Die Tage werden länger, die Sonnenstrahlen wärmer, die Natur wird wieder grüner, und die Mundwinkel der Menschen, denen man so begegnet, winden sich immer öfter zu einem Lächeln – es ist ansteckend, es ist Frühling! Doch was steckt da eigentlich an? Frühlingsgefühle, ja – aber sind sie echt oder nur eingebildeter Schmu?

Ein Text von Daniel Beise mit Material von dpa

Jeder kennt mindestens einen Menschen, der mehr oder weniger an Winterdepression leidet, und man selbst kann diese Gefühle nur allzu gut nachvollziehen – ist doch eigentlich jeder irgendwie dieser Lethargie in der grauen Jahreszeit verfallen. Doch nur ein paar Stunden Vitamin D und ein paar Grad mehr auf dem Thermometer genügen, um alles Negative mit dem Pollenflug wegzuwehen. Und mit dem Erwachen der Natur flammt bei Menschen oft auch die Partnersuche wieder auf.

Woher diese Euphorie, wie entstehen Frühlingsgefühle?

 

Doch woher diese Euphorie, wie entstehen Frühlingsgefühle? Und warum beschäftigen sie uns so sehr? Eine Psychologin und ein Hormonexperte klären auf – zwischen verbreiteten Annahmen und gesicherten Fakten:


Ist das alles nur Einbildung?

Annahme: Frühlingsgefühle sind nur Einbildung.
Faktencheck: “Das Frühlingsgefühl existiert. Man spürt ein Gefühl der Aufbruchstimmung, ein Gefühl, Ballast abzuwerfen von der kalten, dunklen Winterzeit”, sagt Mathias Weber, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Die zunehmende Helligkeit führe zu mehr Tatendrang.


Und was genau passiert in unserem Körper?

Annahme: Weil es wärmer wird, werden wie aktiver.
Faktencheck: Richtig, und die Wärme sorgt nicht nur für bessere Laune. Durch die zunehmende Lichteinwirkung über das Auge wird das Schlafhormon Melatonin in der Zirbeldrüse im Gehirn reduziert, infolge steigt das Glückshormon Serotonin, aber auch mehr Dopamin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Man ist aktiver, wacher. Aber nicht nur das Auge nimmt den Frühling war, erzählt Hormonexperte Weber. “Man riecht förmlich, dass der Frühling wieder beginnt, wenn der erdige Geruch des Bodens in den Sonnenstrahlen einem in die Nase steigt.”


Aber erwacht der Mensch auch wirklich wie die Natur?

Annahme: Die innere Uhr sagt uns: Es ist Zeit, durchzustarten.
Faktencheck: Falsch, das ist vielmehr ein subjektives Befinden und nicht auf biochemische Vorgänge zurückzuführen, die uns erwachen lassen wie die Natur. “Wenn ich ein munterer Winterspaziergänger bin, leide ich seltener an saisonaler Depression”, erklärt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst. Wer aber in den dunklen Monaten viel Licht tankt, nimmt gleichzeitig die Frühjahrssonne weniger intensiv wahr.


Wie sieht es mit der Partnersuche und dem großen Flirten im Frühling aus?

Annahme: Frauen tragen kürzere Röcke, Männer präsentieren im T-Shirt ihren Bizeps – das lockt Partner an.
Faktencheck: Gesundheitspsychologin Scharnhorst ist skeptisch: “Das hat vielmehr etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun”. Nach dem Motto: Draußen tut sich was, also muss sich auch in meinem Leben etwas verändern. Weber hingegen erklärt: “Durch hormonelle Einwirkungen wie die Pille, durch Winterreisen und andere künstliche Bedingungen können die natürlichen Reize heute abgeschwächt werden. Aber sicherlich sind sie immer noch vorhanden.”

In der Geburtenrate drückt sich das jedenfalls nicht mehr aus – war sie bis ins 16. Jahrhundert im März noch 20 Prozent höher als im Durchschnitt, ist sie heutzutage nur unwesentlich über dem Schnitt. Gezeugt wurden viele Kinder damals also im Juni, der astronomisch auch noch zum Frühjahr gehört.

Auf Partnerbörsen hingegen zeigt sich: Der Frühling ist eine flirtreiche Saison. Im Vergleich zum Herbst verzeichnet das Portal Parship.de elf Prozent, Konkurrent Elitepartner.de sogar 17 Prozent mehr Registrierungen. Zudem sind die User aktiver: Rund zwölf Prozent mehr Erstnachrichten als im Herbst werden verschickt.


Und warum sind Frühlingsgefühle überhaupt jedes Jahr aufs Neue wieder so ein Thema?

Annahme: Unsere inneren Veränderungen beschäftigen uns so sehr, dass wir sie allen mitteilen müssen.
Faktencheck: Nein, Ursachen sind vor allem unser Zusammenleben und unsere Tendenz zur Selbstbespiegelung in der westlichen Welt, meint Psychologin Scharnhorst. “Wir neigen dazu, leichte Änderungen recht unspezifisch zu interpretieren. Geht es uns heute gut, sagen wir: Oh, das müssen die Frühlingsgefühle sein. Fühlen wir uns schlecht, ist es die Frühjahrsmüdigkeit.” Außerdem sei es kein Zufall, dass wir ständig übers Wetter reden. “Ritualisierte Gespräche über Themen, bei denen jeder mitsprechen kann, haben eine soziale Funktion. Durch sie lässt sich Kontakt und Ähnlichkeit zwischen Menschen herstellen.”


Sind Frühlingsgefühle bei anderen Kulturen auch so präsent?

Ja, auch in Nordamerika gibt es das “Spring Fever”, erzählt Hormon-Experte Weber. “Aber je näher man dem Äquator kommt, desto geringer sind die Unterschiede zwischen Tag und Nacht, zwischen Sommer und Winter. Umso weniger gibt es dort also Frühlingsgefühle.”

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