Flüchtlingsströme, Suche nach Unterkünften und Integration – das Thema Flüchtlinge wird uns noch lange Zeit beschäftigen. Neben den erwachsenen Asylsuchenden, kommen auch viele Kinder in die Barockstadt, die in den Schulen des Landkreises die deutsche Sprache lernen. Koordiniert wird das über das Aufnahme- und Beratungszentrum in der Domschule. Was das Zentrum macht und wie der Unterricht in einer solchen Intensivklasse abläuft, haben wir uns angesehen. 

Ein Text von Melissa Schmitt

Als ich am Mittwoch zur zweiten Stunde in die Intensivklasse der Domschule komme, werde ich sofort von neugierigen Jugendlichen angeschaut. Ich stelle mich kurz vor, setze mich an einen Tisch und beobachte die Jungen und Mädchen verschiedener Altersgruppen beim Unterricht. Deutsch steht auf dem Stundenplan. Auf dem Fach liegt natürlich der Schwerpunkt ihrer Schulwoche, aber ihre Lehrerin, Nancy Neuhof-Tajani, versucht, ihren Schülern auf kreative Art und Weise diese neue Sprache näher zu bringen.

Die Jugendlichen hier sind zwischen 12 und 17 Jahren alt und kommen aus den verschiedensten Regionen der Welt. An einer Karte haben sie mit Fähnchen markiert, wo ihre Heimat ist. In den Intensivklassen, die es inzwischen an den meisten Fuldaer Schulen gibt, werden die Schüler auf den Unterricht in den regulären Klassen vorbereitet. Ohne Deutsch zu können, ist nicht daran zu denken, mit Chemie- oder Physik-Unterricht auf Deutsch klar zu kommen. Drei dieser Klassen  für die Sekundarstufe I und eine Grundschulintensivklasse gibt es an der Domschule. Ein Ziel haben sie hier aber alle: einen Schulabschluss.

“Die Intensivklassen sind für die Schüler auch ein Stück Schutz, ein geregelter Ablauf”, erklärt Nancy Neuhof-Tajani. Auch deshalb werden die Intensivklassen als Einstieg bevorzugt. Hier können die Schüler erstmal gemeinsam Deutsch lernen, haben ihre festen Klassenkameraden, feste Lehrer. Sobald sie fit in der Sprache sind, werden sie in die Regelklassen eingeschult. “Das Lernen selbst ist oft nicht das Problem, aber der Zugang ist oft ein schwieriger. Die Schrift zum Beispiel, oder dass sie Methoden nicht kennen, oder Inhalte noch nicht hatten. Aber, das muss man auch sagen, manchmal sind diese Schüler leichter zu handhaben, als unsere Schüler. Weil sie wollen, weil sie nach der langen Zeit glücklich sind, ein normales Leben führen zu können.”

Die Atmosphäre ist sehr locker. Kein Melden, kein still Zuhören. Wenn die Schüler etwas wissen, dann sagen sie es einfach. Aber sie machen auch Frontalunterricht. Nur bei Ruhe können sich die Schüler voll auf die Aussprache der Worte konzentrieren, die Unterschiede erkennen. Heute sollen die Jugendlichen Plakate zu den Räumen einer Wohnung gestalten. In Gruppen schneiden sie aus Heften und Prospekten die Dinge aus, die zu ihrem Raum passen. Währenddessen wird viel miteinander geredet. Größtenteils auf Deutsch – natürlich. Aber ab und an dürfen sie sich auch Begriffe, die nicht gleich klar sind, in ihren Muttersprachen erklären, werden sich selbst zu Dolmetschern.

Natürlich laufe nicht immer alles gut. Wie bei deutschen Schülern auch, gäbe es auch unter den Flüchtlingskindern Streitereien, auf die die Lehrer reagieren müssen. Zwischen den Ethnien käme das ab und zu vor, erklärt die Lehrerin. Aber auch, wenn es um die Liebe geht. “Gerade wenn sich ein Junge in ein Mädchen verguckt und vielleicht das Verhalten nicht richtig deutet, kann es problematisch werden. Der arabische Stolz ist ein anderer als der Deutsche. Da führen wir dann Gespräche, auch mit den Mädchen, erklären die Unterschiede in den Kulturen. Das gibt sich dann mit der Zeit.”

Mit den deutschen Mitschülern gäbe es keine Probleme, sagt Nancy Neuhof-Tajani. “Unsere Schüler, aber auch die Eltern, sind darauf vorbereitet, weil wir immer schon Schüler mit Migrationshintergrund haben. Das hat sich etabliert.”

