Der harte, aktive Kern Ende Februar vor der Coronakrise – sie möchten das Café Panama unter dem Dach eines neuen Kulturvereins in Fulda wieder aufleben lassen, von links: Jasmin, Patrick, Lilith, Mico, Kevin, David und Manou sowie oben von links: Martin, Philipp, Hannah und Clara. Außerdem im Bild: Davids und Hannahs Sprössling. (Foto: Daniel Beise)

Es beschäftigt viele Menschen in Fulda, vor allem jüngere – dieses eine Thema, das auch unsere Redaktion spätestens seit der Schließung des Café Panama 2016 im ehemaligen soziokulturellen Zentrum L14 immer wieder begleitet: das Wegsterben subkultureller Locations. De facto gibt es hier aktuell keinen einzigen beständigen Ort, wo Künstler*innen sich unbürokratisch austoben können. Allenfalls in der Jugendkulturfabrik. Eine Gruppe Kulturschaffender möchte das endlich wieder ändern. Sie hat sich Ende letzten Jahres organisiert und nun den Verein “Panama Kultur” gegründet.

move36-Redakteur Daniel war Anfang des Jahres bei ein paar Treffen dabei. Dann kam bekanntlich Corona – was das ganze Vorhaben natürlich ausgebremst hat und weiterhin bremst hinsichtlich Events und Location-Suche.

Eigentlich ist die Geschichte schnell erzählt: Das Grundstück in der Langebrückenstraße 14, wo unter dem Dach des Jugendwerks der AWO über 20 Jahre ein soziokulturelles Zentrum gewachsen ist, wird 2016 verkauft. Die neuen Besitzer planen: Abriss der alten Gebäude und neue Wohnungen. Ein Aufschrei geht durch die subkulturelle Szene, damit drohe Fulda ein herber Verlust. Die vielen sozialen und künstlerischen Initiativen und Vereine verlieren rund zwei Jahre später ihre Heimat und ziehen in die Lindenstraße 2 um – bis auf eine Szene samt Ort: Konzertgruppe, DJ-Kollektive und das Café Panama. In der neuen Location können die Musikinitiativen nix reißen. “Ein seltener Freiraum für Begegnung, Musik, Tanz und Kunst, ein Geheimtipp für sehr publikumsnahe und intensive Konzerte”, wie der Verein “Panama Kultur” auf seiner Seite schreibt, ist Geschichte. Und Ende vergangenen Jahres wird mit dem Underground, dem Heim des Jugendhilfevereins Youropa, “der letzte Goldfisch vom Hai geschluckt”, so damals Verena Schulenberg aus dem Vereinsvorstand. Ohne die vielen Aktiven hätte Fulda längst ausgerockt, sagte sie im Interview für unsere Titelgeschichte der Sommerausgabe 2019.

Eine neue Dynamik, seit das Underground dicht ist

“Bye-bye, Subkultur?”, hatten wir hier auf dem Cover gefragt. Zugespitzt: Ertrinkt Fulda bald im Einheitsbrei? Die Antworten vieler Künstler*innen und Veranstalter*innen waren ernüchternd – wie auch die der Stadt, die stets auf das Kulturzentrum verweist, das im Rahmen des Stadtumbaus West dann in einigen Jahren bei der Jugendkulturfabrik entstehen soll. Welche Initiativen da schließlich wie unterkommen, ist nicht klar. Und überhaupt: Bis dahin sei die Szene schlicht tot, sie bräuchten jetzt eine neue Location. Das betonen viele Kulturschaffende immer wieder.

Doch ganz verschwunden ist sie noch nicht – die Subkultur. Denn die Menschen, die Aktiven und die Feiernden, sind ja noch da. Und seit einiger Zeit regt sich wieder was. Im Juni 2018 entstand die Facebook-Gruppe “Initiative für kulturellen Freiraum in Fulda”, die inzwischen “Panama Kultur e.V. – Support Group” heißt. Und seit Sommer vergangenen Jahres treffen sich wieder zweimal im Monat gut ein Dutzend Kulturschaffende, um der Stadt wieder ein Café Panama zu schenken.

Das Interesse ist verhältnismäßig groß, mehr als 250 Unterstützer*innen hat die Gruppe. Doch es sind wohl weit mehr, die hier wieder regelmäßig hingehen würden. “Die Gruppe, die sich regelmäßig trifft, besteht hauptsächlich aus Musikern, DJs, Künstlern und Veranstaltern, die immer weniger Locations bespielen oder nutzen können”, sagt David Bäumer vom Verein. Gerade seit das Underground geschlossen ist, sei eine neue Dynamik entstanden.

Du hast Bock, dich für kulturellen Freiraum in Fulda zu engagieren?

Dann schau doch mal auf cafepanama.de vorbei, der Seite des Vereins. Gerade wurde hier der Mitgliedsantrag online gestellt. Auch kannst du die Aktiven über ihre Facebook-Gruppe “Panama Kultur e.V. – Support Group” kontaktieren.

Der 35-Jährige hat früher Events im Café Panama mitorganisiert. “Als wir über den Namen des Vereins und die neue Location nachgedacht haben, sind wir letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass wir den Namen beibehalten wollen, weil er uns alle verbindet und einfach bekannt ist”, so David weiter. Die Vereinsgründung außerdem deshalb, um über die Mitgliedsbeiträge finanziell und politisch unabhängig zu bleiben. “Das ist für uns sehr wichtig, damit wir unsere Events mindestens einen Monat im Voraus planen können und nicht immer wieder Sponsoren oder andere Unterstützer anfragen müssen”, erklärt er.

