#FuldaSagtWillkommen #refugeeswelcome

KOMMENTAR VON K. NICO BENSING

Es zählt, Gesicht und Anstand zu wahren

Fulda, wir müssen den Mund aufmachen! Jetzt! Die Zeit ist reif dafür, es zählt, Gesicht und Anstand zu wahren und Moral zu zeigen. Denn wir sind nicht die Hochburg der Rechtspopulisten in Hessen, zu der wir in manchen Medien gemacht werden.

Eine beschämende Liste

Fassen wir kurz die Fakten über unseren Landkreis zusammen, die derzeit das Bild Fuldas in der Republik bestimmen: Anfang November sprühen wir auf die Fassade einer geplanten Flüchtlingsunterkunft das Wort “Assibude”. Ende November stechen wir in Hofbieber Reifen platt, befestigen dazu einen Zettel an der Windschutzscheibe des Autos: “Lasst es oder ihr seid tot.” Auch hier geht es um ein geplantes Heim. Im Februar bekommt der Betreiber einer in Rückers geplanten Flüchtlingsunterkunft vier Drohanrufe von uns, wir lockern die Radmuttern seines Autos und werfen Flugblätter mit Hetzparolen in die Briefkästen der Einwohner. Am 16. März schicken wir der Gemeinde Neuhof eine E-Mail: “Kriminelle Asylschmarotzer”, “Kranke Seucheneinschlepper” und “ungewaschene stinkende Nigger” schreiben wir, natürlich von einem Fakeaccount aus. Kurz darauf belästigen wir auch in Neuhof die Bürger mit ekelhaften Hass-Blättern. Am 17. April geht bei der Stadtverwaltung Hünfeld ein anonymes Schreiben ein, in dem wir mit einem “zweiten Tröglitz” drohen, falls dort wirklich eine Unterkunft entstehen sollte. Am 3. Juni schmeißen wir einen Kinderwagen vom Balkon der Asylbewerberunterkunft in Hosenfeld hinunter in die Tiefe – das hat schließlich Symbolkraft. Das Landeskriminalamt hat jede einzelne unserer Taten als PMK-rechts eingestuft. Politisch motivierte Kriminalität bedeutet das. Wir. Wir sind diejenigen, die das machen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man von uns hat. Ganz unschuldig sind wir daran nicht, denn wir kriegen den Mund nicht auf.

Im Herzen wissen wir es

Allein diese Aufzählung ist beschämend. Sie sollte uns anekeln. Und sie reduziert uns – den gesamten Landkreis – auf diese kleine Gruppe von Idioten. Doch diese paar Hanseln sind nicht wir. Denn wir wissen – uns ginge es genauso -, dass die meisten Flüchtlinge am liebsten in ihrer Heimat geblieben wären. Am liebsten weiterhin ihre Freunde, ihre Mütter und Väter um sich gehabt hätten, am liebsten weiterhin dort wohnen würden, wo sie aufgewachsen sind. Dass sie schweren Herzens und in Hast ihre Koffer gepackt haben – wenn sie überhaupt dazu kamen -, alles hinter sich ließen, aus Angst vor dem Tod – scheißegal, ob es Bomben sind, die ihnen das Leben nehmen – wie in Syrien -, oder ob es die katastrophale wirtschaftliche Lage ist – wie in Albanien. Wir wissen, dass so eine Entscheidung nicht aus Spaß an der Freude getroffen wird. Wir wissen, dass fast jeder, der diesen Schritt geht, nicht aus Gier handelt, sondern Hilfe braucht. Unsere. Und im Herzen wissen wir, dass jeder Somalier, jeder Albaner, jeder Syrer nicht Somalier, Albaner oder Syrer, sondern Junge, Mädchen, Vater, Mutter, Bruder, dass er verdammt noch mal ein Mensch ist.

Wer wollen wir sein?

Also, wer sind wir? Wer wollen wir sein? Fulda, wir sind die Lehrer, die abends nach einem langen Tag noch gratis Deutschunterricht geben. Wir sind die vor Jahren selbst Eingewanderten, die heute ehrenamtlich bei den Behördengängen helfen. Wir sind die, die einen Ort der Begegnung schaffen. Die, die kurz stehen bleiben, um bei der richtigen Busverbindung zu helfen. Die, die lächeln und nicht wegschauen, wenn wir einander erblicken. Aber wir müssen auch die sein, die das laut sagen. Die zeigen, dass diese Leute sich was schämen sollten und wir Anstand haben und Moral und den Menschen eine Hand reichen, wo sie Hilfe brauchen. Die sich quer stellen gegen Rassismus, Fremdenhass, Panikmache und diesen ganzen Bullshit. Die, die die Mauern direkt wieder einreißen, die andere ziehen wollen. Auch wenn es mal Probleme gibt.

Wir müssen Haltung beziehen

Die Bundesregierung hat Mitte dieser Woche die Flüchtlingsprognose drastisch erhöht. Statt der bislang vermuteten 450.000 Flüchtlinge werden es womöglich 800.000 Menschen, die 2015 in Deutschland Schutz suchen, auf Asyl hoffen, aus welchen Gründen auch immer. Für Hessen bedeutet das knapp 55.000, für den Landkreis Fulda knapp 2.500 Neuankömmlinge – also fast sieben Flüchtlinge pro Tag – bis zum Ende des Jahres. Natürlich müssen angesichts dieser Zahlen viele Fragen von der Politik beantwortet werden, Verfahren beschleunigt, Arbeitserlaubnisse schneller erteilt und eine Verteilung auf die EU-Länder gerechter gestaltet werden. Doch es muss auch im Kleinen Haltung bezogen werden. Denn das ist das Einzige, was wir jetzt tun können. Was wir hier in Fulda tun können. Was uns ausmachen kann und uns abgrenzt von den fremdenfeindlichen Idioten.

Wir sagen: “Willkommen!”

Tagesthemen-Kommentatorin Anja Reschke hat es vorgemacht, und ein Busfahrer rührte nicht nur ZDF-Moderator Claus Kleber zu Tränen. Wir sind nicht das Epizentrum der Rechten in Hessen. Wir sagen: “Willkommen!” Fulda, dafür müssen wir jetzt aber den Mund aufmachen. Sonst hört man doch nur die, und wir dürfen denen nicht das Feld überlassen.

Weitere Links:
So können wir Flüchtlingen in Fulda helfen

Anja Reschkes Kommentar:

Claus Kleber im heute journal:

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.