[vc_column_text]2018 wurden rund 101.000 Schwangerschaften in Deutschland abgebrochen. Seit Jahren bewegen sich die Zahlen von Abtreibungen auf einem ähnlichen Niveau. Gleichzeitig gibt es immer weniger Ärzte, die einen Abbruch vornehmen. In Fulda keinen einzigen. Frauen fühlen sich allein gelassen, in der gesellschaftlichen Diskussion bevormundet. move36 hat mit Ärzten, Kirchen, Lebensschützern, Beratungsstellen und einer jungen Frau, die sich für eine Abtreibung entschieden hat, gesprochen. Warum sind Schwangerschaftsabbrüche in Fulda ein so heikles Thema? Denn unter Befürwortern herrscht ein Klima der Angst. 

Lesedauer: circa 14 Minuten[/vc_column_text][vc_column_text]Lisa (Name von der Redaktion geändert) sitzt in der Praxis ihres Frauenarztes in Fulda. Seit einiger Zeit fühlt sich ihr Körper komisch an, sagt sie. Ein Urintest bringt Klarheit. Die junge Studentin ist schwanger. „Die Arzthelferin hat sich sehr darüber gefreut, aber ich war am Boden zerstört. Ich und ein Kind? Verantwortung für ein Baby ohne feste Beziehung? Wie werden andere reagieren?“

Diese Gedanken gingen der damals 23-Jährigen durch den Kopf. Heute ist Lisa 27, die Schwangerschaft hat sie abgebrochen. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind schwierige oder keine Partnerschaften, berufliche und finanzielle Unsicherheiten, gesundheitliche Bedenken oder sich zu jung und unreif zu fühlen häufige Gründe für eine Abtreibung. „Natürlich habe ich anfangs gezweifelt, hatte kleine Traumvorstellungen. Auch deshalb, weil ich mich dazu gedrängt fühlte, die Schwangerschaft auszutragen.“ 

 

„Ich fühlte mich allein gelassen“

Bild: JKLR/Adobe Stock

 

Dabei war für Lisa schon eineinhalb Jahre vor ihrer Schwangerschaft klar: „Ich bin nicht bereit für ein Kind.“ Sie hat mit einer Kupferspirale verhütet. „Die hat sich verschoben und daher nicht mehr gewirkt.“ Ihre Entscheidung sieht Lisa heute noch als richtig an. „Ich konnte mein Studium abschließen und bin jetzt Sozialarbeiterin.“ Ihren Entschluss, abzutreiben, hatte sie bereits mit dem positiven Schwangerschaftstest gefasst. Doch so einfach, wie sich Lisa das vorgestellt hat, war es nicht. Denn kein Arzt in Fulda nimmt eine Abtreibung vor.

„Ich bin ganz klar davon ausgegangen, dass ich das bei jedem Frauenarzt machen lassen kann. Dass das nicht so ist, hat mich geschockt. Mein Arzt hat mir zu verstehen gegeben, dass ich nach Frankfurt oder Kassel muss“, berichtet die 27-Jährige. Lisa fühlte sich allein gelassen. Warum sie sich nicht von dem Arzt, dem sie vertraut, behandeln lassen konnte, war ihr ein Rätsel. „Dann musste ich mit so einem emotionalen Thema zu jemand völlig Fremden. Mein Arzt sagte mir, er würde wie jeder seiner Kollegen vor Ort ‚gesteinigt‘, wenn er Schwangerschaftsabbrüche anbieten würde.“ 

Ein Frauenarzt aus Fulda, der aus Angst vor Stigmatisierung anonym bleiben möchte, bestätigt: „Fulda ist ganz stark katholisch-konservativ geprägt. Die konservative Stimmungslage ist so, dass keiner im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen genannt werden will.“ Seiner Meinung nach könne man von Ächtung sprechen. „Man kann fragen, warum die Chefärzte in Fulda in dem Bereich keine Versorgung sicherstellen. Sie sollten es zwar, tun sich aber leicht, auf andere Städte zu verweisen.“

