Foto: Rhöner Botschaft

Tobias Schacht war vor gut 15 Jahren kein Unbekannter im Musikgeschäft. Als “Der Junge mit der Gitarre” spielt er sich vor allem mit seinem Hit “Meer sehen” in die Herzen der Deutschen und nimmt sogar am Vorentscheid zum ESC teil. Ab da geht es abwärts, kurz nach seiner zweiten Platte folgt der Rücktritt aus dem Business, mit dem er sich nie so recht anfreunden konnte. Jetzt tritt er am 17. Juli wieder auf. In Hilders. Bei der Grillparty “La Boeuf”. move36 hat ihn interviewt.

Was machst du heute, wo und wovon lebst du?
Ich lebe seit Oktober in Berlin und verdiene meine Brötchen als Deutschlehrer bei Kapitel Zwei am Alexander Platz. Dies habe ich an anderen Schulen auch die letzten vier Jahre in Spanien gemacht. Es ist einfach niemals falsch, Menschen eine neue Sprache zu lehren. Das macht Spaß und ist herausfordernd, zumal meine Schüler buchstäblich aus der ganzen Welt kommen und ich nie weiß, welche Chemie nächsten Monat anliegt. Ich selbst habe Spanisch im Baskenland ohne Bücher oder die Hilfe einer Schule gelernt, sodass es mir wichtig ist, neben dem Lehrbuch auch autodidaktische Lernmethoden zu vermitteln. Das klappt erstaunlich gut. Für mich ist jede Klasse ein dreistündiger Gig, dem es eine Dramaturgie zu verpassen gilt. Dabei bin ich mir nicht zu schade, zwei- bis dreimal im Monat zur Gitarre zu greifen und mit meiner Weltgemeinschaft die Internationale zu trällern (kleiner Scherz).

Hast du aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung getroffen, als du damals zurückgetreten bist?
Ja, allerdings weiß ich heute, dass ich einen Burnout hatte, was ich aber erst viele Jahre später realisierte. Wäre ich damals zum Arzt gegangen, wäre es wahrscheinlich auf eine Auszeit hinausgelaufen. Dennoch habe ich das Musikgeschäft und die Rolle als Person der Öffentlichkeit nie vermisst. Meine Fans aber schon.

Wie bewertest du deinen ESC-Auftritt heute? Bist du froh dabei gewesen zu sein – oder eher nicht?
Aus heutiger Sicht mein größter Fehler. Ich saß damals bei Harald Schmidt in der Show und wollte sagen, dass ich leider am kommenden Samstag nicht auftreten kann, weil der ESC nichts mit Musik zu tun hat. Es ist ein Viehmarkt wie auch DSDS und andere Formate, wo die Musik nur als Transmitter missbraucht wird, um die nächste Eintagsfliegenhackfresse zu vermarkten. Es geht um Projektionsflächen einer ewigen Konformismus propagierenden Industrie, die Gleichschaltung und Verdummung als gute Unterhaltung deklariert. Tatsächlich ist dies aber zutiefst kunstfeindlich. Ein Künstler sollte immer den Anspruch haben unvergleichlich zu sein, weshalb er sich niemals einem Vergleich aussetzen sollte. Musiker gegeneinander antreten zu lassen, um einen Gewinner durch einen demokratischen Prozess zu küren, ist zumindest paradox. Kunst ist immer ein diktatorischer Prozess, der für sich selbst und nichts anderes stehen sollte. Aber die Vorstellung, man könnte alles demokratisieren und allein dadurch Werte und Normen zu schaffen, ist sowieso die größte Idiotie unserer Zeit.

Der Junge mit der Gitarre

160630djmdgTobias Schacht wächst in Münster auf, macht eine Gitarrenausbildung und bekommt später ein Jazzstipendium in Texas. Er studiert Psychologie, bricht ab, arbeitet danach bei einer Plattenfirma, später bei einer Werbeagentur. Für diese “bucht” er sich selbst für einen Zigarettenstand auf dem Bizarre-Festival. Einige Jahre hintereinander. Dort sagt er dann, mehr verlegen als aus Überzeugung, dass er “Der Junge mit der Gitarre” (DJMDG) ist, weil er gar keinen richtigen Namen für sich hat. 2002 kommt seine erste EP (“Meer sehen”), danach das erste Album “Dagegen”, das von Kritikern gefeiert wird.

2003 macht er auf Vorschlag der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” beim ESC-Vorentscheid mit – und scheitert grandios: vorletzter Platz. Dennoch kommt zwei Jahre später die zweite Platte (“Im Affekt”), die dann schließlich zu seinem Rücktritt aus dem Musikgeschäft führt – Kritiker beschimpfen ihn wüst für seine rauen Texte, sogar Drohungen werden ausgesprochen. Im Februar 2005 spielt er sein letztes Konzert. Bis jetzt. Im Juli tritt DJMDG erstmals wieder öffentlich auf, und zwar in Fulda.

Wie erklärst du dir die vielen Anfeindungen nach deinem zweiten Album „Im Affekt“?
Ich erkläre mir keine Anfeindungen. Ich hab auch sonst keinen Fetisch.

