Blonde Haare, weibliche Kurven, breites Lächeln. Angelina Kirsch (30) ist Deutschlands bekanntestes Plus-Size Model. Entdeckt beim Eisessen in Rom, eroberte sie seitdem die deutschen Laufstege, ist Kampagnengesicht diverser Marken und Jurorin der Castingshow „Curvy Supermodel“ auf RTL. move36 hat mit ihr über Bodyshaming, Castingshows und Selbstliebe gesprochen. Die ganze Titelgeschichte zum Thema liest du im aktuellen Magazin

Wo fängt für dich Bodyshaming an?

Bodyshaming ist ein Begriff, der für viele sehr modern erscheint, aber deren Ausübung uns schon immer begegnet. Das beginnt bei gut gemeinten Ratschlägen, man solle doch etwas mehr auf seine Figur achten, über Verkäufer, die mit abschätzenden Blicken verkünden, nichts in der gefragten Größe im Geschäft zu haben, Labels, die ihre Kleidung immer kleiner schneidern und Werbung, die dem Endverbraucher suggeriert, dass es doch noch Stellen am Körper gibt, die er optimieren oder besser noch minimieren sollte.

Bist du in der Vergangenheit mit dem Thema konfrontiert worden?

Ich hatte tatsächlich schon sehr früh Kontakt mit Bodyshaming. Ich war sechs Jahre alt, als meine Oma mir und meiner Schwester sagte, wir seien zu dick. Noch am selben Tag fütterte sie uns allerdings mit Schokoladenbrot. Die Folge war, dass meine Schwester und ich aufhörten zu essen. Meine Eltern haben das aber sehr schnell gemerkt und Oma zur Rede gestellt.

Warst du irgendwann im Reinen mit dir selbst?

Irgendwann schon, aber natürlich habe auch ich lange an mir und meiner Figur gezweifelt. Als die Pubertät mit allen Fragen nach meiner Zukunft kam, zeigten sich auch die Kurven. Und da zweifelte ich, ob das alles so gut und richtig war. Aber meine Mama war sehr aufmerksam, hat meine Unsicherheit gespürt und sich mit mir zusammen vor den Spiegel gestellt: „Sei stolz auf deine Kurven, du wirst jetzt eine Frau. Mache niemals eine Diät, sondern sei gut zu deinem Körper und nimm ihn an, so wie er ist.“ Diesen Rat habe ich befolgt und entdeckte so meine Liebe zu meinem neuen Körper.

Du bist Deutschlands bekanntestes Plus-Size-Model, wie kam es dazu?

Das war ein bisschen wie im Märchen. Ich saß in Rom in einem Eiscafé. Nach einem langen Sightseeing-Tag gönnte ich mir zu Belohnung einen großen Eisbecher. Neben mir am Tisch saß ein deutscher Modelagent, der auf mich aufmerksam wurde. Eigentlich führte er keine Curvy Models in seiner Kartei. Er sprach mich trotzdem an, ob ich aufgenommen werden will. Ich lehnte dankend ab, weil ich dachte, er will mich als dünnes Model. Der Agent blieb hartnäckig, und ein halbes Jahr später startete ich meinen Werdegang als Plus-Size Model.

Bekommst du auch negative Kommentare zu deinem Körper?

Ja, und das sogar noch ziemlich häufig. Aber mittlerweile machen mir Kommentare nichts mehr aus. Wenn man sich der Öffentlichkeit stellt, dann muss man damit rechnen, dass auch negative Reaktionen auf einen zukommen. Meistens steckt hinter jedem bösen Wort ein eigenes Gefühl von Unsicherheit.

Ist das Thema unter Jugendlichen präsenter geworden?

Ich denke, das Thema war noch nie so präsent wie heute. Das vorherrschende Schönheitsideal wird aufgebrochen, und viele verschiedene Körpertypen werden angesagter. Trotzdem sind die alten Ideale fest in den Köpfen der Menschen verankert, und gerade Jugendliche verlieren bei dem großen Angebot an Photoshop- und Instagramfiltern den Bezug zur wahren Welt.

Du bist Jurorin in der Show „Curvy Supermodel“. Siehst du das Format „Germanys next Topmodel“ kritisch?

Ich denke, dass kein Format unkommentiert bleiben darf. Bei dem Job als Model geht es darum, gewisse Anforderungen zu erfüllen. Die Maße müssen sowohl bei den dünnen als auch bei den kurvigen Models stimmen. Es ist weder erstrebenswert, sich runterzuhungern oder etwas anfuttern zu müssen. Das muss einfach von Anfang an klar sein.

Gibt es bestimmte Vorgaben, die man als Model erfüllen sollte?

Als Model muss man, wie schon erwähnt, seine Maße halten. Da
ist es egal, ob man als dünnes oder kurviges Model arbeitet. Wichtig ist auch die Beschaffenheit der Haut und der Haare. Immerhin ist unser Körper unser Kapital. Ich vergleiche das immer mit anderen Jobs. Ein Buchhalter muss auch rechnen können. So weiß jeder, worauf er sich einlässt. Grundsätzlich, denke ich, sollte man das machen, was einem Spaß macht. Man muss kein Model werden, um glücklich zu sein.

Du trägst Größe 42/44. Ab welcher Größe fängt Plus-Size an?

In der Branche gilt tatsächlich alles, was jenseits der Größe 36 liegt, als Plus-Size. Das geht bei Größe 38 los. Bedenklich, wenn man berücksichtigt, dass die durchschnittliche Konfektionsgröße der deutschen Frauen 42/44 ist.

Wohin kann Bodyshaming führen?

Die Auswirkungen dieser Art von Mobbing können verheerend sein, denn ihr Opfer wird nach und nach die Liebe zu seinem Körper und somit auch zu sich selbst verlieren. Essstörungen, Einigeln, Abschottung von der Außenwelt, sogar Depressionen können diese Menschen als Folgen davontragen. Das ist eine teuflische Spirale, die sich immer weiter abwärts dreht.

Was kann man tun, um Bodyshaming entgegenzuwirken?

Da hilft nur, nicht den Kopf einzuziehen. Die bösen Kommentare abpral- len lassen. Meistens sind Menschen, die mobben, selbst unsicher. Ich antworte immer mit Gegenfragen. Oft reagiert mein gegenüber dann verwirrt, lässt sich im besten Fall auf ein Gespräch ein oder ergreift die Flucht. Aber geholfen hat es bisher immer.

Was würdest du jungen Frauen oder auch Männern mit auf den Weg geben, die wegen ihres Körpers gemobbt werden?

Wichtig ist, dass man offen für sich selbst ist. Der Weg zur Selbstakzeptanz ist für jeden unterschiedlich lang, man muss nur beschließen, den ersten Schritt zu machen. Auch der kann für jeden anders sein.

Hast du Tipps, wie man das nicht mehr an sich ranlässt?

Mir hilft es immer einzuordnen, von wem die Kommentare kommen. Sind sie als gut gemeinte Kritik an mich gerichtet oder einfach nur böse? Wer es nicht gut mit mir meint, der bekommt auch nicht meine Aufmerksamkeit. Wichtig ist es auch, darauf zu achten, sich nur mit Menschen zu umgeben, die einem guttun. Freunde kann man sich beispielsweise aussuchen. So hat mir einmal meine damals beste Freundin gesagt, dass sie noch nie ein fettes Supermodel gesehen habe. Dieses Mädchen war die längste Zeit meine Freundin. Nach diesem Satz habe ich sie in die Wüste geschickt.

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