“Dragon Dreaming” – eine alternative Projektgestaltung

Bis so ein Verein aber letztendlich gegründet, die Satzung formuliert, die Gemeinnützigkeit sichergestellt und beim Finanzamt eingetragen ist, braucht es viel Gehirnschmalz, Recherche und Absprache im Team. Viele Beispielsatzungen von vergleichbaren Kulturvereinen haben sie durchgeackert, zudem Unterstützung vom Förderverein für Kultur, Ökologie und Kommunikation (KÖK), dem Kino35 und Welcome In bekommen und letztendlich auf dieser Basis ihre eigene Satzung entworfen. Seit Kurzem ist “Panama Kultur” nun ein eingetragener gemeinnütziger Verein.

Außerdem haben sie in den vergangenen Monaten ein sogenanntes “Dragon Dreaming” durchgeführt. “Das ist eine alternative Projektgestaltung, in der wir vier Phasen durchlaufen”, erklärt David. Die Traum-, Planungs-, Handlungs- und Feierphase. Die erste Phase sei abgeschlossen. “Wir haben einen Traum, eine gemeinsame Vision entwickelt, hinter der jede und jeder von uns steht”, so der Mitbegründer.

Der Traum

Bild: “Panama Kultur e.V.”

Nun seien sie in der Planungsphase, in der sie spielerisch Finanzierung, Öffentlichkeitsarbeit sowie Philosophie und Selbstverständnis durchdenken und konzeptualisieren. So wollen sie beispielsweise auch ein Nachhaltigkeitskonzept erarbeiten. “In den nächsten Tagen haben wir dann auch ein Vereinskonto, und dann können wir loslegen damit, Mitglieder zu werben oder Förderanträge für Projekte zu stellen”, sagt David.

David (links) und Manou haben früher Partys und Konzerte im Café Panama im ehemaligen Kulturzentrum L14 organisiert. Clara ist im September 2017 zum Studieren nach Fulda gekommen und hat von der alten, populären Location nur noch sehr wenig mitbekommen. Außerdem im Bild: Davids Sprössling. (Foto: Daniel Beise)

Das nächste große Vorhaben haben sie erstmal hinten angestellt: eine neue Location zu finden. Als Vereinsheim und Veranstaltungsort. “Wir wollen finanziell und inhaltlich besser aufgestellt sein, bevor wir was mieten”, erklärt David. Aber natürlich hielten sie die Augen offen und seien dankbar für jeden Tipp.

Vor der Coronakrise hätten sie noch viele Anfragen von Bands aus dem In- und Ausland bekommen. “Wir mussten allen absagen, das zeigt aber, dass wir eine gefragte Location waren, und das überregional”, so der Verein auf seiner Seite. “Wir wollen auf jeden Fall die Sicherheit, dass uns der Ort nicht in zwei Jahren wieder weggenommen wird”, sagt Clara Einsiedel. Das alte Panama in der ehemaligen L14 hat die 23-Jährige nicht lange miterlebt, 2017 ist sie aus Saalfeld in Thüringen nach Fulda zum Studieren gekommen und hat Bock, sich für die Kulturszene einzusetzen.

Nicht nur Partys und Konzerte, sondern Kultur in jeder Form

“Für uns ist sehr wichtig zu betonen, dass es nicht allein um Musik und Konzerte geht, sondern um einen Raum, wo zum Beispiel die Zirkus- und Trommelgruppe endlich wieder üben und laut sein können, wo Tanz und Kunst stattfinden kann”, so Clara weiter. Dass auch andere Leute die Chance hätten zu sagen: “Hey, wir sind eine Truppe von ein paar DJs und würden gerne mal was reißen, können wir das irgendwie bei euch organisieren?”

“Bei uns sind keine kapitalistischen Gedanken dahinter, wir wollen einfach unbürokratisch und selbstverwaltet einen kulturellen Raum zur Verfügung stellen”, ergänzt Manou Wolfsgruber, Sänger der Fuldaer Stoner-Grunge-Band Grained und schon seit vielen Jahren Mitglied der Panama-Konzertgruppe. “Wenn wir damals Knete machen wollten, dann nur um eine Band zu engagieren, die wir gerne hier anbieten wollten”, so der 29-Jährige weiter. Wie wichtig darüber hinaus so ein soziokulturelles Zentrum wie die ehemalige L14 für die Jugend ist, hat 2017 Matthias Apel in den Fokus seiner Masterarbeit gestellt, worüber er mit uns damals gesprochen hat.

“Das Engagement dort war mehr als Ehrenamt”

Und wie alle anderen hofft die bunte Truppe von “Panama Kultur” nun, dass die Coronakrise endlich vorüber ist und Kulturschaffende wieder geregelt ihrer Arbeit oder wie hier ihrem ehrenamtlichen Engagement nachgehen können. Und sie setzt alles daran, viel Support zu bekommen, damit sie möglichst bald einen geeigneten Raum findet, wo die Szene wieder aufleben kann. Sie möchte Fulda einen Ort geben, der wachsen und gedeihen kann – frei von jedweder Diskriminierung und so wie damals:

“Das Panama war kein sehr bequemer Ort, hier und da dreckig, alt und verstaubt und chaotisch, aber voller Charme und sehr viel Liebe. Es war ein Begegnungsort, für viele sehr wichtig in ihrer persönlichen Entwicklung. Das Engagement dort war mehr als Ehrenamt, es lebte aus sich heraus ohne eine Organisation oder einen Träger, der die Projekte und Gruppen finanzierte.”

So die eindrückliche Beschreibung auf der Vereinsseite.

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Youropa, Underground, Vereinsheim, 2019

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