullen haben mich verfolgt – sie wussten ja, wer im Auto sitzt – und mich gestellt. Ich hab alles abgestritten, die gan- ze Zeit. Und das, obwohl ich voll drauf war. C und ein bisschen Ecstasy fanden sie dann in meinem Blut. Sehr viel C. Und bald kam der Gerichtsbeschluss mit zwei Jahren und sechs Monaten.“

Von Nico Bensing

Philipp heißt eigentlich anders, hat grüne Plugs im Ohr, trägt einen blonden Iro, ein Drache schlängelt sich seinen Hals hinauf. Er zieht an seiner Zigarette. Seine Finger zittern nicht, unter den Nägeln hat er dunkle Ränder. Philipp trinkt gerne Kaffee. Davon sind aber nur drei Tassen pro Tag erlaubt. Red Bull und Cola sind ganz verboten – alles Suchtmittel. In knapp zwei Stunden geht der 24-Jährige zur Gruppentherapie, wie jeden Montag. Vorher aber erzählt er mir von seiner Vergangenheit. Von den drei Jahren, in denen er süchtig nach Crystal Meth war.

Wir schlurfen auf kleinen Kieselsteinen durch ein Idyll in der Nähe Frankfurts. Eichen machen sich dort breit, Birken drängen sich zwischen dem Nebel hervor. Es ist 9 Uhr am Morgen, und wir sind im Therapiedorf Villa Lilly. Dort kämpfen viele junge Leute wie Philipp, die irgendwann Marionetten ihrer Sucht wurden, gegen ihre bösen Geister. „Die ersten vier Wochen sind die härtesten“, sagt er, als wir am Haus Claire vorbeilaufen. Dort hat Philipp, der ursprünglich aus Bayern kommt, sein Zimmer; es gibt aber noch das Haus Lilly, von dem das Therapiezentrum seinen Namen hat. Und dann ist da Mini Lilly, eine Art Kindergarten für die Kinder drogenabhängiger Eltern. Philipps Heimatort ist keine 20 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Von dort aus überschwemmt die Droge derzeit den deutschen Markt. 2013 stellte die Polizei fast 80 Kilogramm Crystal Meth sicher und vermeldete gut 2800 Neu-Konsumenten.

„Wir müssen ein 54-Seiten-Regelwerk befolgen, in den ersten zwei Wochen ist gar kein Kontakt zur Außenwelt erlaubt. Kein Besuch, kein Telefon, keine Briefe.“ Auf sich allein gestellt. Gerade vom Entzug gekommen und dann erst einmal ganz alleine. „Man denkt viel nach“, sagt Philipp und zündet sich eine weitere Zigarette an. „Man muss viel nachdenken.“ Blaue Augen umrahmen seinen festen Blick. Er sieht nicht aus, wie ich mir einen typischen Meth-Junkie vorstelle. Seine Zähne sind komplett und weiß, sein Gesicht rein. Augenringe hat er zwar. „Manche Freunde hat es aber schlimmer erwischt. Da sind die Zähne im Arsch, im Gesicht riesige Pickel, die einfach nicht weggehen. Ich hatte Glück.“ Auch sein Hirn habe keine Löcher, hat ein MRT ergeben. Bei drei Jahren Sucht ist das außergewöhnlich, da die Droge im Schnellverfahren Blutgefäße in Herz und Hirn zerstört, irgendwann den Körper zerfressen hat. Und die Seele.

Der heute 24-Jährige war bei der Polizei schnell bekannt. Sie kontrollierten ihn einmal routinemäßig und fanden dabei etwas Crystal. Von da an hielten sie ihn immer wieder an. Philipp war mittlerweile nicht mehr nur Konsument, sondern fing an zu verticken, um seine Sucht zu bezahlen. „Gras, Hasch, Koks, Ecstasy, Crystal“, zählt er auf. Ein Gramm Meth kostet zirka 30 bis 40 Euro. Was den aktuellen Hype der Droge erklärt; verglichen mit anderen aufputschenden Mitteln ist das ein Schnäppchen. Philipp reichte ein Gramm anfangs für eine Woche; am Ende für einen Tag. Im letzten halben Jahr seiner Sucht hing er an der Nadel. Oft macht die Droge schon nach dem ersten Konsumieren abhängig – und wer den Absprung nicht schafft, blickt seinem Ende entgegen; die Substanz Tod. Seine Proben ergaben später eine Crystal-Meth-Konzentration von gut 5000 Nanogramm pro Milliliter Blut – der durchschnittliche Konsument hat nicht einmal ein Zehntel dieser Dosierung intus.

Philipp erzählt seine Geschichte routiniert; so, als spreche er gar nicht über sich. „Crystal Meth, Kristall, Diamant, oder einfach nur C: Der Geschmack ist ekelhaft“, sagt Philipp. „So bitter. Aber nach fünf Minuten setzt es ein.“ Und dann fühlt man sich groß. So, als könne man die ganze Welt besiegen.

Das erste Mal nahm Philipp die Droge, kurz bevor er mit seinen Freunden auf eine Party ging. Sie hatten es ihm angeboten, und er dachte sich nichts dabei. „Du kannst die ganze Nacht tanzen, saufen, spürst keinen Schmerz, keine Müdigkeit – richtig geil.“ Am Wochenende darauf dann das gleiche Spiel. Erst wurden die Wochenenden immer länger, und irgendwann reichte das Schnupfen und Rauchen nicht mehr: Philipp setzte zum ersten Mal die Nadel an, „das wirkt schneller und viel stärker“. Wieder ist der Blick des 24-Jährigen fest, als er die Geschichte erzählt. Seine Geschichte, die gar nicht mehr seine ist oder sein soll.

… Die ganze Geschichte liest du in Ausgabe 38 von move36.

Suchthilfe Fulda 

Heinrichstraße 60
36043 Fulda
0661-3801713
psb@suchthilfe-fulda.de

Caritasverband

Wilhelmstr. 10
36037 Fulda
06 61 24 28-3 64
Michael.schuette@caritas-fulda.de

Diakonisches Werk Fulda

Heinrich-von-Bibra-Platz 14
36037 Fulda
06 61 83 88-200
dw@diakonie-fulda.de

Guttempler Hilfswerk e. V.

Fachstelle Sucht / Fachambulanz der Fachklinik Neue Rhön
Am Anger 4
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06 652 991-0
fachambulanz@neue-rhoen.de

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QuelleFoto: Artem Furman/Adobe Stock
Die Autoren:

Toni Spangenberg

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move36-Redakteur mit einem Faible für die Anime- und Mangaszene. Er nimmt Themen rund um Karriere und Politik in den Blick.