Shaggy, Kulturkolumne, Kolumne, Corona, Kreuz
Shaggy – populäres Gesicht in Fulda – erzählt für move36 von seiner Arbeit während der Coronakrise. (Foto: Felix Weigl)

Ein allseits bekanntes Fuldaer Gesicht erzählt für move36 von seiner Kulturarbeit während der Coronakrise: Michael „Shaggy“ Schwarz hat die Zeit sinnvoll genutzt, hofft aber auch, dass bald wieder Konzerte, Kabarett und vieles mehr normal stattfinden können. Klar ist: Die Kultur- und Eventbranche sind mit am härtesten getroffen von der Pandemie.

Von Michal “Shaggy” Schwarz

Als mich die Kollegen*innen von move36 gefragt haben, ob ich ein paar Gedanken und Anekdoten zur Kultur in der Coronakrise niederschreiben möchte, war ich sofort dabei. „Klar mache ich das!“ Seit vielen Jahren bin ich als Mitarbeiter im Kulturverein Kreuz ein fester Bestandteil der Fuldaer Kulturszene.

Auch auf der Bühne habe ich mir inzwischen einen Namen gemacht. Bereits in der Grundschule stand ich in einem Schattenspiel auf den berühmten Brettern, die die Welt bedeuten. Seitdem hat mich diese Faszination nicht mehr losgelassen: Schultheater, Jugend- und Amateurtheatergruppen, Aus-, Weiter- und Fortbildungen in Clownerie, Schauspiel, Moderation und Improvisationstheater – insbesondere in Letzterem wollte ich mich kürzlich weiterentwickeln.

Tja – aber dann kam das, was unser Leben erstmal für längere Zeit komplett verändert hat: die Coronapandemie. Ich kann mich gut erinnern, wie ich mich bei einer unserer letzten Veranstaltungen Anfang März in der Moderation sogar noch lustig darüber gemacht hatte. Aus heutiger Sicht natürlich alles andere als witzig. Denn wenige Tage später mussten wir alle weiteren Events absagen.

Werden Künstler*innen in Hartz IV getrieben?

Am 12. März spielte die wunderbare Liedermacherin Anna Depenbusch noch bei uns in der Orangerie die Premiere ihrer neuen Tour. An diesem Tag trudelten immer mehr Hiobsbotschaften ein und ein Teil ihrer Fans erschien gar nicht mehr zum Konzert. Während des Auftritts erfuhr Anna, dass der Rest ihrer Tour bis auf Weiteres abgesagt werden musste.

Ab da veränderte sich unsere Arbeit radikal. Sie bestand nicht mehr darin, Künstler*innen zu buchen und Konzerte zu planen. Bestehende Veranstaltungen verlegen, absagen und die ganze Misere nach außen kommunizieren war nun Alltag – gepaart mit der Angst, wie es überhaupt weitergehen kann und wird. Die Kultur- und Eventbranche war die erste, die ihre Pforten schließen musste, und wird die letzte sein, die irgendwann wieder geregelt öffnen darf. Viele in dem Sektor werden diese Krise leider nicht überstehen.

Im Sommer schimpfte Andreas Lutz, Vorstand des Verbands der Gründer und Selbstständigen in Deutschland, im „Handelsblatt“, die Regierung behandele Soloselbstständige als “Erwerbstätige dritter Klasse” – weil die Hilfen kaum ausreichend und nur für Betriebs-, aber nicht Lebenshaltungskosten seien. Und mal ehrlich: Welche*r Soloselbstständige hat schon große Büroräume oder gar Angestellte? Auch etliche meiner Künstlerkollegen und -kolleginnen haben Absagen bei den Corona-Soforthilfen bekommen, da sie die Auflagen nicht erfüllen. Hartz IV war die einzige Alternative. Was für ein Gefühl muss das sein, wenn du seit Jahren erfolgreich auf der Bühne stehst – und plötzlich musst du Arbeitslosengeld II beantragen?