Selbst, wenn klar ist, dass das Kind nach der Geburt nicht lebensfähig ist, führe kein Arzt in Fulda eine Abtreibung durch. „Ich hatte den Fall, dass bei einem Embryo Veränderungen im Hirnbereich vorlagen und er einen offenen Rücken hatte. Die Patientin wurde nicht im Klinikum behandelt. Man verweist dort dann auf die mangelnde Erfahrung.“ Schwangerschaftsabbrüche verstoßen seiner Meinung nach zwar gegen die ärztlichen Prinzipien. „Aber wenn das Kind später nicht lebensfähig ist, halte ich es für ethisch nicht vertretbar, die Schwangerschaft auszutragen. Immerhin birgt jede Schwangerschaft auch ein Risiko für die Frau.“ 

 

„Macht es den Leuten doch nicht schwerer, als es ohnehin schon ist“

 

Das Klinikum Fulda wollte sich move36 gegenüber nicht zu der Thematik äußern. Die Pressestelle war über einen Zeitraum von einem Monat zu keiner Zeit telefonisch zu erreichen. Auch mehrere Mails blieben unbeantwortet. Eine Anfrage direkt bei der Frauenklinik wurde abgelehnt. Der Chefarzt bitte um Verständnis, keine Zeit für ein Interview zu haben. Auch das Medizinische Versorgungszentrum Osthessen war nicht für ein Statement bereit. 

Lisa musste aufgrund der Situation nach Kassel. Dort hat sie medikamentös abgetrieben. „Gut aufgehoben habe ich mich dort nicht gefühlt. Das war eine regelrechte Abfertigung. Es gab auch keinen großen persönlichen Kontakt zu den Ärzten.“ Für Fuldas evangelischen Jugendpfarrer, Marvin Lange, ist diese Situation eine Zumutung. „Natürlich ist jede Abtreibung eine zu viel. Dennoch ist es merkwürdig, dass Frauen in Fulda nicht abtreiben können. Keine Frau macht es sich leicht, ihr werdendes Kind abzutreiben. Macht es den Leuten doch nicht schwerer, als es ohnehin schon ist. Das ist dreist, besonders weil Frauen, die in Kassel oder Frankfurt leben, die Kliniken vor der Tür haben“, sagt der 40-Jährige.

Die evangelischen Kirchen in Deutschland haben keine einheitliche Lehrmeinung zu Abtreibungen. „Die kann es in ethischen Fragen auch gar nicht geben, denn jeder einzelne evangelische Christ ist allein seinem Gewissen und Gott gegenüber verpflichtet. Ich sage ganz klar, eine befruchtete Eizelle ist zwar menschliches Leben, aber noch keine Person“, erklärt Lange. Daher sei die Kritik von Lebensschützern, die bei Schwangerschaftsabbrüchen von Mord sprechen, unbegründet. 

 

„Jeder, der willentlich eine Abtreibung herbeiführt, beendet ein Leben“

 

Bild: JKLR/Adobe Stock

Die katholische Kirche sieht das anders. „Schon die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist der Ausgangspunkt, ab dem der Mensch entsteht, zu keinem anderen selbst gesetzten Zeitpunkt später“, erklärt Alexander Best, Jugendpfarrer im Bistum Fulda. „Jeder, der willentlich eine Abtreibung herbeiführt, beendet ein Leben. Das verurteilt die katholische Kirche scharf.“ Dass Schwangere in Fulda keine Abtreibung machen lassen können, liege vermutlich daran, dass viele die katholische Position überzeugt annehmen. Er hält das für legitim.

