Wenn die ersten Schneeflocken vom Himmel fallen, sich die Menschen dicke Schals um den Hals schlingen und die Radiosender ihre Hörer mit „Last Christmas“ beglücken, dann weiß jeder: Es wird vermutlich glatt auf Deutschlands Straßen. Wie man sich richtig verhält, wenn sich das eigene Auto ungewollt in einen Hochgeschwindigkeitsschlitten verwandelt, habe ich im ADAC Fahrsicherheitszentrum Rhein-Main in Gründau getestet.

Ein Text von Marcus Lotz

Kahlgeschoren, mit grauem Kinnbärtchen und Tattoo, erinnert Michael Loch eher an einen Türsteher als an einen Fahrsicherheitstrainer des ADAC. Dass er nichts mit einem grimmigen Disco-Wachtposten gemein hat, wird allerdings schon bei der Begrüßung der  Teilnehmer des Wintertrainings im Vortragsraum des Fahrsicherheitszentrums deutlich. In gut gelauntem Hessisch begrüßt Loch die Anwesenden: Jung und Alt, Männer und Frauen, Fahranfänger, Gelegenheitsfahrer und Berufsfahrer sind vertreten. Unterschiedlich sind auch die Beweggründe, an dem Training teilzunehmen. „Ich habe einen Gutschein bekommen“, erzählt einer der Teilnehmer. „Meine Frau sagt, ich hätte es mal nötig“, gesteht ein älterer Herr lachend. Was sie sich von dem heutigen Tag erwarten, fragt Loch in die Runde und pinnt kurz darauf den Begriff „Spaß“ auf einem ADAC-gelben Karteikärtchen ganz oben an das Board.

Pylonen umfahren

Kurz darauf wird es allerdings ernst: Nach und nach rollen die Teilnehmer in ihren Privatwagen auf die Strecke. „Auch bei uns passieren Unfälle. Die meisten allerdings, weil die Teilnehmer so aufgeregt waren, dass sie vergessen, die Handbremse anzuziehen und dann ihrem Auto hinterherrennen“, klärt Loch auf.
Nach einem kurzen Kennenlernen des Rundkurses geht es mit klassischem Slalom los: Ein Wagen nach dem anderen wird per Funkgerät von Loch aufgefordert, auf der künstlich bewässerten Gleitstrecke um eine Reihe von Pylonen zu kurven. „Und Herr Lotz bitte“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Ich gebe Gas, beschleunige meinen Kia auf 50 km/h und umrunde die Pylonen problemlos. Ziel der Übung ist es jedoch vor allem, sich der eigenen Fahrweise bewusst zu werden: Wie sitze ich im Fahrzeug? Wohin wandert mein Blick? Wie halte ich das Lenkrad?
Nach drei Runden fragt Loch die Beobachtungen ab. Ich stelle fest: Die 10.10 Uhr-Haltung, wie ich sie in der Fahrschule gelernt habe, ist überholt: „Optimal ist eine 9-Uhr-3-Uhr-Haltung“, klärt Loch die Teilnehmer auf. Warum?„Wenn die Hände seitlich mittig am Lenkrad liegen, könnt ihr am weitesten einschlagen, ohne umgreifen zu müssen.“ Auch die Blickrichtung spielt eine große Rolle. „Wohin habt ihr geschaut?“ „Auf die Pylonen“, geben die Teilnehmer nach und nach zur Antwort. „Müsst ihr das?“ Unschlüssiges Schweigen. „Müsst ihr nicht“, erklärt Loch und demonstriert: nahe gelegene Hindernisse nimmt der Mensch ohnehin im Augenwinkel wahr. Das Hauptaugenmerk solle daher auf dem Punkt liegen, den ich ansteuere.

Einschneidende Fehler

Es folgen genaue Instruktionen, wie ein Autositz korrekt eingestellt wird. Das ist gar nicht so einfach und macht keiner der anwesenden Fahrer aus dem Stegreif richtig: „Faustregel: Zwischen Kopf und Dach eine Faust breit Luft. Die Kopfstütze so einstellen, dass mindestens zwei Drittel des Hinterkopfes abgedeckt sind. Den Sitz so weit nach hinten, dass bei ausgestreckten Armen die Handgelenke auf dem Lenkrad aufliegen und die Schultern trotzdem noch den Sitz berühren.“ Auch für das richtige Anschnallen gibt es Regeln, die kaum einem der Teilnehmer bekannt sind: „Wenn ihr mit Jacke fahrt, liegt der Gurt nicht eng genug am Körper.“ Dadurch kann der quer liegende Beckengurt bei einem Crash tief in den Bauchraum einschneiden. Mögliche Folgen: Schwerwiegende Verletzungen von Organen wie Milz, Leber und Darm bis hin zu inneren Blutungen.

Mit korrekt eingestelltem Sitz und fest sitzendem Gurt geht es in die nächste Runde. So auf Blickrichtung und Lenkradhaltung fixiert, kicke ich mit dem linken Vorderrad gleich die allererste Pylone in die Prärie. Den Blick einigermaßen auf mein Ziel gerichtet, umfahre ich zwar alle folgenden Pylonen, die richtige Lenkradhaltung will sich jedoch nicht einstellen. Ineffizient, aber viel zu gewohnt ist das ständige Umgreifen.

