Umgekehrte Welt: Eine Naturkatastrophe mit anschließender Lebensmittelknappheit zwingt Europäer, nach Nordafrika zu fliehen. Dieses Szenario ist Basis für eine Flucht-Simulation, die Fuldaer FSJler kürzlich während einer Seminarwoche in Kassel durchlebt haben. Vadim schlüpfte in die Rolle eines Flüchtlings, Miriam in die einer rechtspopulistischen Politikerin. move36 haben sie von ihren Erfahrungen berichtet. 

Eine Woche voller Workshops zu Flucht und Asyl haben kürzlich rund 80 FSJler aus Fulda in einer Jugendherberge in Kassel erlebt. Nach wie vor nimmt die Zahl der Flüchtlinge zu, die meisten sind innerhalb ihrer Heimatländer auf der Flucht. Nur ein geringer Teil kam bisher bis nach Europa. Angesichts der Klimakatastrophe sehen sich in den kommenden Jahrzehnten im globalen Süden wohl noch viele mehr genötigt, ihre Heimat zu verlassen.

Neben Themen wie “Vorurteile kennen und bekämpfen” oder “Neue rechte Bewegungen unter der Lupe” haben die Jugendlichen zwischen 17 und 20 Jahren während ihrer politischen Seminarwoche in Kassel im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres vor allem einen Tag in der Erinnerung behalten.

“Asyl in Balinea” heißt die Flucht-Simulation, die der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) seit 2015 im Rahmen der Bildungstage mit Jugendlichen durchführt und immer wieder erweitert. In dieser Simulation schlüpfen Jugendliche in die Rollen einer Vielzahl von Akteuren, die mit dem Thema Flucht zu tun haben, um sich besser in die vielen Probleme einfühlen zu können. Sei es der überforderte Sachbearbeiter im Bundesamt für Migration oder der alleingelassene Flüchtlinge.

Das Setting:

Ein Naturkatastrophe erschüttert Nordeuropa. Chaos bricht aus, die Staaten schaffen es kaum, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Dann das: Lebensmittel werden knapp, die Wasserversorgung funktioniert kaum noch. Tausende fliehen Richtung Süden, über das Mittelmeer nach Nordafrika. Sie kommen in dem fiktiven Staat Balinea in der ebenfalls fiktiven Nordafrikanischen Union an. Hier wird das deutsche Asylrecht angewandt.

Die 80 jungen FSJler haben unterschiedlichste Rollen angenommen und deren Aufgaben in dieser Fluchtkatastrophe möglichst authentisch umgesetzt: Politiker unterschiedlicher Couleur, Flüchtlinge, Grenzschützer, Polizisten, Sachbearbeiter, Pro-Asyl-Aktivisten, Journalisten und viele mehr.

“Das war wirklich hart”

Vadim wurde neben einigen anderen in die Rolle eines Geflüchteten gelost. Mit verbundenen Augen wurde er an einem Ort abseits der Jugendherberge in Kassel ausgesetzt. Kopfhörer dienten dazu, dass er nichts hört und sich nicht verständigen kann – wie die meisten Flüchtlinge, die in einem fremden Land ankommen. Seine Aufgabe: Nach Balinea, also in die Jugendherberge, zurückfinden. Währenddessen überblickte Bildungsreferentin Antje Springer die Simulation.

Flucht-Simulation, BDKJ, FSJ

FSJler Vadim schlüpfte während der Flucht-Simulation in die Rolle eines Geflüchteten, Bildungsreferentin Antje überwachte die Simulation den Tag über.

Der 20-Jährige Vadim, der nach seinem FSJ dual Soziale Arbeit in Fulda studieren möchte, erzählt: “Wir wurden richtig ins kalte Wasser geschmissen. Nachdem wir Balinea endlich gefunden hatten, haben uns die Grenzschützer eingesammelt und zum Amt geschickt. Hier mussten wir aber erst mal eine Stunde warten, um überhaupt einen Antrag ausfüllen zu können.” Der wurde allerdings zunächst abgelehnt. Also musste er wieder zur Grenzschutzbehörde, um anschließend wieder einen Antrag auszufüllen. Der wurde dann angenommen.

“Das schwierige dabei war die fiktive Sprachbarriere”, erzählt Vadim weiter. “Ich war immer auf jemanden angewiesen, durfte nirgends alleine hin. Das war wirklich hart.” So habe man gut wahrgenommen, wie sich ein Geflüchteter fühlt.

Flucht-Simulation, BDKJ, FSJ

FSJlerin Miriam nahm während der Flucht-Simulation die Rollen einer rechtspopulistischen Politikerin an.

Miriam hingegen stellte während der Simulation im Prinzip das Gegenteil zu Vadims Rolle dar. Sie mimte eine rechtspopulistische Politikerin. Der Name ihrer Partei: Braune Perspektive. Insgesamt gab es vier Parteien, die an das Spektrum in Deutschland angelehnt waren. “Ich musste Stimmen sammeln, gegenüber möglichen Wählern immer freundlich sein, aber gleichzeitig gegen Flüchtlinge hetzen”, erzählt die 19-Jährige, die Lebensmitteltechnologie studieren möchte. “Es war zunächst schwierig gewesen, in die Rolle zu schlüpfen. Dann war ich aber doch überrascht, wie gut das ging.” Auch wenn sie den Populismus rechter Parteien sehr kritisch sehe.

“Ich bin politisch interessiert und informiert. Doch durch diese Simulation kann ich nun mehr Verständnis für alle Seite aufbringen”, so Miriam weiter. Beispielsweise dafür, dass durch die Überbelastung in den Ämtern nun mal Fehler passiert sind. “Es war unglaublich spannend, aber auch erschreckend, wie realitätsnah das Ganze war.” Beispielsweise hätte die Politik kaum Beschlüsse fassen können, weil sie einfach keinen politischen Nenner gefunden haben. Und bei einer Pressekonferenz sei ihr einmal mehr die Macht der Medien bewusst geworden.

Kein Spiel, sondern eine Simulation

“Das Thema Flucht verschwindet ja derzeit gefühlt etwas, es ist aber nach wie vor sehr aktuell, nur hat sich auf unserem politischen Seminar gegenüber 2015 der thematische Fokus verschoben”, erklärt Bildungsreferentin Antje vom BDKJ. “Damals standen Fluchtwege im Mittelpunkt, heute sind es eher neue rechte Bewegungen oder Hate Speech.”

“Die Jugendlichen geben uns immer die Rückmeldung, dass diese Bildungswoche insgesamt sehr gut ist, weil sie sich noch mal anders in Themen einarbeiten”, so Antje weiter. Speziell die Simulation sei aber kein Spiel, sondern wirklich eine Simulation, nach der man nicht sagt: “Das würde ich gern noch mal machen.” Die Jugendlichen nehmen viel mit daraus, aber es sei auch sehr anstrengend – wie auch Miriam und Vadim erzählt haben. Du hast Bock auf einen Freiwilligendienst nach der Schule oder nach dem Studium? Beim BDKJ findest du viele Einrichtungen und Angebote, wo du ein Freiwilliges Soziales Jahr machen kannst.

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