„Weil es eine Entscheidung über Leben und Tod ist, finde ich es vertretbar, sich während der 100 Kilometer langen Fahrt Gedanken darüber zu machen, was man da tut.“ Selbst wenn eine Frau durch eine Vergewaltigung schwanger wurde, vertritt die katholische Kirche eine harte Linie. „Ein Unrecht, was einer Person passiert, rechtfertigt nicht automatisch das Unrecht, was man einer nächsten Person antut, in dem Fall dem Embryo oder dem Kind,“ erklärt Best. Anders sieht das Marvin Lange. „Da wurden die Gene eines Verbrechers mit denen einer unschuldigen Frau verschmolzen, natürlich darf die die Schwangerschaft abbrechen.“ 

Viele, so wie Lisa und Ärzte der Stadt, wollen anonym bleiben, hadern, move36 gegenüber überhaupt Fragen zu beantworten, aus Angst vor gesellschaftlichem Druck. Abtreibungsgegner versuchen, den deutschlandweit hochzuhalten. Die katholische Kirche begeht zum Beispiel weltweit am 28. Dezember das „Fest der unschuldigen Kinder“ – in Fulda mit einem Gebet an der Mariensäule (Pestsäule) am Frauenberg. Die Prozession dorthin startet am Dom. In der Amtszeit von Erzbischof Dr. Johannes Dyba läuteten sogar die Glocken in ganz Fulda. Seit 2002 ist das aber nicht mehr der Fall. Der Tag dient als Mahnung zum Schutz des ungeborenen Lebens. 

 

„Im erzkatholischen Fulda ist die Offenheit nicht gegeben. Der Schwangerschaftsabbruch ist sehr negativ belegt“

 

Auch Organisationen wie „Jugend für das Leben“ setzen sich gegen Schwangerschaftsabbrüche ein. Deutschlandweit ist die Zahl der Ärzte, die Abbrüche vornehmen, seit 2003 um 40 Prozent auf heute noch 1200 gesunken. Bundesvorsitzende Fabiola Kaminsiki sieht das auch als Erfolg ihrer Organisation. Die 18-Jährige Fuldaer Abiturientin meint: „Dadurch merken wir ja, dass sich etwas tut in Deutschland. Die Frauen finden sicher noch genug Ärzte, die Abbrüche durchführen, auch wenn die Zahlen rückläufig sind.“

Auch Fabiolas Mutter, Cornelia Kaminski, setzt sich stark für den Lebensschutz ein. Seit 1996 ist sie Mitglied des Vereins „Aktion Lebensrecht“ für alle, derzeit sogar zweite stellvertretende Bundesvorsitzende. Daneben ist Cornelia Kaminski CDU-Mitglied und dort hessische Landesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“. 

Der Einsatz für das ungeborene Leben geht auch mit einer Stigmatisierung der Schwangeren einher, meint Lisa. „Wenn man sich die Lebensschützer in Fulda anschaut, die Prozessionen zur Mariensäule, die 1000-Kreuze-Märsche für das Leben, bei der sie mit großen weißen Kreuzen auf dem Rücken gegen Abtreibungen demonstrierend durch die Stadt ziehen: Das versetzt Frauen in eine Lage, in der es schwer ist, über einen Abbruch zu sprechen.“ Wer abtreibt, wolle darüber auch mit Bekannten und Freunden reden. „Im erzkatholischen Fulda ist die Offenheit aber nicht gegeben. Der Schwangerschaftsabbruch ist sehr negativ belegt.“

Diese Erfahrung habe Lisa auch selbst gemacht. „Man wird von Menschen, die sich nicht viel mit dem Thema beschäftigt haben, in eine Ecke gestellt. Aber die Erfahrungen aus meinem sehr nahen Umfeld waren positiv.“ Besonders ihre Mutter habe sie unterstützt und aufgefangen. „Meine Mutter hatte damals mit 17 in der DDR selbst einen Abbruch. Es war eine Situation, in der ein Kind absolut nicht möglich gewesen wäre. Heute ist sie glückliche zweifache Mama.“ Lisa wünscht sich eine bessere Aufklärung statt zunehmender Ausgrenzung. [/vc_column_text][vc_separator][vc_masonry_media_grid grid_id=”vc_gid:1557235495553-8c71fb30-5294-1″ include=”138114,138115,138116,138117,138118″][vc_separator][vc_column_text]

