Die Youtuber von heute sind die Stars von morgen. Früher waren unsere Vorbilder Promis wie Britney Spears oder die Backstreet Boys, von denen wir in der „Bravo“ lesen konnten. Heute sind es die, die uns vor der Kamera zeigen, wie wir uns richtig schminken oder die uns mit (meist belanglosen) Episoden aus ihrem Leben unterhalten. Menschen wie wir. Nur mit mehr Macht.

Ein Text von Charlotte Weise

Matheunterricht in der siebten Klasse. In der letzten Reihe bemalen sich Mädels die Nägel mit dem Nagellack, den Dagi in ihrem aktuellsten Video beworben hat. Daneben wird diskutiert, welche Youtuberin das beste Make-up hat. Und in der Reihe davor tuschelt man über Bibis jüngstes Machwerk. Nein, das ist kein Alptraum eines Lehrers. Es ist eine normale Szene in meiner Klasse.

Die Videos der Youtube-Stars interessieren die meisten von uns mehr als die Geraden im Dreieck und die proportionalen Zuordnungen. Ich kenne niemanden, der noch nie von Influencern wie Bibi, Dagi oder LeFloid gehört und nicht mindestens ein Video dieser Stars gesehen hat. Viele von ihnen hängen in ihrer Freizeit nur vor diesen Videos und kaufen bereitwillig jedes Produkt, das Bibi angeblich „sooo toll“ findet. Aber was reizt uns an diesen Internetstars, und warum sind Videos wie „In pinkem Schleim baden“ ein so wichtiger Lebensinhalt von uns?

Me at the Zoo

Am 23. April 2005 begann die Erfolgsgeschichte von Youtube: Mitgründer Jawed Karim stellte das erste Video online, das ihn in einem Zoo zeigt. Mittlerweile werden auf der Plattform jede Minute über 300 Stunden Videomaterial hochgeladen. Jeden Monat wird die Seite von mehr als einer Milliarde Menschen besucht, die dort sechs Milliarden Stunden lang Videos ansehen.

Laut der JIM-Studie 2017, für die 1200 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren befragt wurden, nutzen 88 Prozent der Jugendlichen die Plattform mehrmals die Woche. 6,3 Prozent davon besuchen sie sogar täglich.

Ein Youtube-Video der Influencer dauert im Durchschnitt 15 Minuten, selten länger. Kurze, bunte Clips mit schnellen Bildwechseln und belanglosen Inhalten wie Schminktutorials, Pranks oder einem neuen Produkt, das die Zuschauer “unbedingt” ausprobieren müssen, unterhalten uns.

Stars auf Augenhöhe

Was steckt hinter dem Erfolg von Bibi, Dagi und Konsorten? Sind es Inhalte wie „OMG, was hat er mir für einen Bikini bestellt?“, die uns wirklich interessieren? Oder Musikvideos mit Texten wie „Wap-bap-ba-da-di-da-dah“? Wieso zieht uns der Kram fast magnetisch an?

Jugendliche eifern schon immer Idolen nach. Was früher die Beatles waren, sind für uns heute Dagi Bee und LeFloid. Der Unterschied: Früher waren unsere Stars kaum greifbar. Heute scheint es eine persönliche Verbindung zwischen Fans und YouTubern zu geben: Die “neuen” Stars veranstalten Fantreffen, treten über die sozialen Medien mit Zuschauern in Kontakt und beantworten in „FAQ-Videos“ Fragen.

Noch eine Besonderheit der Youtuber: Sie sind mit uns auf Augenhöhe. Sie zeigen in den Videos ihren Alltag, ihre Hobbys und wirken so wie Freunde von nebenan. Die Fans bekommen den Eindruck, dass jeder ein Youtube-Star werden kann, wie Bibi, die von heute auf morgen von der normalen Studentin zum Vorbild vieler junger Mädchen geworden ist.

Werbung oder Unterhaltung?

Im Februar veröffentlichte ZDF Zoom die Doku „Geldmaschine YouTube“, in der es um die oft versteckte Werbung in den Videos geht. Dort heißt es, dass 40 Prozent der Deutschen Youtuber für nahbar und authentisch halten – TV- und Musikstars schnitten hier schlechter ab. Diese scheinbare Authentizität machen sich Firmen zunutze, indem sie Youtuber ihre Produkte bewerben lassen.

Der ZDF-Reporter interviewte auf den Videodays in Köln, der größten Veranstaltung der Youtube-Szene, einige der Sternchen. Bei der Frage nach den Einnahmen kam immer die Antwort, man rede nicht über Geld. Ein Manager verriet jedoch, dass die großen Youtube-Stars mit einem Werbevideo bis zu 180.000 Euro verdienen können. Die Werbung in den Videos sollte eigentlich gut sichtbar gekennzeichnet sein, was aber nicht immer passiert. Auf die Schleichwerbung fallen vor allem junge Zuschauer herein: Laut einer Studie kaufen sechs von zehn Kindern Produkte, die von Youtubern beworben werden.

Auch wenn man noch so gerne YouTube guckt: Viele Videos dienen einzig und allein der Werbung. Deshalb ist es nie verkehrt, genau hinzusehen und zu überlegen, ob die neue Gesichtsmaske aus Elefantenkot, die der Lieblings-Youtuber begeistert in die Kamera hält, wirklich so gut ist. Oder ob er für die Lobeshymne auf das Produkt einfach nur sehr viel Geld bekommt.

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