[vc_column_text]Der tragische Tod einer Berliner Grundschülerin ist ein Extremfall. Dennoch ist Mobbing kein Einzelfall. Fakt ist: Etwa zehn Prozent der Schüler sind davon betroffen. In den vergangenen Tagen ist daraus eine hitzige Debatte entstanden.

Ein Text von Lisa Krause

Mobbing ist und bleibt ein Thema unter Schülern. Wir haben bei Schulen in der Region nachgefragt, wie sie mit dem Thema umgehen und was im Schulalltag dagegen unternommen wird. An der Berliner Grundschule ist gerade nichts wie es war. Eigentlich könnten die Schüler derzeit unbeschwerte Tage verbringen, es sind Winterferien.

Stattdessen brennen Kerzen vor der blauen Pforte, Blumen und Stofftiere liegen auf der Treppe, jemand hat auf einen Zettel einen Engel gemalt. „Im Himmel wirst du glücklich sein“ steht auf einem Blatt Papier. Passanten halten inne. Eine elfjährige Schülerin der Hausotter-Grundschule ist tot. Sie soll sich das Leben genommen haben, weil sie von Mitschülern gemobbt worden sein soll.

Elternvertreter berichten in Berliner Medien jedenfalls von einem seit längerem bestehenden Mobbingproblem an der Schule. Der Fall erschüttert viele Menschen in der Hauptstadt und darüber hinaus. Die Debatte rund um das Thema Mobbing ist neu entfacht. Nach Einschätzung des Potsdamer Mobbing-Forschers Sebastian Wachs kommt Mobbing häufiger vor als man denkt.

„Schätzungen zufolge sind etwa zehn Prozent der Schüler betroffen – als Opfer, Täter oder beides“, so der Wissenschaftler und Autor („Mobbing an Schulen“). 2017 ergab eine Untersuchung im Rahmen der internationalen Pisa-Bildungsstudie, dass in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig Opfer teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler wird.

In einer anderen Studie gaben im selben Jahr ein Viertel der befragten Schüler an, schon einmal von Mobbingattacken betroffen gewesen zu sein. Gut die Hälfte davon (13 Prozent) fühlten sich als Opfer von Cybermobbing, einer digitalen Spielart: Statt auf Schulflur oder Pausenhof herumgeschubst, erpresst oder geschlagen zu werden, passiert das Mobbing im Netz. Über Whatsapp-Gruppen oder andere Kanäle werden Opfer übel beschimpft. Lügen und Gerüchte werden in die Welt gesetzt.

Mobbing ist ein Dauerthema

Markus Bente, Schulleiter des Wigbertgymnasiums in Hünfeld, zeigt großes Mitgefühl für den Vorfall in Berlin. Es sei jedoch nicht immer leicht, zu erkennen, ob ein Kind von Mobbing betroffen ist. Auch an seiner Schule gebe es solche Vorkommnisse, zum Glück aber nicht in diesem Ausmaß. „Mobbing ist an jeder Schule ein Dauerthema. Daher müssen wir sensibel sein und hinschauen“, erklärt Bente. Werde ein Schüler gemobbt, müsse schnellstmöglich ein Gespräch gesucht werden, an dem auch die Eltern beteiligt sind.

„Es geht zum einen darum, das Opfer zu schützen, zum anderen muss man mit den Tätern ins Gespräch kommen“, so Bente. Vor allem in den vergangenen Jahren habe das Problem stark zugenommen – die sozialen Medien seien daran maßgeblich beteiligt. „Es ist nun mal so, dass mit einem Smartphone Tür und Tor geöffnet werden. Und über diese Gefahren kann nicht oft genug gesprochen werden“, ist sich Bente sicher. Dennoch mahnt der Schulleiter auch dazu, nicht vorschnell zu verurteilen und zu differenzieren. „Ich habe manchmal das Gefühl, das der Begriff Mobbing ein Synonym für jede Art von Hänselei geworden ist. Hier muss man aufpassen: Was ist tatsächlich Mobbing, und was ist eine kurze, aber vielleicht heftige Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien?”