Nach 45 Minuten sind bunte Plakate entstanden. Neben Deutsch lernen die Schüler in den Intensivklassen Mathe, Englisch, machen Sport – werden auf den Unterricht in den Regelklassen, aber auch auf das Leben in Fulda vorbereitet. Und wer beispielsweise in Physik besonders gut ist, nimmt schon direkt an einzelnen Fächern im Regelunterricht teil. „Mathe und Physik sind gut”, sagen mir Michaele Bereket und Diar Asad, zwei meiner heutigen Klassenkameraden. Sie sind bereits in der achten Klasse und heute nur auf Besuch in der Intensivklasse. „Am Anfang war es schwer, aber dann ging es mit der Zeit“, antworten sie auf meine Frage, wie sie mit der deutschen Sprache zurechtkamen. Außerdem verraten sie mir, dass sie am ersten Schultag alle ein bisschen Angst hatten und schüchtern waren. Mit anderen zu reden, fiel da noch richtig schwer. Davon habe ich heute gar nichts mehr gemerkt.

Aber jeder von ihnen hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Schulstress ist da Nebensache. Leonora Nega aus Albanien erzählt mir: „Ich bin nur mit meinem Bruder hierher gekommen, und deshalb vermisse ich meine Eltern und meine Familie sehr.“ „Ich auch, aber auch meine Freunde fehlen mir“, fügte Michaele Bereket hinzu. Feste Ziele sind eine Methode, damit klar zu kommen. Und die haben die meisten Hier. Als Traumberuf werden mir beispielsweise Archäologe und Anwältin genannt.

In Fulda leben sie sich langsam ein. Der größte Unterschied zu ihren Heimatländern? „Das Wetter“, heißt es blitzschnell, und ich ernte ein Lachen.

Im Schulamtsbezirk kommen momentan im Schnitt 100 Schüler mit geringen oder gar keinen Deutschkenntnissen pro Woche an. Dabei wird nicht zwischen Asylbewerbern, Flüchtlingen oder Zuwanderen unterschieden, sondern die Gruppe unter “Seiteneinsteiger” zusammengefasst. Von sechs bis 16 Jahren sind Kinder und Jugendliche schulpflichtig, zwischen 16 und 18 haben sie ein schulrecht, können also beispielsweise an einer der Berufsschulen wie der Richard-Müller-Schule ihren Schulabschluss machen. Derzeit werden in den allgemeinbildenden Schulen 460 Seiteneinsteiger unterrichtet, 240 davon in Intensivklassen. Die Jugendlichen mit Schulpflicht werden im Aufnahme- und Beratungszentrum an der Domschule entsprechend der Kapazitäten und ihres Bildungsstandes auf Schulen verteilt.

Intensivklassen gibt es für das Grundschulalter an der Bonifatiussschule, der Cuno-Raabe-Schule, der Grundschule Wüstensachsen und an der Domschule. Die älteren Schüler der Sekundarstufe I werden an der Domschule, der Don-Bosco-Schule, der Bardoschule, der Jahnschule Hünfeld, der Konrad-Adenauer-Schule, der Johannes-Kepler-Schule Neuhof, der Lüdertalschule Großenlüder und der MPS “Hohe Rhön” unterrichtet.

Die Unterschiede zwischen den Schülern sind nicht nur aufgrund der verschiedenen Nationalitäten sehr groß. “Einige finden sich sofort ein, haben vielleicht auch ein Talent für Sprachen”, erklärt Nancy Neuhof-Tajani. “Dann geht es schnell. Einige sind aber auch sehr lange unterwegs gewesen, manchmal mit verschiedenen Zwischenstationen. Wir haben Fälle – auch wenn es sehr wenige sind – die waren noch nie in der Schule.” Dazu komme, dass bei einigen Schülern der Status noch nicht geklärt ist, sie also eventuell nach kurzer Zeit in eine andere Region geschickt werden.

Gemeinsam mit ihren Kollegen Werner Staubach, Hedwig Wieser, Antje Renner, Stefan Lükewille und Jürgen Schwab nimmt sie die Kinder und Jugendlichen in Empfang, schätzt ein, welcher Weg am besten geeignet ist, berät aber auch die Eltern. Über Patenschaften zwischen den Schülern wird den Flüchtlingen das Ankommen gerade bei den Jüngeren erleichtert. Über Sportvereine und gemeinsame Interessen gehe das oft schnell.

Nicht nur für Schüler, auch für die Lehrkräfte ist die Situation eine Herausforderung. “Vorbereiten können Sie sich darauf nicht wirklich”, erklärt Nancy Neuhof-Tajani. Natürlich gebe es Handreichungen, aber ob ein Schüler ein Trauma hat, das irgendwann durchkommt, weiß der Lehrer nicht. Hier wird auch der Einsatz von Schulpsychologen gefragt. Dolmetscher für die Schulen sind eine Seltenheit, oft behilft man sich mit den Zweitsprachen, die die Lehrer beherrschen, oder zieht ausländische Schüler aus höheren Klassenstufen heran

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