Du hast immer betont, vor allem du selbst zu sein und kein Produkt der Musikindustrie sein zu wollen – ist dir das letztlich zum Verhängnis geworden?
Wenn mir irgendetwas zum Verhängnis geworden ist, dann ich mir selbst. Soviel Verantwortung muss sein. Die Opferrolle liegt mir nicht. Aber authentisch zu sein, wird überschätzt. Ob ich mich immer und zu allen Zeiten selbst erkenne, ändert nichts an der Tatsache, dass ich bin, was ich bin und somit wer ich bin und wie ich bin. Ich bin – das sollte reichen. Wo ist also das Verhängnis?

Hast du ab und zu noch kleine Konzerte gespielt oder war das nach deinem Rücktritt komplett Geschichte?
Sagen wir so: Ich habe sehr wenig gespielt. Allerdings habe ich in Bilbao oft Straßenmusik gemacht. Ich habe komponiert und produziert. Mich auch mit Malerei beschäftigt und zwei Bücher geschrieben. Ich habe mich immer als Künstler gesehen, denn im Grunde spielt es keine Rolle für mich, ob ich male, schreibe oder musiziere. Es geht immer um Ausdruck, Schönheit und Verarbeitung. Nur die Person der Öffentlichkeit gab es definitiv nicht mehr.

Warum trittst du jetzt wieder auf? Und warum bei der Gartenparty „La Boeuf“ in Fulda?
Ich wurde gefragt. Und es ist eine Gelegenheit für Menschen zu spielen, die ich schon vor 15 Jahren vor meinen Bühnen gesehen habe. Es ist eine besondere Location und es könnte einfach ein sehr angenehmer Abend werden. Ich habe übrigens keine Freundin (schlechter Scherz).

Worauf darf man sich freuen an dem Abend? Spielst du nur alte Songs oder ist auch was Neues dabei?
Man darf sich immer auf alles freuen. Ich werde neue und alte Songs zum Besten geben. Einen Teil meines Programms habe ich in Spanien entwickelt, und der fügt meiner Show einen Aspekt hinzu, der meinem deutschen Publikum noch unbekannt ist. Das wird eine Überraschung und auch für mich spannend. Ansonsten werde ich um ein paar Hits sicher nicht drumrumkommen. Ich glaube, es wird für alle Beteiligten ein besonderes und schönes Konzert. Mal sehen, was noch geht.

Wie sieht es danach aus? War das eine einmalige Sache oder kann man dich jetzt wieder öfters sehen? Gibt es vielleicht sogar Albumpläne? Das Liedermachen feiert ja in Deutschland eine Renaissance … warum nicht auch du?
Ich möchte definitiv ein neues Album machen, aber vor allem live spielen. Und wer mich wo auch immer gerne spielen sehen will, der soll mich unter Tobias Schacht auf Facebook kontaktieren (ich bin der mit der Mütze über den Augen). Ich möchte 2017 die längste Wohnzimmertour aller Zeiten machen. Ich will 300 Wohnzimmer in ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien finden, die mich 2017 zu sich einladen, und noch einmal mit dem Wohnmobil durch Europa unterwegs sein. Ich spiele im Plattenbau und in der Millionärsvilla. Am liebsten wären mir natürlich reine Mädchen-WGs, aber egal. Das ganze soll dokumentiert und letztendlich zu einem Film zusammengeschnitten werden. Ich habe schon immer am liebsten in Wohnzimmern gespielt. Das Feedback ist einfach unbezahlbar.

La Boeuf – Die Grillféte

Die Rhöner Botschaft veranstaltet zum zweiten Mal „La Boeuf – Die Grillfete“. Am 17. Juli gibt es für alle Freiluft-Chiller und Sonnen-Hungrige wieder köstliches Grillgut und Live-Musik. Ab 11 Uhr startet La-Boeuf auf der Karl-Heise-Hütte mit einem BBQ LeistStyle. Eine Cocktailbar lädt zum Verweilen und vor allem zum Kosten ein. Eine Tombola mit Gewinnen im Wert von 3000 Euro gibt es ebenfalls.

Highlight ist neben dem Kulinarischen sicher das musikalische Rahmenprogramm. Ab 11 Uhr versorgt DJ Björn Mandry aus Köln die Gäste mit chilligen Deephouse-Klängen. Als Nummer 1 der iTunes-Music Charts ist er genau der Richtige, wenn es um chillige Sommerbeats geht. Gegen 14 Uhr spielt die Band NitroGin aus Hilders, bevor dann gegen 17 Uhr der Auftritt des „Jungen mit der Gitarre“ ansteht.

Date: 17. Juli, ab 11 Uhr
Location: Karl-Heise-Hütte in Hilders
Tickets: VVK 19 Euro, AK 25 Euro. Im Preis inbegriffen ist das Grillbüfett. Karten können in der Rhöner Botschaft in Hilders (Tel.: 06681/9770), per Mail oder online bestellt werden.

Das kannst du dir nicht entgehen lassen? 

move36 verlost move36 4×1 Karten.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.