„Es wäre völlig unsachlich, wenn ich bei Embryonen von Kindern reden würde“

 

Mehr Aufklärung wünscht sich auch Fabiola Kaminsiki. „Uns ist es wichtig, Alternativen zum Schwangerschaftsabbruch aufzuzeigen. Ich finde es sehr schwierig, Frauen dazu zu drängen, irgendeine Entscheidung zu treffen, weil es nicht unsere ist. Wir beschönigen aber auch nichts. Man beendet damit das Leben eines anderen Menschen.“ Das wolle sie Frauen bewusst machen. Gleichzeitig kritisiert sie Ärzte, die die Abtreibung verharmlosten, namentlich die Gießener Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel, eine der bekanntesten Verfechterinnen für ein liberaleres Recht für Abbrüche.

„Sie sagt, was hier abgetrieben wird, ist Schwangerschaftsgewebe. Das ist der Punkt, wo ich sage Stopp!“ Der Embryo sei ein weit entwickelter Mensch. Hänel wehrt sich. „Wenn ich deutsche Begriffe für medizinische Fachbegriffe benutze, ist das bestimmt keine Verharmlosung. Vielmehr wäre es völlig unsachlich, wenn ich, wie es sogenannte Lebensschützer fordern, bei Embryonen von Kindern reden würde. Schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft austragen, gehen ja auch nicht zum Kinderarzt.“

Kaminski unterstellt Hänel und auch Pro Familia, mit Schwangerschaftsabbrüchen Geld zu verdienen und daher nicht neutral aufzuklären. Dem entgegnet Brigitte Ott, Geschäftsführerin von Pro Familia in Hessen: „,Geld verdienen‘ ist nicht Ziel und Zweck eines ‚e.V.‘, auch nicht von Pro Familia. Unsere Arbeit beruht auf den gesetzlichen Regelungen für die Bundesrepublik und professionellen, fachlichen Standards.“ Auch Hänel kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Ich verdiene momentan zwar nicht ausschließlich Geld mit Abbrüchen, aber ich verstehe nicht, wie man mir das vorhalten könnte, wenn es so wäre.“

 

„Warum sollten Ärzte nicht online über Abtreibung informieren dürfen?“

 

Ohnehin ist es für Ärzte aufgrund der Gesetzeslage schwierig, überhaupt über Schwangerschaftsabbrüche aufzuklären. Bis vor Kurzem war es sogar verboten, auf der eigenen Homepage nur zu erwähnen, dass ein Arzt Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Kristina Hänel hat gegen dieses Verbot verstoßen und wurde daraufhin zu einer Geldstrafe verurteilt.

Mittlerweile hat die Regierung das sogenannte Werbe- beziehungsweise Informationsverbot für Schwangerschaftsabbrüche, den Paragraphen 219a StGB, gelockert. Ärzte dürfen nun seit dem 21. Februar darüber informieren, dass sie Abbrüche anbieten, nähere Informationen dazu dürfen sie aber weiterhin nicht veröffentlichen. „Warum sollten Ärzte nicht online informieren dürfen? Ich sehe keinen plausiblen Grund, der gegen Informationen auf ärztlichen Seiten spräche“, meint Hänel. Auch Pro Familia setzt sich für eine Streichung des Werbeverbots ein.