“Es wird eine Lawine losgelöst”

Ein Merkmal, das etwa für Mobbing spreche, sei zum Beispiel, wenn die Beleidigungen einen größeren Raum einnehmen. „Es wird regelrecht eine Lawine losgelöst: Einer beschimpft den anderen als Eierkopf. Die anderen machen plötzlich mit“, erklärt Bente. An der Hünfelder Wigbertschule tut man viel, um Mobbing zu verhindern. So seien die Streitschlichter eine wichtige Säule, wenn es um Konfliktbewältigung gehe. „Aber auch die Zusammenarbeit mit den Digitalen Helden und dem Polizeipräsidium Osthessen beugen vor“, ist sich Bente sicher.

Fachleute hingegen sehen an den Schulen noch deutlichen Handlungsbedarf. Aus Sicht des Forschers Wachs sollten Anti-Mobbing-Programme an allen deutschen Schulen die Regel sein – nach dem Vorbild skandinavischer Länder. „Wir sind in Deutschland in so vielen Bereichen ambitioniert, aber Anti-Mobbing-Programme sind hier keine Pflicht.“ Krisenhelfer seien zwar eine schöne Sache. Sie würden aber oft erst zu spät gerufen. Zudem sei die Hemmschwelle für Schulen groß, weil sie dann nach außen bekennen müssten, dass es Probleme gibt. „Besser sind Maßnahmen, die dafür sorgen, dass es gar nicht erst so weit kommt.“

Durch den tragischen Vorfall in Berlin ist man hellhörig geworden, sagt etwa Andreas Leibold, Leiter der Stadtschule in Schlüchern. „Seit den vergangenen Tagen ist Mobbing bei uns auf jeden Fall verstärkt Thema, vor allem innerhalb der Lehrerschaft“, sagt Leibold. Ihm ist durchaus bewusst: An keiner Schule kann man dieses Problem komplett ausschließen. Auch die Stadtschule habe in der Vergangenheit bereits einige Schüler anderer Schulen aufgenommen. Der Grund für die Wechsel: Mobbing.

Konflikte müssen beredet werden

Eine zentrale Rolle spiele dabei seiner Meinung nach das Smartphone. „Früher waren es eher die Streitereien auf dem Schulhof, die irgendwann eskalierten. Heute wird über Whatsapp und Co. beleidigt oder beschimpft. Deshalb sind wir auch gegen sogenannte ‚Klassengruppen‘, welche oft über den Nachrichtendienst initiiert werden“, erklärt Leibold.

Doch auch wenn man Mobbing nicht ganz umgehen könne, sei wichtig, es regelmäßig zum Thema zu machen. „Zum Beispiel finden bei uns Sozialkompetenztage statt. Ziel derer ist es, dass Schüler lernen, mit Konflikten umzugehen“, so der Schulleiter. Offen darüber reden, das hält auch Matthias Hensche von der Fuldaer Geschwister-Scholl-Schule für eine der Lösungen. In Form von Klassenreden würden genau solche Themen aufgefangen. „Die Schüler sprechen von sich aus Probleme an. Dann kann rechtzeitig gehandelt werden“.

Hilfreich seien auch sogenannte Medienscouts, wie etwa an der Bardoschule. Hensche spricht im Zusammenhang mit Mobbing ebenfalls das Thema Handynutzung sowie Whatsapp an. „Wir merken deutlich, dass sich die Sprache verändert hat, sie wird rüder. Dadurch fallen schneller Beleidigungen oder Ähnliches“, sagt der Rektor. Grundsätzlich seien Handys an der Schule verboten. Und auch von Whatsapp-Klassengruppen hält er wenig. „Vor allem: Whatsapp ist erst ab 16 Jahren erlaubt. Wir würden uns damit also selbst strafbar machen“, sagt Hensche. Er appelliert, vor Mobbing nicht die Augen zu verschließen. „Das Thema muss auf den Tisch kommen.“[/vc_column_text]

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