Nach diesen ersten Aufwärmübungen wird das geprobt, was ich aus der Fahrschule noch als „Gefahrenbremsung“ kenne. „Der ADAC nennt das Bremsschlag, weil ihr die Bremse richtig kräftig mit einem Schlag durchtreten müsst.“ Bei erst 30, dann 50 und schließlich 70 km/h bringe ich mein Fahrzeug auf dem rutschigen Untergrund zum Stehen. Auf regennasser Fahrbahn voll durchzutreten kostet dabei einiges an Überwindung. „Jetzt seid ihr hier, heute könnt ihr es ausprobieren“, spornt Michael Loch über das Funkgerät diejenigen an, die sich zu zaghaft an das Bremsmanöver wagen.

Nasse Überraschung

„Der Nächste bitte. Jetzt wartet eine kleine Überraschung auf euch“, kündigt Loch vor dem folgenden Durchgang an und instruiert uns, wie in den vorangegangenen Runden einen Bremsschlag durchzuführen. Wie im Sportunterricht reihen sich die Teilnehmer vor dem Parcour hintereinander auf und der erste gibt Gas. Wenige Sekunden, nachdem er auf die schnurgerade Gleitstrecke aufgefahren ist, schießt vor dem Fahrer plötzlich eine Wasserwand aus dem Boden. Überrascht von dem plötzlichen Hindernis, kann er nicht mehr ausweichen und fährt durch die Fontänen.

Ich bin also vorgewarnt, trotzdem hat die Kombination aus Ausweichen und Vollbremsung ihre Tücken. Besonders knifflig wird es im nächsten Durchgang. Dabei warten zwei Wasserwände auf mich, beide mit einer Lücke versehen, durch die ich steuern und gleichzeitig bremsen muss. Mit 50 km/h passiere ich die Lichtschranke. Exakt 2,3 Sekunden später schießt die erste Wasserwand aus dem Boden. Obwohl ich weiß, was auf mich zukommt, nützt alles Lenken und Bremsen nichts mehr. Ich reagiere zu langsam, versuche stattdessen an einer Stelle durchzubrechen, an der die Wasserwand noch nicht komplett geschlossen ist – und bringe den Dienstwagen unfreiwillig in den Genuss einer kostenlosen Unterbodenwäsche, bevor das Fahrzeug zum Stehen kommt. Lochs Wertung lässt nicht lange auf sich warten: „Das war die Fahrradlücke, Herr Lotz. Da passt auch der KIA nicht durch.“

Bei einer längeren Manöverkritik analysieren wir zusammen mit Loch unsere Brems- und Ausweichversuche. Außerdem erläutert unser Trainer einige theoretische Grundlagen. „Viele Leute machen es falsch, aber egal, welchen Antrieb euer Auto nutzt: Die Reifen mit dem besseren Profil gehören immer nach hinten.“ Während ich zuhöre, fülle ich einen Plastikbecher mit Wasser aus dem Wasserspender. Eine Pause ist nicht vorgesehen, die Besprechungen die einzigen Gelegenheiten, kurz etwas zu sich zu nehmen.

Beim Driften muss das Timing stimmen

Nach der Besprechung folgt die Königsdisziplin des Wintertrainings: das Driften. In einem extra dafür angelegten Driftkreisel auf dem ADAC-Gelände testen wir die Grenzen der Bodenhaftung aus. Auf der Fahrbahn, zur Hälfe geteert, zur Hälfte Gleitstrecke, komme ich bereits bei 30 km/h spürbar ins Rutschen. Das Heck bricht aus. „Wenn das passiert, führt ihr sofort einen Bremsschlag aus und lenkt in die Gegenrichtung“, gibt Loch über Funk durch. „Wann und wie viel man gegenlenken muss, das weiß der Rücken. Denkt daran, immer in Fahrtrichtung zu schauen.“ Dennoch dauert es ein paar Runden, bis ich ein Gefühl für das richtige Timing entwickelt habe.

Einen absoluten Herzinfarkt-Moment erlebe ich, als mich Loch ermuntert, „doch mal auszuprobieren, was passiert, wenn Sie von dem rutschigen Untergrund zu schnell auf die geteerte Fahrbahn wechseln.“ Der Anweisung folgend, komme ich mit leicht überhöhter Geschwindigkeit um die Kurve. Wieder bricht das Heck leicht aus, im selben Moment erreicht das Auto den geteerten Grund, die Reifen entwickeln sofort Grip, es ist ein lautes Rumoren zu hören und ich werde so durchgeschüttelt, dass ich für einen Moment die Orientierung verliere, in welche Richtung mein Auto gerade zu rutschen gedenkt. Was war mein Fehler? Michael Loch klärt auf: „Sobald das Auto wieder Grip hat, rächt sich jeder Zentimeter, den ihr vorher zu weit eingeschlagen habt – das Auto will dann sofort wieder der Lenkrichtung folgen.“

Mehr Vertrauen in Fahrzeug und Fahrer

„Eine tolle Erfahrung“ bilanziert einer der Teilnehmer nach fünf Stunden Fahrsicherheitstraining. „Man hat mal erlebt, was das Auto so kann.“ Auch ich nehme viel von diesem Tag mit. Zum einen mehr Selbstsicherheit im eigenen Fahrverhalten, zum anderen aber auch Vertrauen in das Fahrzeug und darin, dass es nicht sofort auf dem Dach landet, wenn ich einmal stark bremsen oder ausweichen muss. „Dazu kann es eigentlich nur kommen, wenn sich das Auto bei zu hoher Geschwindigkeit querstellt. Es gilt also trotz allem Training: langsam und vorausschauend fahren“, erinnert Michael Loch.

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