Dafür ist auch Marvin Lange. Der evangelische Jugendpfarrer hält das Verbot für „vollkommen absurd“. „Wenn jemand eine Abtreibung anbietet, soll er das auch sagen und damit werben dürfen. Warum Ärzte das nicht machen sollten, ist mir ein Rätsel. Und warum unsere Abgeordneten an dieser Stelle für den Lebensschutz plädieren auch.“ Den jetzigen Kompromiss, der Ärzten nicht erlaubt, selbst Informationen bereitzustellen, sondern lediglich auf eine Bundesseite zu verweisen, hält er für „albern“. „Ich kann das nicht nachvollziehen. Wir leben in einem freien Land. Entweder ist etwas erlaubt mit allen Konsequenzen – oder aber nicht.“

 

„Es steht ja nirgends, dass eine Abtreibung in Fulda nicht geht“

Bild: marinakutukova/Adobe Stock

 

Kaminski befürchtet jedoch, mit einer vollständigen Abschaffung des Werbeverbots bald Plakate und Werbespots von Praxen zu sehen, die Abbrüche anbieten. „Ich denke schon, dass die Gefahr besteht, dass ohne ein Verbot hierzulande geworben wird. Wenn ich auf Youtube gehe, wird beispielsweise auch für die Pille danach geworben.“

Lange sieht diese Gefahr nicht. „Auch wenn sie es dürften, würden die meisten Ärzte keine Werbung im klassischen Sinne betreiben. Damit würden sie sich nämlich keinen Gefallen tun. Sie hätten die ganzen Gebetskreise vor der Tür und würden sicher auch einige Patienten verlieren.“

Für Lisa wäre es hilfreich gewesen, wenn sie sich von vornherein hätte darüber informieren können, dass sie für einen Abbruch nach Kassel oder Frankfurt muss. „Es steht ja nirgends, dass das in Fulda nicht geht. Ich hätte mir gewünscht, dass die Ärzte zumindest darüber offen aufklären.“ Das hätte ihr den Schock im Sprechzimmer ihres Arztes erspart. Doch die Ärzte müssen sich an das geltende Recht und damit auch an das Werbe- und Informationsverbot halten. Auch eine Frau kann ihre Schwangerschaft nicht völlig selbstbestimmt abbrechen.

Generell gilt: Der Schwangerschaftsabbruch ist eine Straftat, die unter bestimmten Voraussetzungen bis zur zwölften Woche straffrei bleibt. Wer nicht aus medizinischen Gründen oder aufgrund einer Vergewaltigung abbricht, muss sich verpflichtend beraten lassen. In Fulda bietet diese Pflichtberatung neben Pro Familia noch Donum Vitae an.

 

„Es sind auch nicht nur die ganz jungen Frauen, sondern eher die im mittleren Alter“

 

„Ich habe die Beratung bei Pro Familia als sehr gut empfunden“, sagt Lisa. Katrin Weil, Beraterin bei Donum Vitae, erklärt, dass die Beratung gesetzlich klar geregelt ist. „Wir informieren darüber, dass das Gespräch Pflicht ist, dass zwischen Beratung und Abbruch drei Tage liegen müssen, dass es im Umkreis von 100 Kilometern keinen Arzt gibt, der Abbrüche durchführt.“ Sie betont auch, dass die Beratung immer ergebnisoffen zu führen ist und im Grundsatz dem Schutz des ungeborenen Lebens dient.

„Die Frauen informieren sich schon vorab im Internet. Einiges dort entspricht aber nicht der Wahrheit. Ich habe in letzter Zeit häufiger die Sorge gehört, nach einem Abbruch nicht mehr schwanger werden zu können,“ sagt Monika Darimond, Weils Kollegin. Die Frauen, die in die Beratung kommen, stammten aus sämtlichen sozialen Schichten. „Es sind auch nicht nur die ganz jungen Frauen, sondern eher die im mittleren Alter.“

Wichtig ist Weil, auch immer darauf hinzuweisen, „dass sich keine Frau für die Schwangerschaft entscheiden muss, nur weil sie kein Geld für einen Abbruch hat.“ Die Kosten belaufen sich laut dem Bundesamt für gesundheitliche Aufklärung auf 350 bis 600 Euro. Bei der Krankenkasse können Betroffene einen Antrag auf Kostenübernahme stellen. Den hat auch Lisa eingereicht. Zum Zeitpunkt ihres Abbruchs studierte sie im zweiten Semester Soziale Arbeit.

