Mesut Özil hat lange geschwiegen zum Erdogan-Foto. Am Sonntag hat er es nun krachen lassen. Jetzt wissen wir alle: Der deutsche nun Ex-Nationalspieler hat nix kapiert und ist ein mieses Vorbild. Ein Kommentar.

Mesut Özil leuchtet auch nach Monaten nicht ein, worum es bei der Kritik an ihm und dem Foto, das ihn mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigt, geht. Am Sonntag gab der deutsche Fußballer seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt. Auf Twitter. Und auf was für eine Art und Weise. Der 29-Jährige mit Wurzeln in der Türkei drischt auf Medien, Sponsoren und DFB ein. Und in Teilen hat er sogar recht.

Wenn ein Spieler rassistisch beleidigt wird von vermeintlichen Fans, hat der DFB sich vor diesen Spieler zu stellen und zu sagen: “Rassismus hat bei uns keinen Platz.” Und nach der verkorksten WM entstand tatsächlich der Eindruck, der größte Sportverband – allen voran Präsident Grindel und Teammanager Bierhoff – wollten Özil die Schuld in die Schuhe schieben, ihn zum Rücktritt drängen.

Özil hat tatsächlich Mist gebaut

Bedenklich auch die jüngsten Äußerungen von Bayern-Motzkopf Uli Hoeneß, der meint, Özil habe wegen schwacher Leistungen schon lange nichts mehr in der Nationalmannschaft zu suchen gehabt. Und was ist dann mit dem auf dem Feld irrlichternden Mr. Ladehemmung Thomas Müller?

Solche unsachlichen Kommentare verdrängen, dass Mesut Özil tatsächlich Mist gebaut hat. Er ließ sich mitten im Wahlkampf mit einem Mann ablichten, dem Menschenrechte zunehmend egal zu sein scheinen. In der Türkei landeten in den vergangenen Jahren Tausende Menschen unter fadenscheinigen Begründungen im Knast. Zehntausende verloren ihre Jobs, weil sie Herrscher Erdogan nicht in den Kram passten. Die Medien sind zu großen Teilen staatlich kontrolliert. Zustände, die sich die meisten Menschen in Deutschland nicht wünschen.

Der Kicker sieht keinen Konflikt

Die ellenlange Twitter-Eklärung Özils lässt nun tief blicken. Er sieht keinen Konflikt dazwischen, zum einen die Vorzüge einer offenen Gesellschaft zu genießen, sich zugleich aber mit einem angehenden Diktatoren fotografieren zu lassen. Der 29-Jährige redet sich folgendermaßen raus: „Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht“, schrieb Özil. „Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen, hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie.“ Aha! Ein Amt, das ein Mann bekleidet, der immer wieder mit Hasstiraden auffällt, deutsche Politiker mit Nazis vergleicht. Haben dieser Mann und dieses Amt noch Respekt verdient?

Özil macht es sich wie viele Sportler und Sportverbände zu leicht. Sobald es um Politik geht, berufen sie sich darauf, dass sie nur Sport betreiben. Politik sei ihnen egal. Da stehlen sich einige aus der Verantwortung.

Das miese Vorbild Mesut Özil

Mesut Özil ist in den sozialen Medien der mit Abstand beliebteste deutsche Sportler. 73,1 Millionen Follower (inklusive Doppelzählungen) hat er inzwischen auf Instagram, Facebook und Twitter um sich gesammelt. Diesen, besonders den jungen Menschen gegenüber nimmt Özil eine Vorbildfunktion ein. Und vernachlässigt sie sträflich. Er sendet ein fatales Signal: Shake hands mit einem Autokraten, sich nicht um das Wohlergehen unterdrückter Menschen scheren: Alles möglich, wenn man nur populär und reich genug ist.

Statt sich mit diesem Konflikt auseinanderzusetzen, wirft er dem DFB rassistische Tendenzen vor. „Leute mit rassistisch diskriminierendem Hintergrund sollten nicht länger im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler aus Familien verschiedener Herkunft hat“, schreibt er. Womit er im Prinzip recht hat. Aber gibt es für den Vorwurf eine Grundlage?

Und wie passt das damit zusammen, dass sich Özil ausgerechnet mit einem Politiker getroffen hat, der alles andere vorlebt, nur keine Toleranz?

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QuelleFoto: Andreas Gebert/dpa

Sascha-Pascal Schimmel

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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)