Frau mitten in Fulda verschleppt? Ein Facebook-Beitrag, der das nahelegt, wurde vor Wochen Hunderte mal geteilt. Nach Videoanalysen kommt die Polizei zum Urteil, dass das „jedweden rechtlichen Fakten entbehrt“. move36 hat sich die Videos angesehen.

Am 18. November hat der AfD Kreisverband Fulda mit einem Posting auf Facebook für Aufregung gesorgt. „Bewusstlose Frau in Fuldaer Heinrichstraße von sog. Südländern verschleppt“ schrieb die Partei und schilderte einen vermeintlichen Vorfall, den ihr Zeugen gemeldet haben sollen und von dem es Fotos und Videos geben soll.

Bewiesen ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nichts gewesen. Und so liest sich an sich auch der Großteil des Beitrags der AfD. Sie hält eine Verschleppung für möglich, behauptet aber nicht, dass es so gewesen sein muss. Überschrift und Text im Beitragsbild stellen das Ganze jedoch als Fakt dar. “Wir haben die Überschrift etwas boulevardesker formuliert, damit viele Leute den Beitrag anklicken”, sagt der Social-Media-Manager der Partei move36.

Mit dem Effekt: Einige Nutzer auf Facebook reagierten besorgt bis wütend auf das Posting, das bis heute 360-mal geteilt wurde. „Hoffentlich lebt die arme Frau noch. Hört sich nach Massenvergewaltigung an.“ „Das nennt man heutzutage also bunt.“ „Ich könnte kotzen.“ „Für Achmed und seine Freunde wird es eng werden in Fulda, sehr eng.“

Bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt?

Was ist dran an der Geschichte? Gibt es tatsächlich Videos und Fotos? Und wenn ja: Was zeigen sie?

In ihrem Posting hatte die Partei geschrieben, Zeugen hätten ihr Folgendes berichtet: Eine Gruppe von vermutlich arabischstämmigen Männern habe eine junge Frau zu Boden geworfen, gewürgt und, nachdem diese bewusstlos gewesen sei, weggetragen. Videos würden das anscheinend untermauern. Auf ihnen sei die Stimme einer schreienden Frau zu hören und schließlich zu sehen, wie eine langhaarige Person auf der Schulter eines Mannes liegend weggetragen werde.

Das Ganze soll sich in der Nacht zum 4. November, einem Sonntag, an der Kreuzung Rhönstraße-Heinrichstraße ereignet haben.

Polizei wegen Ruhestörung gerufen

„Damals, gegen 4.30 Uhr, ist die Polizei wegen Ruhestörung in die Heinrichstraße gerufen worden“, sagt Martin Schäfer, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Osthessen. Weder dort noch im näheren Umfeld hätten die Streifen streitende Menschen gesehen.

„Am Tag darauf ging bei uns ein Hinweis auf Blutspuren im Bereich der Heinrichstraße ein“, sagt Schäfer. „Tatsächlich haben die Beamten Flecken gefunden, die Blut hätten sein können – aber auch Wein. Da es bis dahin keinen Hinweis auf eine Gewalttat gegeben hat, schließlich sind wir am Tag zuvor nur wegen Ruhestörung vor Ort gewesen, haben wir die Flecken nicht gesichert und nicht untersucht.“ Das sei in einem solchen Fall das typische Vorgehen.

Keine Anzeichen auf Gewaltverbrechen

Von einem möglichen Gewaltverbrechen und der Existenz der Videos habe die Polizei erst zwei Wochen nach dem Einsatz in der Heinrichstraße erfahren, heißt es aus dem Polizeipräsidium. Also erst, als die AfD die Videos der Polizei überreicht hatte. Zu diesem Zeitpunkt hat es den vermeintlichen Blutfleck schon nicht mehr gegeben. Zeugen sollen sich bis dahin auch keine weiteren gemeldet haben.

Auf Anfrage von move36 diese Woche widerspricht die Polizei den Schilderungen des AfD-Postings. „Das Video zeigt zwar eine größere Anzahl sich streitender und später pöbelnder Personen. Es ist jedoch keine Frau zu sehen“, sagt Pressesprecher Schäfer. „Die Schilderungen entbehren jedweden rechtlichen Fakten.“

Kurz: Die Polizei kommt zu der Einschätzung, dass die Videos nicht zeigen, wie eine Frau verschleppt wird.

Videos belegen Verschleppung nicht

move36 hat die zwei Videos, die Zeugen vom Vorfall gedreht haben, gesehen. Auf ihnen ist zum einen zu sehen und zu hören, wie zwei Gruppen Männer sich in der Heinrichstraße anpöbeln und schließlich kurz körperlich aneinandergeraten. Auch die Rufe und Schreie einer weiblichen Stimme sind zu hören. Was und warum sie geschrien hat, konnten wir aber nicht feststellen.

Der zweite Clip zeigt in relativ schlechter Auflösung, wie eine Gruppe Menschen den Bürgersteig entlanggeht. Einer scheint auf seiner rechten Schulter etwas oder jemand zu tragen. Es könnte eine langhaarige Person sein. Im Hintergrund sagt ein Mann: “Nimm die Bitch mit.”

Diese zwei Sequenzen belegen jedoch nicht, ob tatsächlich eine Frau weggetragen wurde. Und wenn ja, ist nicht klar, ob es sich um die Frau, die geschrien hatte, handelt. Und: Dass eine weibliche Person vorher zu Boden geschubst und gewürgt wurde, geben die Videos auch nicht her. Hier käme es auf die Zeugen an, die das laut eigenen Aussagen beobachtet hätten. Allerdings scheinen sie die Polizei nicht überzeugt zu haben.

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Sascha-Pascal Schimmel

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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)