„Insbesondere für Frauen, die ganz allein mit ihrer Entscheidung sind, weil sie vielleicht einen schwierigen sozialen Background haben, kann die Beratung nützlich sein“, erklärt Lisa. Sie kritisiert aber, dass Frauen keine Wahl haben, also eine Beratungspflicht besteht. Immerhin stand ihre Entscheidung schon von Anfang an fest. „Ich fände es besser, wenn man die Beratung lediglich anbieten würde.“ Sie fühlte sich durch den gesamten Prozess des Abbruchs bevormundet. „Besonders die dreitägige Bedenkzeit nach der Beratung finde ich krass. Immerhin entwickelt sich der Embryo auch immer weiter.“

 

„In der gesellschaftlichen Debatte über Abtreibung wird nicht vom mündigen Bürger ausgegangen“

 

Auch Jugendpfarrer Lange kritisiert die Bevormundung der Frauen. „In der gesellschaftlichen Debatte wird nicht wirklich vom mündigen Bürger ausgegangen, der sich selbst informieren kann und das auch tut und sein Leben selbst verantwortet lebt.“ Immerhin breche keine Frau gerne eine Schwangerschaft ab. „Ich gehe davon aus, dass sie genau darüber nachgedacht hat, bevor sie sich zu einem solchen Schritt entschließt“, meint Lange, der selbst Vater dreier Kinder ist.

Sein katholischer Kollege Alexander Best sieht dagegen keine Bevormundung. „Das Konstrukt ‚Straftat, aber straffrei‘ ist schon komisch und macht deutlich, dass der Staat es nicht gutheißen möchte. Ich finde, wir müssen Abstand davon nehmen von ‚Die Frauen‘ zu sprechen. Jeder Fall ist für sich komplex.“

 

„In katholischen Landesteilen nimmt niemand eine Abtreibung vor”

Bild: marinakutukova/Adobe Stock

 

Fabiola Kaminski ist das aktuelle Recht zu liberal. „Frauen haben heute Angst, sich für das Kind zu entscheiden. Damit das nicht mehr so ist, muss sich die Qualität der Konfliktberatungen ändern.“ Frauen sollten nicht mehr ergebnisoffen beraten, sondern dazu ermutigt werden, sich für das Kind zu entscheiden. Da sei der Gesetzgeber gefragt, fordert die Bundesvorsitzende von „Jugend für das Leben“.

Kristina Hänel wiederum möchte vor dem Bundesverfassungsgericht für ein liberaleres Recht kämpfen und die Streichung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche durchsetzen. Gleichzeitig kämpft sie gegen den Mangel an Ärzten, die Abbrüche durchführen. „Ich bilde mittlerweile junge Ärzte aus, die den Ernst der Versorgungslage erkannt haben. Ich traue mich ja kaum noch, über Weihnachten oder im Sommer die Praxis mal für Urlaub zu schließen, weil ich weiß, dass die Frauen hier niemanden haben, zu dem sie sonst gehen können.“ Wer in Gießen Abbrüche vornimmt, wenn die 63-Jährige einmal in Rente geht? Sie weiß es nicht.

Sollte die Zahl der Ärzte, die Abbrüche anbieten, weiter zurückgehen, wird es auch für Fuldas Ärzte schwierig. „Fulda kann sich nur restriktiv verhalten, so lange andere das Angebot vorhalten“, erklärt der Fuldaer Frauenarzt, der anonym bleiben möchte. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es laut der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) ausreichend Ärzte, die Abtreibungen vornehmen. „In katholischen Landesteilen aber niemanden“, so Petra Bendrich, stellvertretende Pressesprecherin der KVH. „Generell ist davon auszugehen, dass die Zahl der Operateure weiter zurückgehen wird.“ Ärzte hätten unter anderem Bedenken, angefeindet zu werden. Daneben seien Abtreibungen nicht Teil der ärztlichen Ausbildung.[/vc_column_text]

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