So lässt sich kein Geld verdienen

Mit einigen Lockerungen folgten Anfang Juli zwar die ersten Veranstaltungen unter Coronaauflagen, doch das wird die Branche in ihrer Breite nicht retten: Sicherheitsabstand bedeutet eben auch, dass bei uns nur ungefähr 15 Prozent der Kapazität genutzt werden können. Damit lässt sich kein Geld verdienen. Generell finde ich, dass es uns Kulturschaffenden schwerer gemacht wird. Schaut man sich die Auflagen an, kommt man schnell auf den Gedanken, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Während beispielsweise in der Gastronomie wieder zehn Leute gemeinsam am Tisch sitzen dürfen, ist es bei uns nur gestattet, Gäste aus einem Haushalt zusammen sitzen zu lassen. Von Demos – die natürlich ein sehr hohes Gut sind – mit Tausenden Teilnehmern, von denen viele mit Ansage gegen die Auflagen verstoßen haben, will ich gar nicht erst anfangen.

Gleichwohl sehen wir unseren Auftrag, Kultur stattfinden zu lassen – so zum Beispiel mit Unterstützung der Stadt Fulda bei der Open- Air-Reihe „Kultur.Findet.Stadt.“ im Sommer im Museumshof. Mir ist bewusst: Rotzige Rockkonzerte, wummernde Technosessions oder die beliebte 90er-Party, die wohl sehr viele Jüngere an den Wochenenden gerade vermissen, waren nicht dabei – und werden auch leider nicht so schnell wieder möglich sein. Es ist verständlich, dass sie feiern und nicht vor einer Bühne auf Stühlen sitzen wollen.

Dennoch war es ein super Gefühl, endlich wieder arbeiten zu dürfen – hinter, aber auch auf der Bühne. Mit der Kleinkunstgala „KKiKK – Die Bühne für Fulda“ war ich der erste Künstler, der die Bühne betreten durfte, und der letzte, der sie verließ. Ein Gänsehautmoment für mich, der mir wieder gezeigt hat, wie sehr ich meine Arbeit liebe.

Über 300 Events organisiert der Kulturverein Kreuz normalerweise jährlich

Seit September organisieren wir vom Kulturverein Kreuz wieder Indoor-Events. Angesichts der erlaubten Zuschauerzahlen natürlich keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Aber unter Künstler*innen sagt man, dass „unser Brot der Applaus des Publikums“ ist. Lecker ist er ja – am Ende reicht er aber nicht zum Überleben. Abwarten, was die Zeit bringt.

Mir persönlich hat sie eine Menge gebracht. Ich konnte mal wieder zur Ruhe kommen und neue Projekte an den Start bringen. Gerade den Bereich Podcast, in dem ich seit Jahren tätig bin, habe ich weiter ausgebaut: „Fulda Kultur – Der Podcast“ zum Beispiel ist eine neue Serie, in der ich wöchentlich Künstler*innen und Kulturschaffende zu Gast habe, die von ihrer Arbeit und ihrem Werdegang erzählen.

Auch habe ich erkannt, dass das Improvisationstheater mit all seinen Facetten mein eigentliches Steckenpferd ist. Ich habe die freie Zeit genutzt, um diverse Online- und Präsenz-Workshops mit Trainern und Schauspielern aus der ganzen Welt zu besuchen, habe Kontakte zu anderen Impro-Gruppen geknüpft und mit diesen zusammengearbeitet. Mein Ziel für nächstes Jahr ist eine Ausbildung zum professionellen Impro-Schauspieler – dieses Wissen möchte ich dann in Workshops weitergeben.

Und ich hoffe, dass wir beim Kulturverein Kreuz bald wieder die normale jährliche Marke von 300 Events knacken. Und überhaupt die gesamte Branche endlich wieder geregelt ihrer Arbeit nachgehen kann.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.